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Topperformer: Diese Aktien brachten 2010 weltweit die höchsten Rendite

Foto: JUAN MABROMATA/ AFP

Schwellenländer vs. Industriestaaten Wo Aktien die höchsten Renditen bringen

Angesichts politischer Instabilitäten und hoher Inflation werden Aktienanlagen in Schwellenländern anscheinend immer riskanter. Viele Experten raten daher jetzt zu etablierten Börsen. Doch der umsichtige Investor muss sich zwischen Frankfurt und Shanghai nicht entscheiden - wenn er die richtigen Papiere kauft.

Hamburg - Eine Aktienrendite von 54 Prozent pro Jahr, im Durchschnitt eines gesamten Marktes, ist beachtlich. Aber nicht unmöglich, wie eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) zeigt. Der Untersuchung zufolge fiel diese Rendite - also Kursgewinne plus Dividenden - im vergangenen Jahr an der Börse in Argentinien an. Nach BCG-Berechnung war Buenos Aires damit 2010 weltweit Spitzenreiter.

Die Unternehmensberatung hat die Aktienrenditen des vergangenen Jahres aller wichtigen Märkte der Welt verglichen. Das Ergebnis überrascht auf den ersten Blick nicht: Die Börsen in den Schwellenländern warfen im Schnitt mehr ab als jene der Industriestaaten. Die hohen Wachstumsraten der Realwirtschaft machen sich eben auch an den Aktienmärkten bemerkbar.

Ein Blick auf die Details stimmt jedoch nachdenklich. Zum einen hinken die Industrieländer wie die USA, Deutschland oder Japan zwar im Schnitt hinterher. Auf der Liste mit den erfolgreichsten Einzelunternehmen belegen jedoch überwiegend Konzerne aus diesen etablierten Ökonomien die vorderen Plätze.

Die Börse in China kam 2010 unter die Räder

Zum anderen bekommt das Bild der zwei großen Blöcke aus Industrie- und Schwellenländern bei genauer Betrachtung Risse. Die Emerging Markets etwa bilden nur scheinbar eine dynamische Phalanx. Tatsächlich lieferten sie im vergangenen Jahr höchst unterschiedliche Performances. Während Länder wie Thailand (45 Prozent Aktienrendite), die Philippinen (43 Prozent) und Indonesien (36 Prozent) an die starke Wertentwicklung Argentiniens heranreichten, blieben andere deutlich dahinter zurück.

Vor allem die viel gerühmten BRIC-Staaten performten sehr unterschiedlich: Während Russland und Indien mit 24 beziehungsweise 18 Prozent deutlich im Plus landeten, stagnierte der Markt in Indien. Und in China kam die Börse mit einer Aktienrendite von minus 21 Prozent sogar heftig unter die Räder.

Ähnlich das Resultat bei den Industrienationen: Am stärksten entwickelte sich der wohlhabende Norden Europas, mit Aktienrenditen von beispielweise 35 Prozent in Dänemark oder 30 Prozent in Finnland. Die großen Wirtschaftsmächte wie Deutschland (16 Prozent) und die USA (15 Prozent) landeten im Mittelfeld. Nicht mithalten konnte dagegen der schuldengeplagte Süden Europas (Griechenland minus 39 Prozent, Spanien minus 13 Prozent) sowie Japan, wo die Börse 2010 trotz des weltweiten Aufschwungs ebenfalls lediglich stagnierte.

Für Frank Plaschke, BCG-Partner und Autor der Studie, ist diese Ausdifferenzierung das spannendste Ergebnis seiner Arbeit. "Im Jahr zuvor hatten wir beispielsweise bei den Schwellenländern noch einheitlich starke Zuwächse", sagt er. "Vor allem das Zurückfallen der BRIC-Staaten gegenüber anderen Emerging Markets im vergangenen Jahr kam wohl für viele überraschend."

