Dax-Geflüster Deutsche Geldhäuser hängen US-Banken ab

Während Goldman Sachs Anleger enttäuscht und die Zukunft der großen Investmenthäuser unsicher ist, starten deutsche Banken eine Aufholjagd. Sollten sich heimische Bankaktien von der US-Konkurrenz emanzipiert haben? Analysten sehen dafür Anzeichen - doch viele Branchenrisiken bleiben. 
Von Arne Gottschalck
Mehr Bewegung in Frankfurt am Main: Deutsche Geldhäuser derzeit im Zwischenspurt

Mehr Bewegung in Frankfurt am Main: Deutsche Geldhäuser derzeit im Zwischenspurt

Foto: STAFF/ REUTERS

Hamburg - Es hat etwas Rituelles. Ein großes US-Unternehmen nach dem anderen legt zu einer bestimmten Jahreszeit Rechenschaft über seine Geschäfte ab. Den Auftakt macht traditionell der Aluminiumkonzern Alcoa . Irgendwann folgen die amerikanischen Bankenriesen und berichten, wie das Quartal respektive Geschäftsjahr gelaufen ist. J.P. Morgan, Citigroup , Morgan Stanley , Goldman Sachs , die Bank of America. Doch dieses Mal haben die Bank-Nachrichten aus Übersee nicht viel Beschwingendes.

Bei der Citigroup und Morgan Stanley fielen die Ergebnisse eher bescheiden aus, der Branchenprimus Goldman Sachs schockierte seine Anleger gar mit einem Gewinneinbruch von mehr als 50 Prozent. Und die Bank of Amerika meldet gar einen Milliardenverlust. Entsprechend unter Druck stehen die Aktienkurse der Geldhäuser - und damit in einem ungewöhnlichen Kontrast zu ihrer internationalen Konkurrenz. Und das sogar gegenüber der aus Deutschland.

Die Aktien der Deutschen Bank  zum Beispiel hinkte der Aufwärtsentwicklung des hiesigen Leitindex Dax  lange hinterher. Seit knapp zwei Wochen aber holt sie kräftig auf. Auch die Anteilsscheine der Commerzbank  weisen vergleichbare Tendenzen auf. Sollten sich Europas Banken etwa aus dem Schatten der amerikanischen Konkurrenz lösen?

Die Finanzprofis von J.P. Morgan Cazenove beispielsweise ziehen derzeit europäische gegenüber amerikanischen Investmentbanken vor, schreiben sie in einer aktuellen Studie. Unter anderem wegen der "Volcker-Rules", die die amerikanischen Banken offenbar stärker belasten sollen als ihre europäischen Konkurrenten.

Zwar sei es noch zu früh, um klare Schlussfolgerungen zu ziehen, mahnt Paul Vrouwes, Fondsmanager des ING Invest Banking & Insurance. Immerhin habe die Berichtssaison gerade erst begonnen und nur gut 50 von 6000 Banken in Amerika hätten bislang berichtet. Doch einiges lasse sich auch jetzt schon sagen.

Unterschiedliche Spielregeln für die Finanzhäuser

"Die Volcker-Regeln könnten zu einem uneinheitlichen Spielfeld führen", sagt er gegenüber manager magazin. "US-Banken müssten dann zum Beispiel 8 Prozent Eigenkapital hinterlegen, deutsche Finanzhäuser dagegen nur 7 Prozent. Und in der Schweiz sollen es sogar 19 Prozent sein. Auch wenn es noch sehr früh sei ein endgültiges Urteil zu fällen: Es sehe bereits jetzt so aus, als würde deshalb zum Beispiel die Deutsche Bank  zulasten der Schweizer Konkurrenten gewinnen - und auch gegenüber der US-Konkurrenz. "Und das schlägt schon etwas auf die Aktienkurse durch", meint Vrouwes.

Anderseits: Die Schwierigkeiten von Goldman Sachs im Anleihengeschäft könnten auch für die Deutsche Bank gelten. Deutschlands größtes Geldhaus gilt als besonders stark im Anleihengeschäft. Die WestLB hat daher ihre Erwartungen für die Geschäfte des deutschen Branchenprimus reduziert. Und die Frage des künftigen Zugangs zu Kapital ist damit noch gar nicht beantwortet.

