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Russischer Großaktionär Was Mordaschow mit der Tui vorhat

Der Stahlmagnat und Multimilliardär Alexej Mordaschow verfolgt ehrgeizige Ziele auf dem wachsenden russischen Tourismusmarkt. Dafür braucht er die Tui, an der er seine Beteiligung seit Jahren erhöht. Inzwischen hält der Oligarch schon mehr als 20 Prozent - übernimmt er den Reisekonzern am Ende komplett?

Hamburg - Auch bei Hochtief fing alles ganz harmlos an. 2007 stieg Actividades de Construcción y Servicios, kurz ACS, bei dem Essener Baukonzern ein, mit zunächst 25,1 Prozent und nur den besten Absichten, wie die Spanier sich beeilten zu betonen. Was dann kam, ist bekannt: Wie der Blitz aus heiterem Himmel erreichte die Hochtief-Aktionäre vergangenes Jahr die Kaufofferte von ACS - und inzwischen ist klar, dass diese Übernahme kaum noch verhindert werden kann.

Harmlos erscheint die Lage derzeit auch bei der Tui . Vor allem Großaktionär John Fredriksen ist offenbar besänftigt. Der milliardenschwere norwegische Reeder hatte wiederholt für Unruhe gesorgt, weil er sich am Management von Tui-Chef Michael Frenzel sowie der mäßigen Entwicklung des Aktienkurses störte. Vor der Hauptversammlung am heutigen Mittwoch schlug der Investor jedoch friedfertige Töne an. Es mache keinen Sinn, weiter gegen Frenzel zu kämpfen, wenn dessen Vertrag ohnehin im nächsten Jahr auslaufe, zitierte kürzlich die "Welt" den Fredriksen-Intimus Tor Olav Troim.

Ähnlich wie seinerzeit bei Hochtief  könnte aber auch diesmal die Ruhe trügerisch sein. Zum einen ist noch längst nicht ausgemacht, dass Frenzel die Tui im März kommenden Jahres, wenn sein Vertrag eigentlich ausläuft, tatsächlich verlässt. Nach Informationen des manager magazins gibt es vielmehr maßgebliche Kräfte im Aufsichtsrat, die sich für eine längere Amtszeit stark machen. Und bleibt Frenzel, könnte auch der Streit mit Fredriksen wieder aufflammen.

Zum anderen heißt der starke Mann unter den Anteilseignern des Touristikkonzern ohnehin längst nicht mehr John Fredriksen, sondern: Alexej Mordaschow. Nach und nach hat der russische Multimilliardär in den vergangenen Jahren seine Anteile an der Tui aufgestockt. Zuletzt meldete das MDax-Unternehmen aus Hannover, der Haupteigner und Chef des Stahlkonzerns Sewerstal mit Sitz im nordwestrussischen Tscherepowez habe Ende Januar die Schwelle von 20 Prozent überschritten, auf genau 20,45 Prozent. Weitere Käufe hatte Mordaschow bereits im vergangenen Jahr in Aussicht gestellt. Auf mehr als 25 Prozent soll sein Anteil steigen, so viel ist offiziell.

Aber ist das schon das Ende der Fahnenstange? Oder steht auch der Tui demnächst eine Überraschung bevor, sprich eine Übernahmeofferte aus dem fernen Russland? Kurzum, die spannende Frage zurzeit lautet: Was will Mordaschow?

Mordaschow und Tui verfolgen gleiche Interessen

Zweierlei steht fest: Der Stahlmagnat, in seiner Heimat politisch bestens vernetzt und Vertrauter des Ex-Präsidenten und heutigen Ministerpräsidenten Wladimir Putin, hat stets sein langfristiges, strategisches Interesse an der Tui beteuert. Und: bislang galt Mordaschow als Unterstützer von Konzernchef Frenzel, auch im Streit mit Fredriksen.

Kein Wunder, denn die Interessen des Russen und jene des Tui-Chefs haben eine klare Schnittmenge: den russischen Tourismusmarkt. Mordaschow, 45 Jahre alt und mit einem geschätzten Vermögen von knapp zehn Milliarden Dollar auf Platz 70 des weltweiten "Forbes"-Milliardärsrankings, baut seine Geschäfte rund um den heimischen Fremdenverkehr über seine Beteiligungsgesellschaft S-Group auf - und kooperiert dabei schon jetzt intensiv mit der Tui.

