Energiewende Geld verdienen mit Erdgas

Die Atomkatastrophe in Japan verschiebt die Perspektiven auf den Energiemärkten. Gewinner sind jedoch nicht nur die neuen Energien, sagen Fachleute. Mittelfristig räumen sie fossilen Energieträgern bessere Chancen ein - und nennen einige Aktien, die davon profitieren könnten.
Gaspipeline "Blauer Strom" in der Türkei: Anleger können auf das Wachstum des Erdgasgeschäfts setzen - oder auf andere fossile Energieträger

Gaspipeline "Blauer Strom" in der Türkei: Anleger können auf das Wachstum des Erdgasgeschäfts setzen - oder auf andere fossile Energieträger

Foto: epa Kerim Okten/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Die Reaktion der Börse war eindeutig: Als die Atomkatastrophe im japanischen Kraftwerk Fukushima-Daiichi ihren Lauf nahm und die Bundesregierung mit dem Moratorium für die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke darauf reagierte, schossen an der Börse die Kurse der Aktien vieler Hersteller von Solar- und Windenergieanlagen in die Höhe. Die Anleger glaubten offenbar spontan, die Neue-Energien-Branche würde am ehesten von der sich anbahnenden Wende in der Energiepolitik profitieren.

Inzwischen haben sich die Kurszuwächse zum großen Teil wieder verflüchtigt. Das dürfte zum einen daran liegen, dass insbesondere die deutsche Solarbranche im weltweiten Wettbewerb auch unter den neuen Bedingungen künftig hart zu kämpfen haben dürfte. Zum anderen setzt sich wohl mehr und mehr die Meinung durch, dass bei einem schnelleren Ende des Atomzeitalters zumindest zunächst nicht unbedingt die neuen Energien die Gewinner wären. Viele Fachleute sehen vielmehr kurz- und mittelfristig vor allem die fossilen Energieträger im Vorteil, also Erdöl, Kohle und vor allem Erdgas. Und auch in diesen Branchen bietet sich Anlegern die Gelegenheit zum Investment.

"Seit dem Reaktorunglück in Japan wird über die Atompolitik neu diskutiert", sagt etwa Bernd Hartmann, Anlagestratege bei der VP Bank im Liechtensteinischen Vaduz. "Eine mittelfristige Alternative könnte die Stromerzeugung aus Gaskraftwerken sein. Denn Erdgas ist klimaschonender als Kohle und zudem in großen Mengen verfügbar."

Japan will Stromlücken vor allem mit Erdgas füllen

Auch von der Entwicklung in Japan profitiert laut Hartmann vor allem die Flüssiggasbranche (LNG). Denn der Verlust an Stromerzeugungskapazität, den das Erdbeben und der Tsunami auf der Insel verursacht haben, soll vor allem mit Erdgas ausgeglichen werden, so der Investmentfachmann mit Verweis auf Informationen der Internationalen Energiebehörde (IEA).

Als Vorteile von Erdgas nennt Hartmann zudem: Es ist klimaschonender als Kohle und zuletzt gegenüber Erdöl deutlich günstiger geworden. "Der CO2-Ausstoß von Gaskraftwerken liegt bis zu 60 Prozent unter dem von Kohlekraftwerken", sagt er. "Und die vorteilhafte Preisentwicklung gegenüber dem Erdöl hat einen einfachen Grund: Dank neuer Technologien werden immer wieder neue Gasvorkommen erschlossen." Selbst in Ton- und Sandstein eingeschlossenes Gas könne heute wirtschaftlich gefördert werden. "Solche so genannten Shale-Gas-Vorkommen sind vor allem in den USA zahlreich zu finden", sagt Hartmann.

Einen Haken hat die Sache allerdings, jedenfalls aus Anlegersicht: Die Gaswirtschaft wird zum Großteil beherrscht von multinationalen Großkonzernen. Im Handel mit dem Rohstoff etwa bestimmen die weltweit tätigen Ölgesellschaften wie Shell , Exxon Mobil  oder Total  das Geschehen. Den Investitions-intensiven Bau neuer Kraftwerke machen zudem Großkonzerne wie General Electric  aus den USA oder der deutsche Industrieriese Siemens  unter sich aus.

