Yen auf Rekordhoch Japans Wirtschaft droht Währungsschock

Japan stemmt sich mit aller Macht gegen die Krisenfolgen. Autoriesen wie Toyota versuchen ihre Produktion hochzufahren, Lebensmittelhändler wieder die Regale zu füllen. Doch genau in diesem Moment droht die eigene Yen-Währung zur nächsten historischen Belastungsprobe für das gebeutelte Land zu werden.
Von Marleen Gründel und Karsten Stumm
Der Kampf gegen die Krise: Wegen der erwarteten immensen Kosten infolge der Atom- und Naturkatastrophe stieg die japanische Währung, der Yen, auf ein Rekordhoch zum Dollar

Der Kampf gegen die Krise: Wegen der erwarteten immensen Kosten infolge der Atom- und Naturkatastrophe stieg die japanische Währung, der Yen, auf ein Rekordhoch zum Dollar

Foto: KIM KYUNG-HOON/ REUTERS

Tokio/Frankfurt am Main - Japan kämpft. Um seine Kraftwerke, seine Wirtschaft, seine Zukunft. Und mitten in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, wie Japans Ministerpräsident Naoto Kan sie nennt, wird aktuell auch noch die eigene Währung zum Wiederaufbauhindernis: Der Yen-Kurs ist heute, so bizarr es auch anmuten mag, verglichen etwa mit dem US-Dollar auf den höchsten Stand seiner Geschichte geschossen. Zuletzt mussten deshalb aus japanischer Sicht heute nur noch 78,70 Yen für einen US-Dollar gezahlt werden. Das aber macht die schnelle wirtschaftliche Erholung der asiatischen Wirtschaftssupermacht noch schwieriger.

Japans Exportprodukte verteuern sich nicht nur aufgrund des Yen-Preisschubs mitten in der Krise. Japans Wirtschaft ist auch noch wie kaum eine andere von seinem Außenhandel abhängig. Und der Grund für die krisenhafte Zuspitzung für Japan ist auch noch die Kehrseite des eigenen Reichtums.

Japan, als traditionsreicher Exportriese, hat einen gehörigen Teil seiner über Jahrzenhnte angehäuften Leistungsbilanzüberschüsse vielfach im Ausland angelegt. Da haben sie anständigere Renditen als im Inland abgeworfen. Jetzt aber benötigen die Japaner sprichwörtlich jeden dieser vielen Billionen Yen, um ihren Staat damit nach den Naturkatastrophen wieder aufzubauen.

Mit anderen Worten: Sie verkaufen ihr Erspartes im Ausland und wechseln die Summen wieder in Yen. Insbesondere Japans Versicherungskonzerne sind so in den vergangenen Stunden aktiv geworden. Und genau das treibt jetzt den Yen-Kurs in die Höhe - über das bisherige höchste je ermittelte Krisenniveau hinaus.

Notenbank wird voraussichtlich intervenieren

78,70 Yen, der aktuelle Yen-Kurs gegenüber dem US-Dollar, liegt noch deutlich unter dem bisherigen je gemessenen Tiefststand der japanischen Devise von 79,75 Yen gegenüber der Weltleitwährung US-Dollar. Und dieser bisherige Tiefstand war im Jahr 1995 erreicht worden - nach dem schweren Erdbeben in der Gegend der japanischen Millionenstadt Kobe. Schon damals zeigte sich nämlich das gleiche Devisenkursphänomen: Der Yen wertete in den Tagen nach dem Kobe-Beben um 20 Prozent gegenüber dem Dollar auf, weil Japan auch damals seine Vermögenswerte heim auf die gebeutelte Insel gelotst hatte.

Der vor allem im Vergleich zum Dollar starke Yen ist allerdings nicht nur eine Krisenfolge. Schon seit Jahren ist er eines der größten Probleme der japanischen Wirtschaft. Kostete Mitte 2007 ein Dollar noch mehr als 120 Yen, waren es schon vor der Natur- und Nuklearkatastrophe nur noch etwa 85 Yen. Exportunternehmen wie zum Beispiel der Autohersteller Toyota  erhielten deshalb schon vor der Krise deutlich weniger Yen für in den USA verkaufte Autos, als noch Jahre zuvor. Nicht zuletzt, weil in Märkten mit starkem Wettbewerb in der Regel kaum die Chance für Japans Exporteure besteht, die eigenen Verkaufspreise entsprechend anzuheben, um den gewinnschmälernden Währungseffekt auszugleichen.

Viele Analysten und Experten rechnen jetzt damit, dass die japanische Regierung bald am Devisenmarkt einschreiten wird, um den Kurs der japanischen Devise nicht noch weiter in die Höhe schießen zu lassen - und den wirtschaftlichen Spielraum für den Wiederaufbau der besonders betroffenen Gebiete Japans damit zumindest tendenziell noch weiter zu begrenzen. Die Finanzminister der sieben führenden Industrieländer wollen am Freitag in einer Telefonkonferenz die aktuelle Lage in Japan besprechen, berichten Nachrichtenagenturen.

"Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, Flagge zu zeigen, als den Markt sich austoben zu lassen", bemerkte heute die Commerzbank .

dpa-afx/rtr/afp