Was sich Mordaschow in den Kopf setzt, setzt er auch durch

Denn die Hannoveraner setzen große Hoffnungen auf Russland und weitere aufstrebende Länder Asiens. Die Strategie dahinter ist simpel: Wenn die Schifffahrtstochter Hapag-Lloyd - vermutlich nach einem Börsengang - demnächst endgültig aus dem Konzern verschwunden sein wird, ist die Verwandlung der Tui in einen reinen Tourismuskonzern perfekt. Und für den spielen Schwellenländer wie Russland eine entscheidende Rolle, denn dort soll künftig das Wachstum erzielt werden, mit dem auf den gesättigten Märkten beispielsweise in Deutschland und Großbritannien kaum noch zu rechnen ist. "Bislang war Russland für die deutsche Tourismusindustrie lediglich als Ziel für Reisende interessant", sagt ein Branchenkenner. "Künftig wird es auch zum Absatzmarkt."

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Tatsächlich gilt das Riesenreich im Osten schon heute als einer der am dynamischsten wachsenden Tourismusmärkte Europas. 18,1 Millionen Auslandsreisen unternahmen die Russen nach Angaben der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) im Jahr 2009 - fünf Jahre zuvor waren es noch 12,7 Millionen. "Es ist nicht mehr nur die wohlhabende russische Elite, die Auslandsreisen unternimmt", heißt es in einer DZT-Marktanalyse. "Auch die immer größere Mittelklasse hat ihre Reisefreude entdeckt."

Das gewaltige Wachstumspotenzial des russischen Tourismusmarktes lässt sich am besten am derzeit noch extrem niedrigen Wert für die so genannte Auslandsreiseintensität ablesen, den die DZT berechnet. 15 Prozent beträgt diese Messgröße bezogen auf die Bevölkerung ab 15 Jahren zurzeit. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Wert laut DZT bei gut 100 Prozent, in den Niederlanden sind es 115 Prozent und in der Schweiz sogar 226 Prozent.

Tui-Sprecher: "Wir wollen profitabelster Anbieter in Russland werden"

Es gibt also noch viel aufzuholen. Die Tui könnte davon besonders profitieren, denn viele Russen ziehen die Spezialität des Hauses, den Strandurlaub, anderen Ferienvergnügungen wie etwa Städtetouren vor. Und gemeinsam mit Mordaschows S-Group mischt das Unternehmen auf dem Markt auch schon kräftig mit. Über ein 2009 gegründetes Gemeinschaftsunternehmen halten beide jeweils 75 Prozent am russischen Reiseveranstalter Mostravel, an der ukrainischen Voyage Kiev sowie an der VKO Group, die besonders auf Skireisen nach Österreich und in die Schweiz spezialisiert ist.

Auf 600.000 Gäste kam das Joint Venture nach Angaben eines Tui-Sprechers im vergangenen Jahr - und dabei soll es nicht bleiben. "Wir wollen eine marktführende Position aufbauen und zum profitabelsten Reiseveranstalter in Russland werden", so der Sprecher. Weitere Unternehmensbeteiligungen seien auf dem Weg dahin nicht ausgeschlossen.

Ehrgeizige Pläne also, die Alexej Mordaschow und die Tui gemeinsam verfolgen. Da liegt der Gedanke nahe, die Bindung der beiden aneinander noch zu stärken. Eine Option wäre eine Beteiligung des laut "Forbes" achtreichsten Russen über die avisierten 25 Prozent hinaus - vielleicht sogar bis hin zur Übernahme.

Von Mordaschows S-Group war dazu keine Stellungnahme zu bekommen, ebensowenig wie zu deren Tourismusplänen in Russland generell. Auch der Tui-Sprecher wollte zu dem Szenario nichts sagen. Aus dem Konzern ist jedoch zu hören, dass derzeit zwar niemand "auf dem Flur herumläuft und wegen der Übernahmegefahr Alarm schlägt". Theoretisch jedoch, das sei allen bewusst, sei alles denkbar.

So viel jedenfalls scheint klar: Sollte Mordaschow erst den Plan gefasst haben, die Tui zu schlucken, dürfte er davon kaum wieder abzubringen sein. Denn was sich der studierte Ökonom und ehemalige Schüler des späteren russischen Vizepremiers Anatoli Tschubais einmal in den Kopf gesetzt hat, das setzt er in der Regel auch durch.

