Dax-Geflüster Stromriesen ohne Saft

Energiekonzerne galten lange als Vorzeigeaktien im Dax. Eon und RWE standen für sichere Einkünfte und solide Dividendenrenditen, wie sie sich jeder Anleger wünscht. Doch 2010 ging diesen Papieren plötzlich der Strom aus. Alles deutet darauf hin, dass die guten Zeiten so schnell nicht wiederkehren.
Von Arne Gottschalck
Foto: DDP

Hamburg - Früher war alles besser, zumindest aus Sicht der Energiekonzerne. Früher sah die Rechnung so aus: Große Kundenzahlen, ein Quasimonopol und ein guter politischer Zugang ergaben ein gutes Investment. Und die Stromkonzerne hatten all das - die großen Kundenzahlen, ein Quasimonopol und einen guten Draht zur Politik.

Doch 2010 sieht alles anders aus. Die Energieaktien wie Eon  und RWE  tragen die rote Laterne im Dax , verlieren über das Jahr gerechnet über 17 beziehungsweise 23 Prozent an Wert. Der Index selbst gewann über 22 Prozent. Und ganze vorne unter den Gewinnern finden sich die Autohersteller wie BMW  oder Volkswagen . Papiere jenes Industriesektors, den der Staat vor gar nicht langer Zeit noch mit milliardenschweren Subventionen, besser bekannt als Abwrackprämie, unter die Arme greifen musste. Nur ein kurzer Spannungsabfall für die Energiekonzerne - oder ein Paradigmenwechsel?

Fast schlägt die Nadel in die letztere Richtung aus. Denn tatsächlich müssen die Energiekonzerne einige Lasten schultern, die anderen Branchen erspart bleiben.

Beispiel Brennelementesteuer. Von 2013 an müssen die Stromerzeuger auch sämtliche Kohlendioxid-Lizenzen ersteigern - bislang erhielten sie das Gros kostenlos. "Eine neue Zeitrechnung", hatte RWE-Vorstand Jürgen Großmann mit Blick auf das Jahr 2013 gesagt. Auch die seligen Zeiten des Monopols sind vorbei, Billiganbieter drängen auf den Markt. "Die Zeit der Monopolgewinne ist vorbei", sagt Karl Huber, der bei Pioneer Investments den German Equity Funds verwaltet, einen deutschen Aktienfonds. Entsprechend skeptisch blickt er auf die Aktien der Stromer.

Fast wirken sie etwas aus der Zeit gefallen. Kein Wunder, sagt Huber. "Das ist ja auch eine Frage des Umfelds. In so einem Umfeld wie 2010 haben defensive Aktien es schwer. Da erholten sich erst einmal andere Werte und ließen die Versorger weit hinter sich." Und weiter: "Abgesehen davon ging zuvor ein tolles Jahrzehnt für Versorger zu Ende, in dem es um Deregulierung und Investitionen ging." Und auch um Zusammenschlüsse - Veba und Viag formten zum Beispiel Eon. "Doch das ist jetzt Geschichte. Die Anleger wollen nun wissen, wie es in den Unternehmen weiter geht." Ja, wie geht es weiter? Eine treffende Antwort haben die Unternehmen in 2010 offenbar nicht gefunden - sonst wären die Kurse nicht so gefallen.

Politische Unsicherheit

"Nehmen wir das Beispiel Eon - zuerst wollten sie nach Spanien, das wurde nichts, dann sollte es Osteuropa sein. Und nun? Dazu kommen die offenen politischen Fragen, Stichwort Atomstrom oder die Bedeutung von Versorgungssicherheit. Welche Kraftwerke sollen die Unternehmen nun bauen? Auch die Frage des Energienetzes ist sehr komplex", sagt Huber. Es gibt also viele offene Fragen.

Ein deutsches Phänomen? Nicht ganz, die Entwicklung findet sich auch in anderen Ländern, Spanien beispielsweise. "In Spanien sind in den vorigen zehn Jahren genau die Werte gut gelaufen, die aktuell leiden - Banken zum Beispiel oder Versorger", beobachtet Fondsmanager Huber. Das gleiche Bild in Frankreich. Dort büßte die Aktie von Électricité de France (EDF) 2010 fast 20 Prozent ein und gehört damit zu den Verlierern des Jahres. Doch soll EDF immerhin zum französischen Champion aufgebaut werden, sich zum Beispiel mit dem Nuklearkonzern Areva verbünden. Das ließe viel Luft an der Börse für 2011.

Luft, die der deutschen Konkurrenz offenbar fehlt. Freilich, "die Unternehmen verdienen ja noch Geld und schütten Dividenden aus. Aber es ist zu vieles unklar, als dass ihre Aktien attraktiv wären", sagt Huber. Tatsächlich liegt die Dividendenrendite für 2010 im Falle Eons bei 6,72 Prozent, bei RWE bei über 7. Und das Kursgewinnverhältnis der beiden pendelt um die 7 - bei einer haussierenden Aktie Daimler liegt es bei 29.

Chancen auf eine nachhaltige Besserung in Deutschland sieht Fondsmanager Huber dennoch nicht. "Wenn im kommenden Jahr die Erholung weitergeht - dann könnte es dazu kommen, dass die Versorger wieder ins Dax-Mittelfeld rutschen. Aber mehr auch nicht."

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