Mittwoch, 22. Januar 2020

Panik am Ölmarkt Entscheidung in Riad

Trügerische Ruhe? Moschee bei Sonnenuntergang in Riad, Saudi-Arabien

Auslöser des drastischen Ölpreisanstiegs sind nur vordergründig die Aufstände in Libyen. Längst richten sich die Blicke auf Saudi-Arabien. Unruhen dort könnten den Preis explodieren lassen - der saudische König Abdullah hat die Gefahr schon erkannt.    

Hamburg - Die Welt schaut auf die blutigen Kämpfe in Libyen - aber am Ölmarkt schauen viele längst darüber hinaus. Nach Algerien etwa oder Bahrain, wo es im Volk ebenfalls bereits rumort. Vor allem aber nach Saudi-Arabien, dem Königreich, das weltweit über die größten Erdölreserven verfügt. Nach Russland ist Saudi-Arabien laut Internationaler Energieagentur (IEA) mit einem Marktanteil von rund 12 Prozent der zweitgrößte Erdölproduzent auf dem Globus.

Sollten mögliche Unruhen dort den Fluss des schwarzen Goldes beeinträchtigen, da ist sich die Fachwelt einig, dann wäre der Anstieg des Ölpreises kaum zu bändigen. 200 Dollar je Barrel, so ein Experte gegenüber manager magazin, wären im Extremfall wohl kaum noch eine Barriere.

Abwegig ist dieses Szenario nicht. Denn auch in Saudi-Arabien können große Teile der Bevölkerung mit ihren Lebensumständen und der gesellschaftlichen Ordnung im Lande kaum zufrieden sein. Der weitaus größte Teil des Reichtums bleibt in der absoluten Monarchie in Reihen der Herrscherfamilie rund um den 86-jährigen König Abdullah. Dieser weiß offenbar um die Möglichkeit, dass der Volksaufstand auch in seinem Reich losbrechen könnte. Am Mittwoch ordnete der Monarch mehrere Wohltaten für sein Volk an.

Staatsbedienstete etwa können sich über Gehaltserhöhungen freuen, ebenso wie Arbeitslose und Studenten über finanzielle Unterstützung. Ob das allerdings reichen wird, um die Bevölkerung zu besänftigen, ist offen. Im Internet wird dem Vernehmen nach bereits seit Tagen zu Demonstrationen in Riad und anderen großen saudischen Städten aufgerufen.

Unzufriedenheit beim Volk - Beschwichtigung durch milde Gaben

Um die Ölmärkte zu beruhigen, sandte Saudi-Arabien zudem eine weitere Botschaft aus: Das Land könne Engpässe in der internationalen Erdölförderung, wie sie etwa durch die Entwicklung in Libyen entstehen können, ausgleichen. Nach Angaben des zuständigen Ministers Ali Naimi verfügt Saudi-Arabien über eine Produktionskapazität von 12,5 Millionen Barrel pro Tag. Gegenwärtig werden jedoch lediglich acht Millionen Barrel täglich aus dem saudischen Wüstensand gepumpt.

Zum Vergleich: Libyen, das über die größten Erdölreserven Afrikas verfügt, produziert gewöhnlich etwa 1,6 Millionen Barrel am Tag. Auf der Liste der weltgrößten Produzenten belegt das Land damit Platz 17. Etwa 85 Prozent des libyschen Öls verlassen das Land, davon wiederum mehr als 80 Prozent in Richtung Europa. Allein 14 Prozent der libyschen Ölexporte erhält Deutschland, das wiederum etwa 7 Prozent seiner Importe damit deckt.

Soweit die Zahlen in ruhigen Zeiten. Doch in Libyen sind die Zeiten gegenwärtig bekanntlich alles andere als ruhig. Und das wirkt sich bereits auf die Ölproduktion aus. Nach Einschätzung der Commerzbank ist die tägliche Fördermenge bereits um etwa ein Viertel, also rund 400.000 Barrel, zurückgegangen. Es gebe zudem Berichte, die auf deutlich stärkere Beeinträchtigungen von möglicherweise sogar bis zu einer Million Barrel pro Tag hinwiesen, so Commerzbank-Experte Carsten Fritsch gegenüber manager magazin.

"Man kann bereits von messbaren Engpässen sprechen", so der Fachmann. "Die Reaktion der Märkte ist daher nachvollziehbar. Ob sie überzogen ist, ist schwer zu sagen."

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