Dax-Geflüster Durchs wilde Kursistan

Der Dax rumpelte vier Tage in Folge talwärts, eine schon fast schon vergessene Richtung an der Börse in Frankfurt. Ölpreissprünge und politische Unsicherheit vertrieben Anleger. Erste Experten fragen sich, ob es jetzt Zeit ist, Aktien den Rücken zu kehren.
Von Arne Gottschalck
Abwärts: Die Risikoprämien sind gestiegen. Trotz hoher Unternehmensgewinne geraten die Kurse der börsennotierten Unternehmen unter Druck

Abwärts: Die Risikoprämien sind gestiegen. Trotz hoher Unternehmensgewinne geraten die Kurse der börsennotierten Unternehmen unter Druck

Foto: DDP

Hamburg - Der Aufstieg war lang und stetig. Seit Beginn des Jahres kletterte der Dax  bergan. Doch in dieser Woche kämpfte er mit schwerem Geläuf und verlor zeitweise fast 5 Prozent an Wert. Der rasante Anstieg der Ölpreis und die Unsicherheit, ob die Revolte in Libyen auf weitere Ölstaaten übergreift, zwang Anleger in Deckung. Ist das nur eine vorübergehende Schwächephase - oder ein fundamentaler Wandel der Anlagelandschaft?

Der Kursrutsch selbst ist keine Überraschung. "Sehr rational" findet die Entwicklung Conrad Mattern, Anlageexperte der Fondsboutique Conquest. "Unruhen heißt Risikoprämie heißt Kursabschläge", sagt er. Das stark verteuerte Öl ist schließlich nicht nur Energielieferant, sondern auch Baustein zahlreicher Produkte, wie sie auch die deutsche Industrie herstellt.

Steigt der Ölpreis also nachhaltig und haben sich die Unternehmen dagegen nicht ausreichend abgesichert, treibt das nicht nur die Energiepreise - an der Tankstelle für jeden ersichtlich - sondern auch die Produkte der Unternehmen verteuern sich. Und die Inflationsangst nimmt zu.

Doch wie geht es mittelfristig an der Börse weiter? Haben Anleger die neuen politischen und wirtschaftlichen Risiken bereits eingepreist, sind Aktien also bereits wieder angemessen bewertet? "Niemand weiß, wie hoch diese Risikoprämie sein muss", sagt Mattern. "Wir haben Aufstände in Tunesien gesehen, auch im Jemen - niemand kann vorhersagen, ob diese Entwicklung auf die arabische Halbinsel übergreift", so Mattern.

Der Fondsmanager hält den Aktienmarkt ohnehin für anfällig, da er bereits wieder Anzeichen von Gier ausgemacht hat. Die extrem hohen Bewertungen von jungen Unternehmen wie Facebook, Groupon und Co, die noch nicht einmal an der Börse gehandelt werden, seien ein Indiz für eine entstehende Blase. Bis zum Knall.

Hohe Abwärtsrisiken also. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Einschätzungen wie die der Fondsgesellschaft Fidelity, die davon ausgeht, dass die Erfolgsgeschichte Deutschlands sich fortsetzen werde. Die Exporte deutscher Unternehmen verteilen sich auf eine Reihe von Schwellenländern, sagt Fidelity-Fondsmanager Christian von Engelbrechten. Dank dieser Streuung könnten etwaige negative Entwicklungen, die in einem, bestimmten Schwellenland stattfinden, den Firmen weniger anhaben.

Von Kapitalumschichtungen aus Schwellenländern profitieren deutsche Aktien

Ist das nur berufsbedingter Optimismus? Schließlich kommt es selten vor, dass ein Fondsmanager den Markt, den er beackert, schlechtredet - vor allem wenn er keine Alternativen hat. Und von Engelbrechten legt sein Geld nun einmal in deutschen Aktien an. Ausweichmöglichkeiten wie Anleihen oder Gold sind ihm verwehrt. Aber auch Investoren, denen solche Ausweichmöglichkeiten offen stehen, sehen in deutschen Aktien selbst im aktuellen, wilden Kursumfeld Chancen.

Die erhöhte Risikoneigung der Investoren hat zum Beispiel dazu geführt, dass aus den Schwellenländern Asiens in den vergangenen vier Wochen Milliardenbeträge abgezogen worden sind. Die Indizes in China, Taiwan und Singapur, aber auch in vielen osteuropäischen Staaten gingen deutlich zurück. Schwellenländer spüren meist zuerst, wenn Investoren Geld in Sicherheit bringen.

Von den Kapitalumschichtungen aus den Emerging Markets profitieren auch Europas Börsen. "Für deutsche Aktien spricht, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland intakt ist und die Zinsen niedrig sind", sagt Stephan Albrech, Vermögensverwalter von Albrech & Cie. Darüber hinaus seien Aktien günstig bewertet, mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 11.

Dividendenrenditen vielfach attraktiv - doch Risiken lauern nicht nur in Afrika

Hinzu kommen in vielen Fällen Dividendenrenditen, die deutlich über dem Niveau von Staatsanleihen liegen. Der Chemiekonzern BASF  zum Beispiel, der in dieser Woche ein Rekordergebnis meldete und für 2011 eine weitere Steigerung des Gewinns in Aussicht stellte, bietet mit der Dividendenerhöhung auf 2,20 Euro für 2010 derzeit eine Dividendenrendite von rund 4 Prozent. Der Kölner Vermögensverwalter Markus Zschaber sieht derzeit vor allem bei deutschen Chemieunternehmen, aber auch Versicherungen Potenzial.

Doch es muss nicht nur Deutschland sein. "Den Dollar-Raum finden wir interessant, weil Gelder aus den Hilfsprogrammen dort eher in der Realwirtschaft gelandet sind als in Europa, wo Banken es in die Börsen haben fließen lassen", sagt Albrech.

Neben der Instabilität in Nordafrika und Nordafrika gibt es aber auch Risiken für den Aktienmarkt, die momentan in den Hintergrund geraten - und sehr schnell wieder aktuell werden könnten. Was ist zum Beispiel mit der Staatsverschuldung im Euro-Land? In Griechenland wird wieder gegen das Spardiktat protestiert", gibt Albrech zu bedenken.

Für hoch verschuldete Euro-Länder wie Griechenland, Irland, Portugal oder Spanien wäre es zudem verheerend, wenn der steigende Ölpreis das Wachstum in Euroland abwürgen und die Zinsen in die Höhe treiben würde. Ohne Wachstum keine langfristige Entschuldung - das teure Öl brächte die Euro-Krise zurück.

Aktienskeptiker Mattern setzt daher aktuell eher auf eine vielfach gescholtene Anlageform - die Staatsanleihen solider Länder. "Bundesanleihen, warum nicht."

Die Kursturbulenzen der vergangenen Woche rücken zumindest eines wieder ins Bewusstsein: Aktien sind ein Risikoinvestment. Eine Anlageform, bei der Investoren ein gewisses Risiko eingehen, Schwankungen aushalten müssen und dafür eine Risikoprämie erhalten. Genau das ist in den vergangenen Monaten ein bisschen in Vergessenheit geraten.

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