Geldanlage "Wir leben in einer neuen Geld-Welt"

Investmentguru Tony Boeckh spricht über Geldanlage in inflationären Zeiten - und warum nun der zweite Akt der "großen Reflation" beginnt. Auf die Frage, was Anleger seit der Finanzkrise anders machen müssen, hat er eine einfache Antwort: "Alles."
Geldflut: "Die Zentralbanken wollen den Ballon wieder aufpumpen, der 2008 geplatzt ist."

Geldflut: "Die Zentralbanken wollen den Ballon wieder aufpumpen, der 2008 geplatzt ist."

Foto: ANDREA COMAS/ REUTERS

mm: Herr Boeckh, seit mehr als 40 Jahren analysieren sie den Finanzmarkt, jahrzehntelang als Herausgeber des renommierten Bank Credit Analyst, heute als privater Investor und Autor des Boeckh Investment Letter. Angesichts drohender Staatsbankrotte und der Angst vor Währungskriegen: Gelten die alten Geldanlage-Regeln noch?

Boeckh: Investoren müssen heute einen ganz anderen Ansatz für die Märkte wählen als zuvor. Denn wir leben in einer neuen Geld-Welt. Sie ist anders als alles, was wir zuvor gesehen haben.

mm: Worin besteht denn die wichtigste Veränderung?

Boeckh: Unsere Zeit, die mit der Finanzkrise begann, nenne ich die Ära der großen Reflation: Das Finanzsystem ist ernstlich angeschlagen, wir haben eine Bankenkrise. Die Zentralbanken pumpen aus Angst vor einer Wirtschaftskrise Geld in das System. Sie wollen den Ballon wieder aufpumpen, der 2008 geplatzt ist.

mm: Was bedeutet diese große Reflation für die Anleger?

Boeckh: Entscheidend für Investoren ist, was mit dieser Flut von Zentralbank-Geld geschieht und wie es den Markt verändert. Jetzt, am Ende des ersten Akts der großen Reflation, haben die Zentralbanken Luft in den Ballon bekommen, die Wirtschaft und den Aktienmarkt wiederbelebt. Alle fühlen sich besser. Aber es ist unmöglich, durch die Reflationierung das kaputte Finanzsystem zu reparieren. Es gibt keinen Weg zurück zur alten Normalität. Denn durch Niedrigzinsen und noch mehr Schulden können sie zwar die Konjunktur ankurbeln, lösen aber das Problem nicht. Das Problem ist immer noch da: die viel zu hohen Schulden.

mm: Wie können sich Anleger auf die Instabilität einstellen? Können Investoren in dieser neuen Ära der Reflation überhaupt Geld verdienen?

Boeckh: Anleger können sehr wohl von der Krise profitieren. Nehmen sie den März 2009: Aufgrund der Finanzkrise waren auch Aktien von Unternehmen mit guten Geschäftsaussichten sehr billig. Instabilität schafft Chancen.

"Nächste Spekulationsblase bei Aktien ist noch weit entfernt"

mm: Aber sind viele damit nicht überfordert? Warum haben so wenige Privatanleger die Chancen erkannt und nicht früh in die Aktienrally investiert?

Boeckh: Viele Anleger sind auf die neue Geld-Welt nicht vorbereitet. Sie müssen pragmatischer sein sich gegen Markttrends stellen.

mm: Die Strategie "Kaufen und Halten" taugt also nicht länger. Wie sieht die Alternative aus?

Boeckh: Investoren müssen ihr Kapital hin und her bewegen. Sie brauchen eine kurzfristige, taktische Anlageaufteilung: Zu bestimmten Zeiten ist es sinnvoll, in riskantere Anlageklassen wie Aktien und Hochzinsanleihen zu investieren. Zu anderen Zeiten ist es wegen des Verlustrisikos nötig, das Geld in ausfallsichere Anlageklassen wie die Anleihen solide finanzierter Staaten zu sichern.

mm: Warum nicht gleich bei den sicheren Anlagen bleiben?

Boeckh: Das Dilemma der Anleger ist, dass die verbliebenen sicheren und liquiden Anlagen fast keine Rendite mehr bringen. Wer von diesen beinahe null Prozent Rendite weg will, landet sehr schnell bei einem Ausmaß an Risiko, das er nicht mehr zu tragen bereit ist.

mm: Wie kommen Anleger aus diesem Dilemma heraus?

