Mittwoch, 24. Juli 2019

Nahrungsmittel Gute Zocker, böse Zocker?

Weizen, Zucker, Kaffee: Welche Agrarrohstoffe teurer werden
[M] mm.de; DPA

Die Preise für Agrarrohstoffe steigen kräftig. Das trifft vor allem die Ärmsten der Welt, die auf günstige Nahrungsmittel angewiesen sind. Nun werden Forderungen lauter, Spekulanten, die für die Preissteigerung verantwortlich seien, zu stoppen. Doch so einfach ist es nicht.

Hamburg - Aus drei Seiten lässt sich auf diese Geschichte blicken, die Geschichte der steigenden Preise für Weizen oder Mais. Die offenkundigste Seite ist die von armen Bauern in Bolivien oder Indien, die sich keinen Mais oder Reis mehr leisten können, weil die zu teuer geworden sind. Dann gibt es den Blickwinkel der Finanzindustrie, die ein florierendes Geschäftsfeld nutzt und die entsprechenden Produkte anbietet. Und es gibt den Standpunkt von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, die zuletzt auf der Grünen Woche laut darüber nachdachte, wie man der Preisschwankungen von Nahrungsmitteln Herr werden könnte. Drei Blickwinkel - doch ihr Schnittpunkt verläuft im Ungefähren.

Entsprechend schwierig ist es, den Beginn der Geschichte auszumachen. Der dürfte weit zurück liegen, bei den ersten Märkten. Dort verkauften die Bauern ihre Produkte, zu Marktpreisen. War die Ernte schlecht, konnten sie hohe Preise erziehen, war die Ernte gut, lastete das hohe Angebot auf den Preise. Darum begannen die Landwirte, sich abzusichern, indem sie ihre Erzeugnisse auf Termin verkauften. Damit legten sie den Grundstein für die heutige Situation.

Denn gerade Mitte des vergangenen Jahrzehnts umfloss viel Geld den Globus, immer auf der Suche nach neuen Anlageideen. Und Agrarrohstoffe schienen eine gute Idee zu sein. Denn sie sind zu den klassischen Anlagemärkten vergleichweise unkorreliert, sprich, sie verhalten sich anders und können ein Finanzportfolio daher abfedern.

"Einfluss des spekulativen Handels war relativ limitiert"

Investorenlegende Jim Rogers war einer der ersten, die auf diesen Zug aufsprang. Zwischenzeitlich steckte er seinen Zuhörern auf Kongressen immer wieder Zuckertütchen zu, um sie auf die Chancen dieses Markts aufmerksam zu machen. Fragen nach dem Einfluss von Investoren auf die Preise von Nahrungsmitteln beantwortet er eher schmallippig. Auch Finanzexperten wie Ole Hansen mahnen vor vorschnellen Urteilen. "Der Einfluss des spekulativen Handels auf die Preise der Agrarrohstoffe war über die vergangenen Jahre relativ limitiert", sagt er gegenüber manager magazin.

Dennoch steigen die Preise. Die für Weizen zum Beispiel sind so hoch wie seit 29 Monaten nicht mehr. Und Gemüse ist in den vergangenen zwölf Monaten um über 17 Prozent teurer geworden, notiert die UniCredit. "Die Preise der Agrarrohstoffe sind zurzeit im historischen Vergleich sehr hoch", sagt auch Leon Leschus, Rohstoffexperte des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). "So hat der HWWI-Teilindex 'Nahrungs- und Genussmittel', in dem die Preise für Mais, Weizen, Reis, Getreide, Zucker, Kakao, Tee und Kaffe enthalten sind, schon seinen Stand aus dem Jahre 2008 überschritten."

Und das hat auch soziale Folgen. "Damals gingen die Menschen in den ärmeren Ländern auf die Straße, um gegen die hohen Lebensmittelpreise zu demonstrieren. Das droht auch jetzt vermehrt zu passieren. Bei den Protesten in Tunesien und Algerien mischten sich auch die Forderungen nach niedrigeren Lebensmittelpreisen." Eine Preissteigerung, die auch die Inflationsangst befeuert.

Kein Wunder, dass Verbraucherschutzministerin Aigner Unrat witterte. "Ich sehe die Gefahr, dass durch reine Spekulationen erheblicher Einfluss auf die Preise genommen wird. Hier sind wir gefordert", sagte sie auf der Grünen Woche in Berlin. Und weiter: "Die Nahrungsmittelmärkte dürfen nicht zum Objekt von Zockern werden." Die Tonlage erinnert etwas an das Jahr 2007, als Franz Müntefering Hedgefonds als "Heuschrecken" brandmarkte. Kein Wunder also, wenn die Finanzindustrie nervös wird und lieber schweigt. Denn der Name blieb hängen.

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