Kursrutsch "Es bleibt ein regionales Problem"

Trotz des Kurseinbruchs in Japan: Ein Finanz-Tsunami drohe den Märkten nicht, sagt Folker Hellmeyer. Die Konjunktur Japans werde sich schnell wieder erholen, ist der Chefanalyst der Bremer Landesbank überzeugt. Zumal die Notenbank richtig reagiert habe - und die Verschuldung Japans nicht mit der Situation der europäischen Schuldenstaaten zu vergleichen sei.
Kursrutsch in Tokio: Die realwirtschaftlichen Folgen der Krise könnte das Land in weniger als sechs Monaten hinter sich gelassen haben, sagen Optimisten. Die Turbulenzen an den Finanzmärkten dürften sich schneller legen

Kursrutsch in Tokio: Die realwirtschaftlichen Folgen der Krise könnte das Land in weniger als sechs Monaten hinter sich gelassen haben, sagen Optimisten. Die Turbulenzen an den Finanzmärkten dürften sich schneller legen

Foto: Koji Sasahara/ AP

mm: Herr Hellmeyer, die Tokioter Börse reagiert den ersten vollen Handelstag nach der Katastrophe mit einem Kurseinbruch von 6,8 Prozent. Müssen wir uns auf einen Finanz-Tsunami an den Märkten einstellen?

Hellmeyer: Nein, das ist kein Thema. Die Reaktion in Tokio ist verständlich, die Risikoaversion steigt deutlich. Wie weit der Ausverkauf dort in den folgenden Tagen gehen wird, ist noch nicht abzusehen. So furchtbar die Flutkatastrophe ist und so unsicher sich die weitere Entwicklung in japanischen Atomkraftwerken zur Stunde darstellt, bleibt es aber ein regionales Problem.

mm: Schlechte Nachrichten gibt es genug: Aufstände in arabischen und nordafrikanischen Ölstaaten, neue Abstufungen europäischer Schuldenstaaten - könnte Japan nicht der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt?

Hellmeyer: Sicherlich gibt es diese Probleme, die Katastrophe in Japan wird das Gesamtgefüge weltwirtschaftlichen Wachstums und der Finanzmärkte aber nicht gefährden. Japan hat einen Anteil der Weltwirtschaft von 6 Prozent. Die japanische Konjunktur wird die nächsten drei bis sechs Monate auch heftig zurückfallen. Es mag makaber klingen, aber letztlich haben Naturkatastrophen diesen Ausmaßes einen entscheidenden Zug: Im späteren Verlauf stellen sie einen großen Wachstumstreiber für die Wirtschaft dar, sofern in den betroffenen Ländern ausreichend Kaufkraft und Kreditwürdigkeit gegeben ist. Das ist bei Japan derzeit der Fall.

mm: Ein starker Wirtschaftsaufschwung in Japan ist angesichts der aktuellen Bilder derzeit schwer vorstellbar.

Hellmeyer: Das Drama und die Tragödie, die sich in Japan vor unseren Augen abspielt, zwingt zu einer inneren Einkehr, die nur schwer mit einem nüchternen Ton zu Wirtschaftsentwicklungen oder Finanzmarktentwicklungen überein zu bringen ist. Gleichwohl wissen wir von der Erdbebenkatastrophe in Kobe im Jahr 1995, dass die japanische Industrieproduktion nur wenige Monate brauchte, um das Niveau vor dem Beben zu erreichen. Realwirtschaftlich dürfte die Katastrophe spätestens in sechs Monaten wieder aufgearbeitet sein, finanzwirtschaftlich dürfte es erheblich schneller gehen.

mm: Japans Notenbank will zur Linderung der ökonomischen Folgen des Bebens und zur Beruhigung der Märkte die Wertpapierkäufe ausweiten und dem Finanzsystem bis zu 130 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Ist das der richtige Schritt?

Hellmeyer: Absolut, die Bank muss Liquiditätsengpässe zwingend vermeiden. Das ist die Lehre aus der globalen Finanzkrise: Mit massiver Liquidität sollen Probleme an den Finanzmärkten erst gar nicht entstehen können. Sehr wahrscheinlich wird die Zentralbank den gesetzten Rahmen überhaupt nicht ausschöpfen müssen. Es gilt proaktiv zu agieren, und genau das macht die Bank of Japan jetzt.

mm: Verschärft sie damit das Schuldenproblem nicht enorm?

Hellmeyer: Natürlich verschärft sich dadurch das Problem der Staatsschulden. Japan kann es sich aber noch leisten, weil das Land derzeit vor allem sich selbst gegenüber verschuldet ist. Eine maßgebliche finanzielle Abhängigkeit wie vereinzelt bei europäischen Peripherie-Staaten besteht nicht.

mm: Die Diskussion um die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke in Deutschland flammt wieder auf. Energiewerte am deutschen Aktienmarkt verlieren heute kräftig. Sollte der Anleger besser die Finger von Energietiteln lassen?

Hellmeyer: Im Moment sind sie zumindest mit Vorsicht zu genießen. Die Debatte um die Rolle der Atomenergie, die erfolgen wird, sollten wir nicht unterschätzen. Atomkraftwerke auf dem pazifischen Feuerring zu errichten, halte ich für riskant. Die Situation in Japan ist aber nicht notwendig mit anderen Regionen vergleichbar, auch nicht mit Deutschland. Wir müssen aber davon ausgehen, dass die Rolle der Atomkraft im internationalen Energiemix durch die derzeitige Katastrophe negativ beeinflusst wird. Eine Neuausrichtung in der Energiepolitik ist im Zweifelsfall Kosten treibend und womöglich auch Sand im Getriebe der Weltwirtschaft. Die Folgen dieser Neuausrichtung sind im Detail auch noch nicht abschätzbar. Sie wird aber keinesfalls zu einer Trendwende in der Weltwirtschaft führen.

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Atomkraft: Restlaufzeiten der deutschen Atomkraftwerke

Foto: Wolf-Dietrich_Weissbach/ picture-alliance / dpa
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