Sie könnte das Leben vor allem für kleinere Institute schwierig machen, meint Christian Blaabjerg, Chef Aktienstratege bei der Saxo Bank. Die großen Banken dagegen würden "vielleicht nicht 'outperformen', aber überleben, weil die meisten von Ihnen die Basel-II-Kriterien erfüllen werden, bereits jetzt oder vor 2018", so Blaabjerg.

Stärkere Regulierung, und der Zugang zu Kapital wird knapper - das Geschäftsumfeld bleibt deshalb auch für deutsche Banken schwierig. Einige Aktienstrategen erklären die jüngsten Kursgewinne der deutschen Finanztitel daher schlicht mit einer Sektorrotation: Investoren würden Gewinne zum Beispiel bei Automobiltiteln mitnehmen und nun Geld in Titel aus der Finanz- und Versorgerbranche investieren, die im vergangenen Jahr hinter dem Durchschnitt zurückgeblieben sind.

Ob die deutschen Finanztitel ein lohnendes Ziel für einen solchen Umstieg sind, wird sich erst zeigen, wenn die deutschen Finanzhäuser ihre Zahlen vorlegen. Immerhin hat Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann mit dem Kauf der Postbank bereits die ersten Schritte unternommen, um sich breiter aufzustellen, das Privatkundengeschäft zu stärken und die Abhängigkeit vom Investmentbanking und Anleihenhandel zu verringern. Die Zahlen von Goldman Sachs zeigen, dass dies wahrscheinlich der richtige Schritt war.

"Großteil des Ertrags wird als Bonus an die Angestellten ausgekehrt"

Das vor allem, weil beim US-Branchenprimus Goldman Sachs der Umsatz der Sparte FICC, die den Handel mit Anleihen, Devisen und Rohstoffen bündelt, zuletzt um 48 Prozent gesunken ist - auf 1,6 Milliarden Dollar. Auch der Aktienhandel der Goldmänner schwächelte. Dass die Goldman-Aktie daraufhin um mehr als 4 Prozent an Wert verlor, ist nicht überraschend. Es läuft derzeit nicht rund im Investmentbanking - eine starke Abhängigkeit von dieser Sparte ist ein Problem.

"Wenn Goldman Sachs schon nicht glänzen kann, muss man allen anderen viel Glück wünschen", kommentierte Simon Maughan, Analyst bei MF Global, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. "Goldman Sachs ist ja nicht nur eine Bank. Es ist die Vorzeigebank", sagt Maughan. Kein Wunder, dass so mancher Finanzexperte von Bankenaktien abrät.

Christoph Bruns zum Beispiel, der bei der Fondsboutique Loys unter anderem einen weltweit anlegenden Aktienfonds verwaltet. "Grundsätzlich spüre ich eine vertrauensvolle Haltung des Marktes, da ist ein Schalter umgelegt worden", sagt er. Seit die Banken sich als Keimzellen der Finanzkrise gezeigt hätten, betrachten viele Experten Bankaktien als Wertpapiere einer ganz eigenen Art, die einer besonderen Sorgfalt bedürfen.

"Mit der Bankenkrise sind wir überhaupt noch nicht durch", erläutert Bruns. "Da haben sich einige ohne Not an den Problemen anderer Länder beteiligt." In Chicago zum Beispiel komme er regelmäßig an Baustellen vorbei, die von deutschen Landesbanken mitfinanziert werden.

Eine US-Investmentbank sei vor allem für deren Angestellt interessant, nicht so sehr für Aktionäre, meint Bruns. "Gut die Hälfte des Ertrags wird ja als Bonus an die Angestellten ausgekehrt. Vergleichen Sie das mal mit Industrieunternehmen, da gibt es so eine Selbstbedienung nicht. Das ist ein grundsätzliches Problem bei Banken. Schon allein deswegen halte ich Abstand von solchen Aktien", sagt der Fondsmanager.

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