Boeckh: Es geht darum, ständig mit dem Kapital hin- und her zu jonglieren: Zwischen sicheren Anlagen wie deutschen Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit und nahezu null Rendite sowie riskanten Anlagen wie Aktien und Hochzinsanleihen, die noch Rendite versprechen. Dafür müssen sie nicht nur die Bewertung von Aktien und Anleihen analysieren, sondern auch kurzfristige Marktsignale aus der Charttechnik sowie vor allem die Liquidität: also die Menge an Kapital, die bei Banken und anderen Großinvestoren vorhanden ist. Wenn viel Liquidität da ist, treibt das die Kurse riskanter Anlageklassen wie Aktien.

mm: Die Aktienindizes sind seit zwei Jahren stark gestiegen. Die Kurse werden angetrieben von dem vielen Geld, dass die Notenbanken in das System pumpen. Entsteht an der Börse schon die nächste Spekulationsblase?

Boeckh: Die nächste Spekulationsblase bei Aktien ist noch weit entfernt. Gemessen an den Gewinnaussichten sind Aktien sehr vernünftig bewertet. Das gilt umso mehr, wenn man die niedrigen Zinsen berücksichtigt, die Unternehmen für ihre Kredite bezahlen müssen und die auch die Alternative zu Aktien, den Anleihemarkt, für Anleger wenig attraktiv machen. Wir sind seit längerem bullish für Aktien.

mm: Wie kann das sein, angesichts der durchwachsenen Aussichten für die Wirtschaft und der Instabilität der neuen Geld-Welt?

Boeckh: Das geht gegen den Instinkt. Aber genau das ist wichtig in der Ära der Reflation: Investoren müssen kurzfristig und taktisch Chancen nutzen, wie sie der Aktienmarkt jetzt bietet - auch wenn die langfristigen Aussichten für die Wirtschaft ihnen Angst machen. Die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums war doch klar abzusehen. Genau deshalb pumpen die Notenbanken ja auch frisches Geld in das System, was neue Impulse für Aktien bringt.

"Über uns schwebt diese riesige, schwarze Wolke"

mm: Woran erkennen Sie denn, dass Aktien jetzt aussichtsreich sind?

Boeckh: Erstens eben an dieser Liquidität des Markts: Es ist viel Geld im Finanzsystem, erhältlich bei den Zentralbanken für fast null Prozent Zinsen. Zweitens an der Bewertung, viele Aktien sind günstig. Drittens an den Unternehmensgewinnen, denn die steigen.

mm: Welchen Anteil des Geldes soll man in der Ära der großen Reflation in Aktien halten?

Boeckh: Weniger als vor der Finanzkrise. Es ist doch so: Über uns schwebt diese riesige, schwarze Wolke. Wir wissen, dass es irgendwann ein schweres Unwetter geben wird. Das heißt aber nicht, dass ich mit meinem Segelboot nicht rausgehen kann. Ich muss nur nah genug am Ufer bleiben, um schnell wieder an Land zu kommen, wenn das Gewitter losbricht. So sieht der Markt heute aus. Investoren sollten Risiken eingehen, um etwas zu verdienen, sich dabei aber die Möglichkeit des Ausstiegs bewahren.

mm: Sie verwalten das Vermögen Ihrer Familie, den Grundstock dafür hat ein deutscher Vorfahre mit der Produktion von Mal- und Rasierpinseln verdient. Welchen Teil des Familienvermögens riskieren Sie denn an der Börse?

Boeckh: Zuletzt zeitweise 80 Prozent.

mm: Im Ernst?

Boeckh: Das liegt daran, dass wir so viele kleine kanadische Unternehmen sehen, die wirklich billig sind. Wir sind bullish für die kanadische Wirtschaft. Diese Unternehmen sind zwar an der Börse, aber wir betrachten sie als langfristige Investitionen. Mit dem übrigen Geld halten wir ausreichend sicherere, liquide Anlagen wie Staatsanleihen Deutschlands und Kanadas, sowie auch Gold. Deren Wert steigt bei einem Aktiencrash, daher bieten diese Anlagen eine Absicherung für das Depot. Gold ist inzwischen allerdings eine ziemlich teure Absicherung.

mm: Haben Sie genug Absicherung, um bei ihrer hohen Aktienquote auch mit einem erneuten Börsencrash zu leben, der ja kommen könnte, falls die Reflationspolitik der Zentralbanken scheitert?

Boeckh: Klar. Selbst wenn es einen schweren Schlag für den Markt gibt, springen wir nicht aus dem Fenster. Aber der Bullenmarkt für Aktien läuft weiter, dafür sprechen die Liquiditäts- und Wirtschaftsindikatoren. Doch weiterhin bestehen schwerwiegende strukturelle Probleme, wie die Schuldenkrise in Europa, das ausufernde Haushaltsdefizit der USA oder Chinas stark unterbewertete Währung. Wegen dieser Probleme sollten Anleger allerdings ihr Risiko begrenzen, zum Beispiel indem sie einen Teil ihres Geldes nicht investieren, sondern in bar halten.

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