Die größten Risiken der Schwellenländer

Die Folge daraus ist allerdings für Anleger wenig erfreulich. Denn wer künftige Entwicklungen vorhersagen, sprich, die Märkte mit den besten Aussichten identifizieren will, hat es nach Ansicht Plaschkes immer schwerer. "Die zunehmende Zerfaserung der weltweiten Kapitalmärkte macht es immer schwerer, klare Tendenzen abzuleiten", sagt der Experte. "Prognosen werden daher immer schwieriger."

"World Economic Outlook": Der IWF erwartet in den Schwellenländern signifikant höheres Wirtschaftswachstum als in den Industriestaaten. Am dynamischsten entwickelt sich Südostasien

"World Economic Outlook": Der IWF erwartet in den Schwellenländern signifikant höheres Wirtschaftswachstum als in den Industriestaaten. Am dynamischsten entwickelt sich Südostasien

Foto: IWF

Wer den Blick nach vorne dennoch wagt, wird zunächst feststellen, dass auch künftig die höheren Wachstumsraten in den Schwellenländern zu erwarten sind - und zwar vor allem in jenen Süd-Ost-Asiens. Der Internationale Währungsfonds (IWF) etwa prognostiziert insbesondere den Zugpferden dort in diesem Jahr gewaltige Zuwächse. So hat China laut IWF ein Plus von 9,6 Prozent zu erwarten, Indien steht immerhin eine Expansion der Wirtschaftsleistung um 8,4 Prozent ins Haus. Im gesamten World Economic Outlook des IWF erhält überhaupt nur ein Land eine höhere Prognose: Turkmenistan, mit plus 11,5 Prozent.

Selbst die übrigen Schwellenländer sehen gegenüber dem wachstumsstarken Emerging Asia blass aus. Russland und Brasilien beispielsweise haben ein Wirtschaftswachstum von jeweils gut 4 Prozent zu erwarten. Und die westliche Wirtschaft hinkt vollends hinterher: USA plus 2,3 Prozent, Euro-Zone sogar lediglich 1,5 Prozent, so die Prognose des IWF.

Das größte Problem der Schwellenländer ist die Inflation

Wer angesichts dessen schon drauf und dran ist, den Schwerpunkt seines Depots gen Osten zu verlagern, sollte jedoch noch innehalten. Denn die Wachstumsaussichten bringen zwar auch für die Börsen dort große Chancen mit sich. Denen stehen jedoch gewaltige Risiken gegenüber.

Das größte Problem, mit dem die Schwellenländer derzeit zu kämpfen haben, ist wohl die Inflation. Jeder Volkswirt weiß: Gerät die Teuerung außer Kontrolle, kann sie jeden Aufschwung schnell abwürgen. Und in einigen aufstrebenden Nationen hat die Preissteigerung insbesondere bei Lebensmitteln bereits ein bedenkliches Tempo erreicht.

Vor allem in Indien. Einer Analyse der US-Bank Goldman Sachs  zufolge führt das Land das Inflationsranking der "Emerging World" an - mit einem Wert von 9,3 Prozent im vierten Quartal 2010 gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Nicht viel besser steht Russland da, mit 8,1 Prozent. Und auch Brasilien (5,5 Prozent) und China (4,7 Prozent) haben zu kämpfen.

Die Inflation wird diese Länder auch künftig beschäftigen, so Goldman Sachs. Da die Regierungen vielerorts bereits kräftig gegenlenken, erwarten die Experten allerdings kein Ausufern der Preissteigerung. "Wir glauben, dass ein abruptes Abwürgen des Aufschwungs verhindert werden kann", heißt es in der Analyse.

Die Inflation ist allerdings nicht das einzige, was die Aussichten in den Schwellenländern verdüstern kann. Generell müssen Anleger dort in vielen Fällen eine geringere politische Stabilität einkalkulieren (siehe Tunesien, siehe Ägypten, siehe Libyen).

