Montag, 22. April 2019

Inflationsforscher Brachinger "Inflationsraten um 4 Prozent realistisch"

Reicht das Taschengeld? Auch Obst und Gemüse werden immer teurer
Getty Images
Reicht das Taschengeld? Auch Obst und Gemüse werden immer teurer

2. Teil: "In der Schweiz gibt es den 'Monsieur Prix'"

mm: Sehen Sie abseits der Geldmengensteuerung für die Politik Möglichkeiten, der Inflation entgegenzuwirken?

Brachinger: In der Schweiz gibt es den sogenannten Monsieur Prix, den Preisüberwacher, eine Figur, über die in Deutschland gern der Kopf geschüttelt wird. Das ist eine staatliche Institution, an die man sich wenden kann, wenn man Preise für zu hoch hält. Bei der Post zum Beispiel oder bei öffentlichen Verkehrsbetrieben blockiert der schon mal geplante Preiserhöhungen und sorgt dafür, dass der Markt möglichst gut spielt. Auch wenn es der reinen Lehre widerspricht: Warum sollte der Staat nicht mal genauer auf die Gewinnspannen etwa der Energieunternehmen schauen?

mm: Und bei den Lebensmitteln?

Brachinger: Da gibt es in Deutschland kaum Spielraum. Die Lebensmittelpreise sind schon so niedrig wie nirgendwo sonst. Allerdings ist auch die Qualität der Produkte im Allgemeinen vergleichsweise schlecht.

mm: Sie interessieren sich vor allem für die wahrgenommene Inflation, für die Sie eigens einen Index, den IWI, entwickelt haben (siehe Kasten links, d. Red.). Offiziell wird derzeit eine Inflationsrate von etwas mehr als 2 Prozent angegeben. Ihre Messung ergibt jedoch einen deutlich höheren Wert. Ist also alles schon viel dramatischer, als gedacht?

Brachinger: Man muss vorsichtig sein, denn das Verhältnis zwischen der amtlichen und der gefühlten Inflation schwankt stark. Bis Anfang 2010 beispielsweise lag die von uns gemessene gefühlte Inflation sogar unterhalb des amtlichen Index. Die gefühlte Inflation war seinerzeit sogar negativ, was vor allem an den günstigen Lebensmittelpreisen lag. Erst seit Anfang vergangenen Jahres notiert unser IWI oberhalb des amtlichen Index. Er steigt seither kontinuierlich und liegt derzeit bei 5 Prozent. Und ich bin sicher, dass er noch weiter ansteigen wird.

mm: Zum Schluss bitte noch einen Ratschlag: Sollen Menschen in Zeiten der Inflation besonders klug anlegen oder besonders viel konsumieren?

Brachinger: Am sinnvollsten ist natürlich immer eine gemischte Strategie. Wer in der Zukunft eine größere Summe benötigt, der muss Geld zurücklegen. Um sich gegen Inflation zu schützen, bieten sich zum Beispiel inflationsgeschützte Anleihen an. Für die wird der Markt wachsen, behaupte ich.

mm: Einen höheren Konsum um Preissteigerungen zuvorzukommen halten Sie nicht für sinnvoll?

Brachinger: Das kommt darauf an. Bei längerlebigen Gütern wie einem Auto kann es schon mal sinnvoll sein, einen Kauf vorzuziehen, etwa, wenn ich weiß, dass in der Zukunft der Mehrwertsteuersatz erhöht wird, wie das im Januar 2007 der Fall war. Im Allgemeinen macht das aber wenig Sinn. Soll ich etwa einen privaten Butterberg anlegen? Die Menschen werden in Zukunft zwangsläufig einen höheren Anteil ihres Budgets für den kurzfristigen Konsum verwenden, sie können gar nicht anders, wenn sie ihren gewohnten Lebensstandard halten wollen. Das heißt, dass die Sparquote sinken wird, insbesondere bei den unteren bis mittleren Einkommensschichten.

Seite 2 von 2

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung