Dax-Geflüster Das Rentenroulette

Im Vergleich zu den Euro-Staatsanleihen wirken Aktien derzeit fast langweilig. Kein Wunder, denn gerade europäische Krisenstaaten buhlen um die Gunst der Investoren. Das ist keineswegs nur ein Thema für Finanzexperten in Frankfurt oder London. Es betrifft alle Anleger.
Von Arne Gottschalck
Die Bank gewinnt immer: Im Roulette gilt das als eherne Regel - und auch an den Anleihenmärkten stimmt der Spruch. Setzen müssen die Länder.

Die Bank gewinnt immer: Im Roulette gilt das als eherne Regel - und auch an den Anleihenmärkten stimmt der Spruch. Setzen müssen die Länder.

Foto: DENIS SINYAKOV/ REUTERS

Hamburg - Es sind offenbar wieder gute Zeiten für die Banken. Für HSBC  oder die Deutsche Bank  - oder auch die spanische BBVA. Unter anderem deshalb, mutmaßen Experten, weil der Markt die Anleihen vom Krisenland Portugal ohne Weiteres angenommen hat. Aber auch, weil die Europäische Union daran denkt, den Euro-Rettungsfonds aufzustocken. Und das würde für die Banken die Gefahr senken, auf Zahlungsausfällen finanzschwacher Euro-Staaten sitzen zu bleiben.

Anleihen als Treiber des Aktienmarkts - etwa jene Anleihen, die lange als Langweilergeschäft verschrien waren? Nein, Anleihen als ein hochpolitisches Investment, das alle angeht.

Euro-Staaten buhlen derzeit so hart wie lange nicht um das Interesse der Investoren. Diese wiederum, die Fondsmanager oder die Lenker der Lebensversicherungen, zucken zurück, wenn sie nur leise Zweifel an der wirtschaftlichen Stärke eines Landes haben.

Beispiel Portugal. Noch vor wenigen Tagen wurde kolportiert, Deutschland und Frankreich wollten das Land unter den Euro-Schutzschirm zwingen. Portugals Politiker tobten. Dennoch versuchte das Land sein Glück allein - mit Erfolg. Auch wenn Portugal an seine Gläubiger 6,7 Prozent zahlen muss, die Mehrheit der Experten atmet auf. Kein Wunder, denn die Zinsen für Neuemissionen lagen schon einmal höher.

Staaten buhlen um das Geld der Investoren

Aber auch in anderen Ländern laufen die Auktionen von Anleihen. Und am Montag folgt das Treffen der Euro-Gruppe, bei der vermutlich auch das Thema Euro-Bonds auf der Agenda steht.

Jede Äußerung eines Politikers wird in so einer Situation auf die Goldwaage gelegt. Ein "Roulettespiel" nennt es Stephan Kuhnke, Leiter des Portfoliomanagements der auf Anleihen spezialisierten Fondsboutique Bantleon. Zumindest bei den Ländern, "die unmittelbar vor einer Inanspruchnahme des Rettungsschirms stehen. Die Kernländer der Euro-Zone haben bislang überhaupt keine Probleme gehabt, ihre Neuemissionen zu platzieren."

Kein Wunder also, wenn Standard Life Investments in einer aktuellen Veröffentlichung kurz und bündig schreibt: "Buy corporate risk, sell political risk." Frei übersetzt - Unternehmensanleihen hui, Staatsanleihen pfui.

Nicht nur Lebensversicherer sind stark in Staatsanleihen investiert

Das betrifft auch die investmentmüden Deutschen. Denn gerade Staatsanleihen finden sich in den Depots der meisten Haushalte hierzulande, bei den meisten vermutlich indirekt über ihre Lebensversicherung. Immerhin besitzt jeder Deutsche, zumindest statistisch gesehen, eine Lebensversicherung. Jeder vom Säugling bis zum Greis.

Die Versicherungen wiederum investieren traditionell sehr stark in Anleihen. Dazu kommen noch Anleihenfonds, von Adirenta bis WWK Rent. Mehr als 70 Milliarden Euro stecken zum Beispiel in Fonds, die sich allein auf Euro-Staatsanleihen konzentrieren. Und das nur von Fondsgesellschaften, die in dem deutschen Fondsverband, dem Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) organisiert sind. Vergleichbare Produkte gibt es noch von etlichen angelsächsischen Konkurrenten, die nicht Mitglied im Verband sind.