Welche Strategie die besten Renditeaussichten bietet

Die Credit Suisse  etwa macht in einer Analyse auf die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel aufmerksam. Zudem könne ein Konflikt mit dem Iran zu Engpässen bei der weltweiten Erdölversorgung führen, so die Schweizer Bank. Rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Erdöls müssen durch die Straße von Hormuz, die an der iranischen Küste den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und dem Arabischen Meer verbindet. Und welche Auswirkungen schon kleine Störungen am Ölmarkt auf den Preis des wichtigsten Rohstoffs haben können, lässt sich in diesen Tagen eindrucksvoll verfolgen.

So eine Erschütterung am Ölmarkt würde zwar auch sämtliche Industrienationen treffen. Viele Experten halten die Börsen dort jedoch in der aktuellen Lage alles in allem dennoch für attraktiver. "In den nächsten Monaten werden sich die etablierten Märkte besser entwickeln als die Emerging Markets", sagt etwa Burkhard Allgeier von der Privatbank Hauck & Aufhäuser. Neben der Inflation und der Gefahr von politischen Unruhen spricht seiner Ansicht nach vor allem dafür, dass sich die Konjunkturaussichten in den entwickelten Märkten zuletzt verbessert haben. "Der Ifo-Index markiert fortlaufend Höchststände und der US-Arbeitsmarkt zeigt Anzeichen einer Belebung", sagt er.

"Bei Schwellenländern gibt es einige Risiken, die nicht zu unterschätzen sind", sagt auch Hannes Peterreins, Vermögensverwalter aus München. "Beispielsweise in China das politische Risiko." Der Anlageprofi wirft zudem eine prinzipielle Frage auf, die sich jeder Anleger stellen sollte: Braucht er überhaupt eine so hohe Zielrendite? "Die ist immer auch mit einem entsprechend hohen Risiko verbunden", sagt Peterreins. "Wer auf die hohe Rendite auch verzichten kann, sollte besser die Finger von Schwellenländer-Wertpapieren lassen."

Experten favorisieren Industrieländer

Viele Anleger sind offenbar schon zu diesem Schluss gekommen. Darauf deuten jedenfalls die Mittelzu- und -abflüsse in den vergangenen Monaten hin. So wurden nach Angaben der DJE Kapital AG bis zum Ende des vergangenen Jahres historische Rekordvolumina in Schwellenländer-Aktienfonds investiert. Aktienfonds mit Investitionsziel USA dagegen verzeichneten gleichzeitig Nettomittelabflüsse. Seit Jahresanfang jedoch dreht sich diese Entwicklung laut DJE um: Während bereits rund 18 Milliarden Euro aus Schwellenländer-Aktienfonds abflossen, verbuchten im Inland anlegende US-Aktienfonds Zuflüsse.

"Gleichzeitig werden die Schwellenländer-Aktienmärkte durch hohe Neuemissionsvolumina belastet", sagt DJE-Vorstand Eberhard Weinberger. "Alles in allem entsteht also kurzfristig im Schwellenländer-Bereich ein ungünstiges Angebots-Nachfrage-Verhältnis." Das Fazit des Vermögensverwalters ist daher eindeutig: "Mittel- bis langfristig gefällt uns nach wie vor die asiatische Schwellenländerregion und insbesondere China am besten", sagt er. "Kurzfristig könnten sich die Aktienmärkte der Industrieländer zumindest relativ gesehen jedoch besser entwickeln."

Eine Alternative indes gibt es, die möglicherweise die besten Renditeaussichten verspricht: Das Investment in etablierte Konzerne westlicher Provenienz, die jedoch einen Großteil ihres Geschäftes in den aufstrebenden Regionen machen. Die BCG-Studie ergab: Im vergangenen Jahr waren es genau diese Unternehmen, die die höchsten Aktienrenditen brachten. Der französische Luxusgüterkonzern LVMH  etwa gehört ebenso dazu wie in Deutschland die Autobauer Volkswagen , BMW  und Daimler  sowie das Chemieunternehmen BASF .

Aber Vorsicht: Weil diese Aktien bereits sehr gut gelaufen sind, könnte ein Großteil der Chancen schon im Preis enthalten sein.

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