Japans Autoindustrie Die Spur führt nach Deutschland

Es ist ein herber Rückschlag: Obwohl sich die Kurse japanische Aktien zuletzt etwas erholen konnten, hatten sie zuvor binnen zweier Tage ein Fünftel ihres Wertes eingebüßt. Das trifft auch die Aktienkurse der japanischen Autoriesen - mit internationalen Folgen.
Von Arne Gottschalck
Autobranche Japan: Die Katastrophe hinterlässt ein Trümmerfeld - auch die Automobilhersteller leiden

Autobranche Japan: Die Katastrophe hinterlässt ein Trümmerfeld - auch die Automobilhersteller leiden

Foto: Koji Sasahara/ AP

Hamburg - Ungewohnt ist es, wenn zum Beispiel Analysten der Credit Suisse in einer aktuellen Studie zwar die Schwere der Entwicklungen in Japan feststellen, doch zuvor ihre Betroffenheit ausdrücken. Ungewohnt ist es, wenn Unternehmen wie Allianz Global Investors wegen der Ereignisse in Japan eine Pressekonferenz absagen. Ist das ein neues Zartgefühl an der Börse? Ausgerechnet an jenem Ort also, der nach Meinung des Wirtschaftsweisen Peter Bofinger "keine moralische Anstalt" ist?

So oder so: Es bleibt die nüchterne Frage zu klären, wie nachhaltig die jüngsten Kursverluste in Japan waren. Immerhin verloren Aktien zwischenzeitlich fast 20 Prozent an Wert. Vor allem Autoaktien gehörten zu den Verlierern. Und das könnte noch eine ganze Weile so bleiben. Denn etliche Fabriken sind beschädigt worden, außerdem ist die Frage der künftigen Energieversorgung ungeklärt - immerhin sind aktuell offenbar zwölf Kraftwerke abgeschaltet, zwei davon dauerhaft.

Kein Wunder, dass Autobauer Toyota  die Produktion vorerst ruhen lässt, nur Komponentenwerke nehmen langsam wieder die Arbeit auf. Rund 45 Prozent seiner globalen Produktionsmöglichkeiten liegen damit für Toyota brach. Ähnlich das Bild bei Nissan , Suzuki  und Honda . Und das Unglück betrifft auch die Zulieferer, immerhin besteht ein Auto aus zwanzig- bis dreißigtausend Teilen.

Bei JP Morgan sieht man für die näherer Zukunft daher keine Rückkehr zu normalen Produktionszyklen. Das Unternehmen Denso  beispielsweise stellt Klimaanlagen und auch Scheibenwischer her. Damit ist es zu einem der größten Zulieferer der Welt geworden. An der Börse hat Denso am 14. März deutlich verloren. Dabei "gibt es keine größeren Schäden an unseren Fabriken oder auch Todesfälle unserer Mitarbeiter", sagt Sadayoshi Yokoyama, Sprecher der Firma. "Ein Teil unserer Gesellschaften hatte ihre Produktion zeitweise gestoppt, aber jetzt können sie weiter produzieren." Die Aktie hat sich seitdem auch etwas erholt. "Wie auch immer, aufgrund der Situation einiger Kunden wird die Produktion weitergehen." Auch Konkurrent NGK Spark Plug leidet unter Kursabschlägen.

Das wird nicht spurlos an der Welt vorbeigehen, denn Japans Anteil an der weltweiten Autoproduktion liegt bei 32 Prozent, hat Credit Suisse ausgerechnet. Bei automatischen CVT-Getrieben sind es sogar 92 Prozent. Und so rechnet man beim Institut IHS automotive damit, dass "der Effekt in vielen Teilen der Welt zu spüren sein wird, inklusive der Vereinigten Staaten, China und Europa, weil viele Schlüsselkomponenten aus Japan exportiert werden." BMW  beispielsweise hat erklärt, es prüfe derzeit, wie weit seine Zulieferer auch arbeiten könnten.

Eine Gemengelage schlägt sich an der Börse nieder. ""Auf der einen Seite sind das ganz handfeste Faktoren wie die Zerstörung oder Beschädigung von Produktionsanlagen durch Erdbeben und Tsunami", sagt Philipp Vorndran, Ökonom und Aufsichtsrat der Vermögensverwaltung Flossbach & von Storch. "Das schmälert die Gewinnaussichten der Unternehmen und belastet daher deren Aktienkurs. Dazu kommen noch die bislang nicht kalkulierbaren Risiken durch eine mögliche nukleare Verschmutzung der Produktionsstätten in der Bucht von Tokio. Dafür fordert der Markt verständlicherweise momentan eine hohe Risikoprämie. Diese würde aber wieder einkassiert, sollte sich die atomare Gefahrenlage entschärfen."

Und so pendeln die Reaktionen auch in zwei verschiedene Richtungen. Die eine Richtung markiert zum Beispiel die VP-Bank. Sie vermeldet, ihre "Aktienposition auf 'leicht untergewichten'", sprich zu verkaufen. Bei Union Investment das gleiche Bild: "In unseren Fonds haben wir die Risiken in Bezug auf japanische Werte weiter abgebaut", schreibt die Fondsgesellschaft. "Darüber hinaus wurden insbesondere Papiere von europäischen Versorgern und Kraftwerksbauern veräußert." Andere greifen beherzt zu. Virginie Maisonneuve beispielsweise, Aktienchefin bei der Fondsgesellschaft Schroders, hat unter anderem japanische Bauunternehmen gekauft.

Vermutlich keine einfache Entscheidung - denn "verlässliche Prognosen fallen angesichts der ungeklärten Situation in den beschädigten Kernkraftwerken Japans schwer", sagt Mikio Kumada, Global Strategist bei LGT Capital Management. Wohl den Investoren, die bereits in die Baubranche investiert hatten. Denn Aktien wie Kumagai Gumi legten um fast 50 Prozent zu - allein am Dienstag. Und am Mittwoch zog der gesamte Index Nikkei  nach.

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