DWS-CIO Wöhrmann "Angst vor allgemeinem Preisauftrieb"

Asoka Wöhrmann ist seit Anfang des Jahres Anlagevordenker der Fondsgesellschaft DWS. Ein Gespräch über galoppierende Rohstoffpreise, Anleihen als Ponzi-Schema - und einen erkenntnisreichen Marktbummel.
Von Arne Gottschalck
Asoka Wöhrmann, CIO der Fondsgesellschaft DWS: "Investoren haben einen Reset-Knopf im Kopf. Gerade bei Privatinvestoren setzt schnell eine kollektive Amnesie ein. Profiinvestoren sind da anders."

Asoka Wöhrmann, CIO der Fondsgesellschaft DWS: "Investoren haben einen Reset-Knopf im Kopf. Gerade bei Privatinvestoren setzt schnell eine kollektive Amnesie ein. Profiinvestoren sind da anders."

mm: Herr Wöhrmann, wenn man die immer teurer werdenden Rohstoffe betrachtet oder auch die Anleger, die Milliardengelder aus den Emerging Markets abziehen - wie nervös sind die Finanzmärkte? Geht das Immunsystem wieder in die Knie?

Wöhrmann: Ihr Bild vom Immunsystem gefällt mir. Um es beizubehalten: Das System ist derzeit noch instabil. Die Wirtschaft ist aus der Intensivstation entlassen worden, befindet sich aber noch im Krankenhaus. Und medizinische Versorgung ist auch noch erforderlich.

mm: Reicht die deutsche Strahlkraft also nicht, Europa zu helfen?

Wöhrmann: Die EU ist seit der Krise nie so stark gewesen wie sie es jetzt ist. Die Nervosität ist allerdings geblieben. Das ist Teil der Psychologie der Märkte - die Teilnehmer beobachten sehr genau und nehmen gegebenenfalls Gewinne mit. Das hat auch die jüngsten Rücksetzer hervorgerufen, etwa in den Schwellenländern. Dazu kommt die Sorge um den starken Anstieg der Nahrungsmittelpreise. Das war einer der Auslöser für die Unruhen in Nordafrika. Für die Menschen dort haben sich die Brotpreise dramatisch erhöht, ohne dass die Löhne gestiegen sind. Angst vor einem allgemeinen Preisauftrieb macht sich breit.

mm: Die aber weltweit diskutiert wird.

Wöhrmann: Ja, das ist richtig. Zum einen müssen die Schwellenländer dieses Phänomen in den Griff bekommen. Denn ausufernde Inflation führt zu Unruhen - und das fürchten auch Länder wie China. Zum anderen sind die Preissteigerungsraten aber auch in Deutschland ein Problem. Das wird auf der abstrakten Makroebene kaum deutlich, wenn man sich hingegen die einkommensschwachen Schichten anschaut, dann werden inflationäre Tendenzen bemerkbar. Ich gehe seit Jahren für meine Familie auf dem Markt einkaufen und frage mich jedes Jahr, wie gerade diese Bevölkerungsgruppe mit den immer teurer werdenden Preisen zurechtkommt. Aber immerhin leiden die Schwellenländer an keiner strukturellen Immunschwäche. Die Nervosität ist nicht nur eine Frage der Rohstoffpreise, sondern auch der Verschuldung.

mm: Damit landen wir, um das Bild nochmals zu nutzen, beim Patienten Europa.

Wöhrmann: Wissen Sie, die Europäer verhalten sich ziemlich deutsch. Vielleicht haben wir auch das Lamentieren exportiert. Ich spreche häufiger mit Amerikanern oder Australiern, die das gar nicht verstehen können. Schließlich steht die EU besser da als die USA, England oder Japan. Dennoch wird hartnäckig behauptet, Europa ginge es schlecht. Das geht so weit, dass die Credit Default Swaps für Libanon zwischenzeitlich günstiger waren als die für Spanien. Dabei steckt der Libanon mitten in einem Streit um die Nachfolge von Hariri und ist geprägt vom Bürgerkrieg. Das steht in keinem Verhältnis. Richtig ist allerdings, dass Europa derzeit konstitutionelle Schwächen zeigt. Die Ungleichgewichte zwischen den einzelnen Ländern sind zu groß geworden, es fehlt ein Kontrollmechanismus.