Für solche Global Player bildet das Gasgeschäft in der Regel lediglich eine Sparte unter mehreren. Die Kursphantasie, die durch die Energiewende in diesen Aktien entsteht, gilt daher als begrenzt. Hinzu kommt, dass neue Kraftwerksprojekte in dem Markt wegen der umfangreichen Planung eine lange Vorlaufzeit haben. Und derzeit ist ein signifikanter Anstieg der Aktivitäten noch kaum erkennbar. "Es gab in den vergangenen Jahren eine Flut neuer LNG-Kraftwerke", sagt Pierre Martin, Experte aus dem Rohstoffteam der Fondsgesellschaft DWS. "Auf absehbare Zeit ist aber nicht viel neues geplant." Erst ab 2015 oder 2016 sollen in Kanada wieder neue Großanlagen zur Gasgewinnung entstehen, so Martin. Der Rohstoff sei dann zum Export nach Asien bestimmt.

Kurspotenzial bei weniger prominenten Firmen

Anleger sollten daher wohl auf weniger prominente Firmen setzen. Die VP Bank nennt beispielsweise die Golar LNG Ltd., eine der weltweit führenden Reedereien für LNG-Tanker. "Die Frachtraten für LNG-Transporte werden aufgrund der Japan-Krise stark ansteigen", sagt VP-Bank-Stratege Hartmann. Er kennt allerdings auch die Kehrseite der Medaille: "Die Erschließung unkonventioneller Gasvorkommen wird sich langfristig negativ auf den LNG-Handel auswirken." Zudem liegt bei dieser Aktie der Zeitpunkt für den Einstieg womöglich schon in der Vergangenheit - der Kurs ist seit Beginn der Japan-Krise bereits um 40 Prozent gestiegen.

Weitere Investmentkandidaten sind nach Ansicht der VP Bank die El Paso Corp., die vor allem in den USA, Brasilien und Ägypten LNG-Pipelines und Erdgasdepots unterhält, die Dresser-Rand Group, ein Ausrüster der Erdgas- und Erdölindustrie, sowie die Cie Générale de Géophysique aus Frankreich, die auf seismische Untersuchungen zu Lande wie zu Wasser spezialisiert ist.

Die politische Dimension des Erdgasgeschäfts

Geht es um Investitionen in den Erdgassektor, nennen viele Investmentprofis zudem die British Gas Group (BG Group). Der Konzern mit einem Umsatz von rund 17 Milliarden Dollar pro Jahr hält unter anderem Beteiligungen an den aussichtsreichen Shale-Gas-Vorkommen in den USA. "Die BG Group ist bereits hoch bewertet, dafür aber auch überdurchschnittlich profitabel", sagt VP-Bank-Experte Hartmann.

Der Nachteil wiederum: Die BG Group hat den weitaus größten Teil ihres Geschäfts der kommenden zwei Jahre bereits mit Termingeschäften fixiert. "In der Aktie besteht daher bestenfalls langfristig Upside-Potenzial", sagt DWS-Fachmann Martin.

Martin ist zudem grundsätzlich skeptisch, ob der Erdgasbereich tatsächlich zu den Gewinnern der Atomwende zählen wird. Er macht auf die politische Dimension aufmerksam, die hierzulande beispielsweise dadurch entsteht, dass weit mehr als die Hälfte der Importe aus wenigen Regionen, allen voran Russland und Nordafrika, kommen. "Eine so starke Abhängigkeit von Ländern, deren politische Stabilität zum Teil angezweifelt werden kann, erscheint kritisch", sagt er.

Möglicherweise werden in der Energiepolitik daher mittelfristig doch die anderen fossile Energieträger bevorzugt, also beispielsweise Kohle. Deren Nutzung könnte technologisch weiterentwickelt und umweltfreundlicher gestaltet werden. Für Anleger ergäben sich dann wiederum neue Perspektiven.

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