Sonntag, 26. Mai 2019

IfW-Chef Dennis Snower "Auf dünnem Eis"

Dennis Snower ist Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und Direktor des Global Economic Symposiums (GES). Dieses Treffen findet einmal im Jahr statt, 2011 in Kiel

Die gute Stimmung in der Wirtschaft, Dennis Snower traut ihr nicht. Warum, erklärt der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Und auch, welche Schritt die Politik nun ergreifen müsste. 

Hamburg - Der Blick fließt elbabwärts. Vorbei an der Baustelle der Elbphilharmonie, vorbei an den Schwimmdocks. Dem zwölften Stockwerk des Spiegelhochhauses liegt die Welt zu Füßen, zumindest ein kleiner Teil. Ein Bild, wie für Dennis Snower gemalt.

Denn das Kleine im Großen, das ist sein Thema. Genauer, die Globalisierung und ihre Folgen, zum Beispiel für die einzelnen Länder. Snower ist vermutlich einer der bekanntesten Ökonomen Deutschlands und steht dem Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) vor.

Es ist gar nicht lange her, da bestand die Welt aus vielen kleinen und größeren Bausteinen. Hier Deutschland, da Amerika - und in großer Ferne China und Co. Die entwickelten Länder weiter oben in diesem dreidimensionalen Konstrukt, weiter unten die Entwicklungsländer. Dann kam das, was mit Globalisierung bezeichnet wird. Seitdem sind die Bausteine nicht nur gut miteinander verbunden, sondern auch die Distanzen zwischen ihnen sind zusammengeschnurrt. Der sprichwörtliche Sack Reis, der in China umfällt - nun kann er Einfluss auf Deutschland haben. Und nicht nur das.

Denn niemand steht mehr allein, im Guten wie im schlechten. Dabei ist die Stimmung in der Summe durchaus gut, sagt Snower. Nur, "wir verkennen damit etwas, lesen aus einem kurzfristigen einen langfristigen Trend." Und weiter: "Die kurzfristige Erholung der Wirtschaft ist eine Folge der massiven Maßnahmen der Regierungen und Zentralbanken weltweit gewesen." Doch man habe eigentlich erwartet, dass zum Beispiel die Aktien auf ihren langfristigen Gleichgewichtspreis zurückkehren würden. Aber das ist nicht geschehen, vielmehr sprang die Börse ruckartig an. Doch an den wahren Problemen habe sich noch wenig geändert. "Wir stehen noch auf dünnem Eis."

Die niedrigen Zinssätze zum Beispiel, "niedrige Zinsen führen zu hohen Schulden", so Snower. Und die sind schon hoch genug. Snower zitiert Berechnungen der OECD, denen zufolge die Verschuldung zum Beispiel Japans binnen nur eines Jahrzehnts auf gut 600 Prozent der Wirtschaftsleistung ansteigen solle - wenn es bei der aktuellen Entwicklung bliebe. Und auch in anderen entwickelten Ländern sieht es nicht viel besser aus. Eine rein statische Schuldenbremse sei da keine Hilfe - denn mit ihr könne man nicht flexibel auf außergewöhnliche Ereignisse wie zum Beispiel die Finanzkrise reagieren. Einfach weil den Regierungen dann der finanzielle Spielraum fehle. Und schlimmstenfalls würden sich Länder einfach kaputt sparen. Grundsätzlich müsse die langfristige Schuldenquote auf 60 Prozent sinken, findet Snower - "aber nicht über eine starre Schuldenbremse." Ihm schwebt eher eine Fiskalregel vor. Die solle definieren, wie hoch besagte Schuldenquote langfristig liegen soll, wie antizyklisch die Politik agieren dürfe und wie schnell dieses Ziel erreicht werden muss. Und eine unabhängige Schuldenkommission müsse diese Regel anwenden. Dazu sollte sie unabhängig von der jeweiligen Regierung einschätzen, wo im Konjunkturzyklus ein Land steht und welche Defizite beziehungsweise Überschüsse diese Position erlaubt.

Mit anderen Worten - sie gäbe dem Staat den Finanzrahmen, den Spielraum vor. "Ich habe das auch Politikern vorgeschlagen, David Cameron hat es immerhin ein bisschen angenommen. Mit einer Einschränkung - er kann die Kommission überstimmen." Dabei läge es gerade an den Politikern, solche langfristigen Änderungen herbeizuführen. "Es scheint aber am politischen Willen zu fehlen.

Überhaupt, die wirtschaftliche Architektur der Welt, sie scheint Snower am Herzen zu liegen. So sorgt er sich zum Beispiel um die Zentralbank der USA, genauer, um deren Unabhängigkeit. Zum einen, weil mit zunehmender Dauer der Liquiditätsbereitstellung der Einfluss des Treasuries steigt, des amerikanischen Finanzministeriums steigt - immerhin finanziert es die Fed. Zum anderen aber auch, weil Zentralbanken am Scheideweg stünden. "Vor der Krise waren sie zur Inflationsbekämpfung da. Das hat 20 Jahre auch geklappt. In der Krise aber gab es ein neues Betätigungsfeld, das 'asset price targeting', also die Unterstützung der Anlagewerte. Das und Inflationsbekämpfung geht nicht zusammen, zumindest nicht nur mit dem Instrument der Leitzinsen." Doch Probleme findet er nicht nur auf der staatlichen Ebene, auch unter den Unternehmen.

"'Moral hazard' ist ein Grundproblem, die Anreize wurden und werden falsch gesetzt. Beispiel Banken: Dort gehen die Unternehmen die Risiken ein und der Steuerzahler muss dafür gerade stehen." Aber "externe Effekte müssen internalisiert werden", sagt Snower. "Und das geht ganz einfach" findet er, mit 'solvency-convertible bonds'". Solange ein Finanzinstitut zahlungsfähig ist, bleiben seine Schulden Schulden. "Wenn aber die Eigenkapitalanforderungen nicht mehr erfüllt sind, würden die Schulden in Aktien umgewandelt werden, also Eigenkapital." Das Finanzhaus wäre gerettet. Und die Aktionäre könnten dann sich dagegen wehren, dass ein Haus exzessive finanzielle Risiken einginge. Ich habe darüber auch mit einigen CEOs gesprochen. Deren Reaktion war ein Ausruf - sind wie wahnsinnig?" Das Entsetzen verwundert nicht. Denn Banken verdienen mit dieser Methode viel Geld. Überhaupt, "es war ein Geniestreich, den Begriff 'systemrelevante Finanzhäuser' zu schaffen."

Ob die Politik zu solchen Geniestreichen in der Lage ist? Snower wäre zu höflich, auf diese Frage zu antworten.

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