Die zwei Gesichter des Alexej Mordaschow

Seine Zielstrebigkeit zusammen mit einer gehörigen Portion Cleverness waren es schließlich auch, die Mordaschow überhaupt erst zu seinem märchenhaften Reichtum gebracht haben. Als das Stahlkombinat in Tscherepowez in den 90er Jahren privatisiert werden sollte, war er zur Stelle. Im Auftrag des Generaldirektors gründete er eine Tochterfirma, die günstig den Großteil der Aktien erwarb. Mordaschow, der sich zuvor, noch keine 30, vom Büroleiter bis zum Finanz- und Wirtschaftsdirektor des Kombinats hochgearbeitet hatte, hielt drei Viertel der Anteile dieser Tochtergesellschaft - nach dem Deal war er ein gemachter Mann.

Anders als andere Oligarchen stellt Mordaschow seinen Reichtum seither jedoch kaum zur Schau. Und er lässt mitunter andere daran teilhaben, was ihm in seiner Heimat große Popularität einbrachte. Dort gibt sich der Superreiche gern als sozialer Unternehmer, baute Kulturpaläste und eine Universität. Millionen gab Mordaschow schon für den Umweltschutz - und ganz nebenbei finanzierte er auch noch ein Eishockeyteam. Auch die Mitarbeiter seines Sewerstal-Konzerns können sich kaum beklagen: Ihnen baute der Chef neben Werkswohnungen und einer Ferienanlage auch ein eigenes Krankenhaus sowie eine Schule.

Duell der Großanleger: Reeder Fredriksen und Oligarch Mordaschow haben sich in der Vergangenheit ein Rennen um die Position des größten Tui-Aktionärs geliefert. Am Ende wird der Russe wohl die Nase vorne behalten, er hat schon angekündigt, seine Beteiligung weiter aufstocken zu wollen.

Duell der Großanleger: Reeder Fredriksen und Oligarch Mordaschow haben sich in der Vergangenheit ein Rennen um die Position des größten Tui-Aktionärs geliefert. Am Ende wird der Russe wohl die Nase vorne behalten, er hat schon angekündigt, seine Beteiligung weiter aufstocken zu wollen.

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Das ist das eine Gesicht des Alexej Mordaschow. Das andere ist jenes des eisenharten Geschäftsmannes, der rücksichtslos seine Ziele verfolgt und in Verhandlungen eine selbst für das Topmanagement ungewöhnliche Härte zeigt (Spitzname "Panzer"). Zu spüren bekam das zum Beispiel seine erste Frau Yelena, im Streit um die Unterhaltszahlungen für den gemeinsamen Sohn. 1996 wurde die Ehe der beiden geschieden, inzwischen ist das Verfahren in Straßburg angekommen - vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Keine angenehmen Aussichten also, so scheint es, sollte der reiche Russe demnächst tatsächlich nach der Tui greifen. Und längst nicht alle Beobachter halten das für unwahrscheinlich. "Ich kann mir vorstellen, dass mittelfristig eine Übernahme angestrebt ist", sagt etwa Zafer Rüzgar, Analyst von Independant Research. "Eine Minderheitsbeteiligung dürfte auf lange Sicht nicht das Ziel sein."

Einen Impuls könnte laut Rüzgar der anstehende Verkauf von Hapag-Lloyd geben. Ist die Tochtergesellschaft erst abgestoßen, so dürfte auch Großaktionär John Fredriksen bei der Tui aussteigen, so der Analyst. Der Reeder aus Norwegen habe stets sein vorrangiges Interesse am Schifffahrtsgeschäft bekundet - nach seinem Rückzug wäre der Weg frei für Mordaschow.

Eine Gefahr sieht Rüzgar in einer solchen Übernahme indes nicht. "Die Tui bildet künftig eine vollständig auf den Tourismus ausgerichtete Einheit, die exakt in die Strategie von Herrn Mordaschow passen dürfte", sagt er. "Eine Zerschlagung des Unternehmens stünde kaum im Raum."

Gut möglich also, dass das Tui-Management eine Offerte aus dem fernen Russland nicht als feindlich einstufen würde. Das zumindest wäre ein Unterschied zum Fall ACS/Hochtief.

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