Anleihen also. Bei all den Sorgen um den drohenden Kollaps einzelner Südländer ist es kein Wunder, dass ihre Kurse seit Mitte 2010 gesunken sind. Sie erinnern sich an die Daumenregel - Anleihenkurse steigen, wenn die Leitzinsen sinken werden. Und sie fallen, wenn die Investoren steigende Leitzinsen erwarten. Weil sie dann für neue Anleihen mit höheren Zinsen rechnen können und sich von den alten trennen würden. Ebenso fallen die Kurse, wenn die Angst um einen Ausfall - eine Staatspleite - um sich greift. Oder, wie im Fall Deutschlands, wenn die Anleger eine Transferunion mit Deutschland als Geldgeber befürchten.

Das Ende der Langweiler

Der Anleihenmarkt hat seine eigenen Gesetze. Eines davon lautet, Chancen und Risiken einer Anlage genau abzuwägen - es sei denn, Panik oder Gier fegen gerade wieder einmal jeglichen Gedanken an jene Gesetze beiseite. Und so wittern etliche Experten bereits Chancen. "Sowohl aus absoluten als auch aus relativen Überlegungen bieten europäische Staatsanleihen Kaufchancen", sagt zum Beispiel Anlageexperte Kuhnke.

Auch Michael Diekmann, Vorstandschef der Allianz, kündigte gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen" an, sein Haus wolle 2011 Staatsanleihen kaufen. Und Andrew Milligan, der bei Standard Life Investments die globale Strategie verantwortet, sagt: "Unsere Fonds untergewichten die kleineren Länder, aber wir mögen die Kernländer weiterhin. Der Inflations- und Zinsausblick sieht für sie vielversprechend aus."

Verliert die Konjunktur an Kraft, dürften Anleihekurse steigen

Kurzfristig, so Kuhnke, könne es allerdings noch einmal unruhig werden. "Auch wenn kurzfristig leichte Kursverluste nicht ausgeschlossen werden können, dürfte die nachlassende konjunkturelle Dynamik auf Sicht der nächsten sechs Monate zu fallenden Renditen und steigenden Kursen bei Euro-Staatsanleihen führen. Dabei sollten insbesondere die Staatsanleihen der Peripheriestaaten von einer im Jahresverlauf einsetzenden Stabilisierung der Gesamtsituation profitieren und namhafte absolute Erträge erzielen."

Milligan sieht eine Dreiteilung der Euro-Länder. "Es gibt die stärkeren, exportorientierten Länder so wie Deutschland, jene, die sich durchwursteln, so wie Großbritannien oder Frankreich, und jene in Rezession oder kurz davor, wie Griechenland. Die Hoffnung für Europa ist, dass sich die deutsche Erholung langsam auf die die gesamte Region abfärbt."

In der Zwischenzeit hat man sich am Anleihenmarkt sogar an den Gedanken der Euro-Bonds gewöhnt. "Euro-Bonds würden idealtypisch in unsere hoch qualitativen Anleihenportfolios passen", sagt Kuhnke. "Einen Vorgeschmack auf Euro-Bonds hat bereits die in der vergangenen Woche lancierte großvolumige fünfjährige Anleihe der Europäischen Union gegeben. Die Anleihe ist zum einen in Bezug auf den Spread - aktuell 60 Basispunkte gegenüber einer vergleichbaren deutschen Bundesobligation - und zum anderen in Bezug auf die Liquidität sehr attraktiv."

Schade nur, dass die Einführung zulasten Deutschlands erfolgen würde. Die Bundesrepublik Deutschland würde ihre Bonität auf die Euro-Bonds transformieren, was zur Verwässerung der Kreditqualität Deutschlands und leichten Kursrückgängen führen könnte. Das sieht auch der Brite Milligan so.

Eurobonds, Pleitestaaten, Kursverluste bei Anleihen - wie wohltuend langweilig wirkt da der Dax . Der kletterte zuletzt nahezu stetig. Wie übrigens auch viele Bankaktien.

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