Anleihenkrise

mm: Sollten das nicht die Märkte sein?

Wöhrmann: Die Märkte haben den Weckruf geleistet. Inzwischen hat die Politik begriffen, dass sie etwas tun muss. Die Länder brauchen klare Spielregeln und eine effiziente Kontrolle. Die Party in der Peripherie Europas ist vorbei, jetzt folgen Kater und Souveränitätsverluste bei den Empfängerländern.

mm: Welche Länder müssen denn noch die bittere Pille schlucken, sprich, unter den Schirm schlüpfen?

Wöhrmann: Bei Portugal besteht die Möglichkeit, dass das Land unter den Schirm schlüpfen muss. Spanien und Italien sind meines Erachtens zu groß.

mm: Ist die europäische Krise auch ein Kommunikationsproblem?

Wöhrmann: Auf jeden Fall. Viele verstehen nicht, warum Deutschland nicht von der Euro-Land-Krise profitiert. Die Krise ist eine Sonderkonjunktur für Deutschland. Der schwache Euro und niedrige Zinsen haben gerade der exportorientierten deutschen Wirtschaft sehr geholfen. Und was wäre denn die Alternative zum Euro - etwa die Rückkehr zur D-Mark? Die hätte gewaltig aufgewertet - mit entsprechenden Effekten auf den Export. Umso erstaunlicher, dass ich allen Ernstes von Investoren nach D-Mark-Anleihen gefragt werde.

Aber zurück zur Kommunikation: Der Markt braucht Klarheit und Visibilität. Und hierfür brauchen wir verbindliche Regeln.

mm: Was für Regeln sollen das sein?

Wöhrmann: Wir brauchen Regeln für die Emission von Staatsschulden. Ein funktionierender Kapitalmarkt ist für die Währungsunion überlebensnotwendig. Wir brauchen eine klare und ehrliche Kommunikation, verbunden mit der Aufstellung eines realistischen Langfristplans zur Meisterung der Schuldenkrise. Es herrscht bei vielen Akteuren der Eindruck eines Ponzi-Schemas, bei dem alte Schulden mit neuen bezahlt werden. Das muss sich ändern.

mm: Und wie das?

Wöhrmann: Die Krisenstaaten bekommen einen Plan an die Hand, ihre Schulden zurückzuführen. Das betrifft die Altschulden. Neuschulden hingegen würden höhere Erträge bieten, aber eben auch höhere Risiken beinhalten. Schauen Sie sich die Irrationalität heute an: zweijährige Griechenland-Anleihen bringen 10 Prozent Zinsen trotz Rettungsschirm.

mm: Aber Anleihen von Krisenstaaten werden am Kapitalmarkt derzeit doch eher nur mit Fingerspitzen angefasst.

Wöhrmann: Genau. Die Märkte haben einen Kapitalschnitt schon eingepreist. Bei den Langläufern ist das auch gerechtfertigt.

Abschied von den Mao-Jacken

mm: Die Furcht vor der Inflation dürfte da auch eine Rolle spielen - Anleihen in inflationärem Umfeld gelten ja als schlechtes Investment.

Wöhrmann: Lassen Sie mich da etwas ausholen. Die letzten 20 Jahre hatte die Globalisierung eine disinflationäre Wirkung, führte also zu stetig sinkenden Preisen. Die Welt war reduziert auf Arbeitsteilung. Kleidung zum Beispiel wurde in Indien gefertigt oder auch in China - aber getragen wurde sie hier, in den entwickelten Ländern. Jetzt ist das anders, es wird auch in China konsumiert, zumindest in den Großstädten. Mao-Jacken sieht man nur noch auf dem Land. Diese veränderte Konstellation sorgt dafür, dass die Rohstoffpreise steigen, Kupfer zum Beispiel steht auf einem Rekordhoch, aber auch Baumwolle ist viel teurer geworden. Inflation eben. Vor so einer Inflation hat China Angst, muss also was tun. Und das funktioniert, indem das Land die Währung aufwerten lässt. Ich rechne damit, dass der Renminbi in den kommenden fünf Jahren um 30 bis 40 Prozent aufwertet. Sie bekommen die Inflation sonst nicht in den Griff.

mm: Eine Aufwertung, wirklich?

Wöhrmann: Ja, sie wollen ihr Immunsystem stärken und nutzen dafür die Währung.

mm: Und was bedeutet das für den Wettbewerb mit China?

