Dax auf Jahreshoch "Für den Einstieg ist es noch nicht zu spät"

Deutschland steht wirtschaftlich so gut da wie lange nicht. Der Dax notiert auf dem höchsten Niveau seit knapp drei Jahren. Deutschland, der wiedergeborene Superstar? Eine Wiedergeburt mit Risiken, meint Hans-Jörg Naumer, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors.
Von Arne Gottschalck
Aufwärts: Der Dax notiert auf dem höchsten Niveau seit Mai 2008

Aufwärts: Der Dax notiert auf dem höchsten Niveau seit Mai 2008

Foto: KIRILL IORDANSKY/ REUTERS

mm: Herr Naumer, der Dax  erreicht neue Höhen, die Konjunkturindikatoren zeigen nach oben - da kann einem ja schwindelig werden vor lauter Optimismus.

Naumer: Ja, das ist wahr, das ist fast zu schön, um wahr zu sein. Im vergangenen Jahr hat sich die deutsche Wirtschaft so gut entwickelt wie seit fast 20 Jahren nicht. Auch das kommende Jahr verspricht, ein sehr gutes Jahr zu werden.

mm: Und was ist mit den Problemen, die Deutschland einst den Titel "kranker Mann Europas" einbrachten?

Naumer: Es gibt sicherlich längerfristige Strukturprobleme - die Demografie oder auch die Schuldensituation. Aber derzeit zumindest ist der Aufschwung in Deutschland stark. Die anderen Industrienationen kommen da nur schwer hinterher. Vielleicht Amerika, aber nur mit etwas Glück und massiven Konjunkturprogrammen.

mm: An der Börse herrscht Feierlaune, der Dax hat in dieser Woche den höchsten Stand seit knapp drei Jahren erreicht. Befinden wir uns schon wieder in der Euphoriephase?

Naumer: Von Euphorie kann kaum die Rede sein. Viele Investoren, private wie institutionelle, sind noch nicht oder nur sehr vorsichtig wieder eingestiegen. Die Bewertungen sind immer noch sehr attraktiv.

mm: Stehen wir vor einer liquiditätsgetriebenen Hausse?

Naumer: Damit wäre ich sehr vorsichtig. Das Risiko ist sicher, dass die Zentralbanken noch immer eine sehr expansive Geldpolitik betreiben, besonders die Fed, aber auch die EZB, ganz zu schweigen von der japanischen Zentralbank. Allerdings ist auch eines sicher: Zwar sind die Bilanzen der Zentralbanken deutlich ausgeweitet, sowohl bei Fed als auch bei EZB, aber die Geldmenge selbst ist noch nicht explodiert. Das heißt: Liquidität wird zur Verfügung gestellt, fließt aber nur verhalten ab.

mm: Was ist denn nun anders als vor gut zehn Jahren, als der Dax auch bei gut 7000 Punkten stand?

Naumer: Der Dax ist günstig. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt zwischen 10 und 11. Und die Unternehmensgewinne sind seit damals deutlich gestiegen. Wir haben heute qualitativ einen ganz anderen Dax als damals.

mm: Ist das alles nicht nur ein Aufschwung von Chinas Gnaden?

Naumer: Zum Glück ist der deutsche Export breiter gestreut. Zwar geht ein Gutteil davon nach China, aber eben auch in die gesamte Region, die Emerging Markets. Deutschland ist der Globalisierungsgewinner. 30 Prozent seines Exports gehen in die Emerging Markets, weniger als 10 inzwischen in die USA.

mm: Und nun scheint sogar der bisher sieche Privatkonsum aufzuholen …

Naumer: Ja, auch der holt auf, das war lange nicht der Fall. Der GfK-Index - als das Verbrauchervertrauen - ist so hoch wie schon lange nicht mehr. Das liegt vor allem an dem robusten Arbeitsmarkt - der sicher auch von den Exporten profitiert - aber auch an der guten Krisensteuerung der Bundesregierung. Die Verlängerung des Kurzarbeitergelds durch die Regierung hat meines Erachtens viel gebracht.

Die Gefahren für Deutschland

mm: Aber Frank-Jürgen Weise, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, sagte neulich auch, man müsse schon etwas genauer hinsehen. So pauschal seien die Zahlen seines Amts nicht automatisch gut.

Naumer: Da hat er recht, man muss schon tiefer bohren. Aber immerhin ist ein befristetes Arbeitsverhältnis, auf das er wohl anspielte, viel besser als Hartz IV. Der französische Vorstoß, die deutschen Löhne anzuheben, um die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, ist da wirklich bemerkenswert Die Lohnzurückhaltung in Deutschland war es doch vor allem, die uns in die aktuell gute Situation gebracht hat.

mm: Was ist mit der Krise in den Euro-Peripheriestaaten? Portugal zum Beispiel hat sich durch die jüngsten erfolgreichen Anleihenemissionen etwas Luft verschafft. Ist das Problem damit erledigt?

Naumer: Nein. Wir sind mit einer Lösung erst am Anfang. Je nach Stimmung am Markt dürfte das immer wieder aufgegriffen werden. Mit starken Schwankungen auch an den Aktienmärkten ist daher zu rechnen.

mm: Welche Rolle spielt das behutsame Zusammenrücken der BRIC-Staaten. Entsteht dort ein Wirtschaftsraum, der sich selbst genügen könnte? Und Deutschland außen vor ließe?

Naumer: Das könnte in der Tat zur Gefahr werden. Ich denke aber, es wird eher auf eine multipolare Wirtschaftswelt hinauslaufen. Neben die bisherige Supermacht USA treten neue Mächte. China ist schon jetzt dabei, auf Platz eins der größten Industrienationen aufzurücken. Das werden wir alle noch erleben.

mm: Chinas Vormarsch an die Spitze - liegt darin eine Gefahr für Deutschland?

Naumer: Die Gefahr ist vor allem, dass wir uns ausruhen und im globalen Wettbewerb - der uns groß gemacht hat - nicht mehr mithalten. Deutschland muss technisch immer einen Schritt voraus sein. Sonst können wir unser Reallohnniveau nicht halten. Der Autor Thomas Friedman vertritt das Paradigma "Die Welt ist flach", das heißt, es gäbe keine Hierarchien mehr im Sinne von "Wir im entwickelten Norden, ihr im unterentwickelten Süden." Wir stehen alle auf Augenhöhe im Wettbewerb miteinander. Daran müssen wir uns noch gewöhnen.

mm: Letzte Frage - wenn Deutschland schon der "Superstar" ist, wie Sie sagen, wie partizipieren Anleger daran am besten? Durch den Dax, den M- oder den SDax?

Naumer: Nun wie gesagt, es ist für den Einstieg in deutsche Aktien noch nicht zu spät. Ich würde neben dem Dax  gern die kleineren Unternehmen im Portfolio sehen, die sich in einem Aufschwung in der Regel besser erholen, zum Beispiel weil sich die Finanzierungsbedingungen verbessern. In einem Aktienportfolio kann Deutschland insgesamt ruhig 15 bis 20 Prozent ausmachen - innerhalb dieser Gewichtung sollte man auf Bluechips gemeinsam mit kleinen und mittleren Werten achten.