Wöhrmann: Die Chinesen machen das im Wettbewerb mit den USA sehr clever. Während die USA fünf Billionen Dollar in Kriege gesteckt haben, kaufen sich die Chinesen in Afrika ein. Dazu kommt die Bürde der USA als letzter Hegemon der Welt.

mm: Stichwort Rohstoffe - es soll ja auch eine europäische Energieagentur geschaffen werden, um den europäischen Zugriff auf Rohstoffe zu sichern. Eine gute Idee?

Wöhrmann: Das setzt eine stärkere Wirtschaftsunion voraus und auch einen Willen zur politischen Union. Ich sehe hier noch keinen konkreten Masterplan.

mm: Bedeutet das für die Anleger, ihr Geld stattdessen in die Emerging Markets zu stecken, beispielsweise die BRIC-Länder?

Wöhrmann: Ein Teil des Geldes sollten Anleger für die Emerging Markets reservieren, aber bitte nicht nur für die BRIC-Länder. Indonesien, Taiwan, Türkei, Chile, Kolumbien und Argentinien - all diese Länder bieten attraktive Märkte. Allerdings gilt: Die Volatilität in den Emerging Markets wird hoch bleiben, also muss man strategisch investieren.

mm: Lassen Sie uns weiter über Aktien sprechen - in den vergangenen Jahren ist man mit ETF ja gut gefahren.

Wöhrmann: Zunächst: 100 Prozent aller ETFs performen schlechter als der Index. Man vergisst hier gerne, die Kosten abzuziehen. Zudem sind die Unterschiede der Wertentwicklung der Papiere in einem Index inzwischen enorm. Im Dax beläuft sich der Unterschied zwischen dem besten und dem schlechtesten Sektor auf gut 100 Prozent. Autoaktien wie Daimler zählten im vergangenen Jahr zu den Gewinnern, Versorger wie Eon zu den Verlierern.

mm: Ich habe eine Studie einer Londoner Universität gelesen, die von Aktien und Anleihen aus den entwickelten Märkten eher abrät. Das wäre ja Wasser auf Ihre Mühlen.

Wöhrmann: Nur in Teilen. Ich sehe drei Themen, die die Geldanlage dominieren. Das sind die Emerging Markets, das ist Multi-Asset, also Produkte, die in jeder Marktphase Erträge erzielen wollen ...

mm: Hedgefonds?

Wöhrmann: Wir mögen den Terminus Multi-Asset. Im Unterschied zum gängigen Verständnis von Hedgefonds als hoch spekulative, gehebelte Produkte wollen wir Verluste deutlich begrenzen. Das dritte Thema sind Währungen.

Verschreckte Anleger

mm: Und dann kommt die Volatilität hinzu und verschreckt die Anleger.

Wöhrmann: Die Ungleichgewichte sind die Triebfeder der Volatilität. Für aktive Fondsmanager bietet Volatilität die Möglichkeit, Erträge zu erwirtschaften.

mm: Welche Rolle spielt die Liquidität eigentlich, die dank der Zentralbanken über die Märkte schwappt?

Wöhrmann: Die sollte man genau im Auge behalten, sie muss abgesogen werden. Schließlich treibt auch sie die Rohstoffmärkte. In den USA gibt es auf der einen Seite 4 Prozent Wachstum, auf der anderen Seite so etwas wie Quantitative Easing II.

mm: Und in Europa?

Wöhrmann: Die EZB steht vor einer schwierigen Situation. Sie muss die Ungleichgewichte bekämpfen, aber sie muss auch für die Stabilität des Geldes sorgen. Es kann also durchaus sein, dass die EZB weiter Anleihen kauft, aber auch gleichzeitig Zinserhöhungen durchführt.

mm: Sie sprechen die Ungleichgewichte an - was muss denn akut geschehen?

Wöhrmann: Wir brauchen internationale Regelungen. Regeln in nur einem Land führen dort zu Kapitalflucht. In einer globalisierten Welt gilt das für sehr viele Fragen. Bestes Beispiel ist der Klimaschutz: Es nützt wenig, wenn Deutschland in Klimafragen vorbildlich ist, die Nachbarländer aber fleißig weiter CO2 ausstoßen oder auf atomare Energie setzen.

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