Börse Unruhe nach dem Beinahe-Crash

Nach dem "Schwarzen Freitag" an Wall Street ist am Montag alles drin: Stark fallende Kurse, eine nur unlustige Börse oder eine Schnäppchenjagd, die die Märkte ins Plus hebt.

Frankfurt am Main - Die Wall Street hat am Freitag historische Verluste hinnehmen müssen. Nach Meinung von Analysten war der Tag Höhepunkt einer der schlimmsten Wochen, die die Wall Street je erlebt hat. Auslöser des Einbruchs war der unerwartet scharfe Anstieg der US-Verbraucherpreise im März um 0,7 Prozent. Deshalb befürchten die Börsenexperten, dass es auf dem nächsten US- Notenbanktreffen am 16. Mai möglicherweise eine halbprozentige Leitzinserhöhung geben könnte.

Der drastische Kurseinbruch hat weltweit Unruhe ausgelöst. Experten warnten aber vor übertriebener Panik. Der Direktor des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Horst Siebert, sieht keinen Grund zur Nervosität. "Ich halte das für eine notwendige Korrektur, um das zu vermeiden, was 1990 in Japan passiert ist, nämlich ein Platzen der Blase", sagte Siebert am Samstag im Hessischen Rundfunk.

Bundesbankpräsident Ernst Welteke sagte in Washington, in Deutschland sei wesentlich weniger Kapital auf den Aktienmärkten angelegt als in USA. "Wir können das in Deutschland etwas gelassener betrachten."

Er sehe auch keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Wechselkurse. Das Thema spielte dennoch bei den Gesprächen der Finanzminister der führenden sieben Industrieländer (G-7) am Samstag in Washington eine Rolle. In der US-Hauptstadt findet die Frühjahrstagung von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) statt; die Minister berieten sich vorab mit US-Notenbank-Chef Alan Greenspan.

Britische Analysten befürchten für Montag einen ähnlichen Effekt in London wie in New York. Die meisten Analysten wollten am Samstag jedoch nicht von einem Crash sprechen, sondern bevorzugten die Umschreibung "Korrektur". Stuart Thomson von Sutherlands sagte der BBC: "Wir sollten uns jetzt nicht mitreißen lassen. Wenn nicht mehr passiert, als dass der Neue Markt auf das Niveau vom vergangenen Oktober zurückfällt, dann ist das wohl kaum ein Kollaps, sondern eine Korrektur."

In New York war der Dow-Jones-Index um 617,78 Punkte oder 5,66 Prozent auf 10 305,77 Punkte eingebrochen, der schlimmste Punktverlust in der 104-jährigen Geschichte des Dow. Der Nasdaq-Index brach sogar um 9,67 Prozent oder 355,49 Punkte auf 3 321,29 Punkte ein. Das war der größte Punktverlust in der 29-jährigen Geschichte der Nasdaq. In einer Börsenwoche verlor der Index damit 25,3 Prozent.

Kursverluste steigen auf 7.000 Dollar je Einwohner

In der abgelaufenen Börsenwoche ist der Wert der amerikanischen Aktien um mehr als zwei Billionen Dollar geschrumpft. Das entspricht 7 000 Dollar je US-Einwohner, berichtete die "New York Times" am Samstag. "Am Freitag war ein wilder Sturm durch die Wall Street gefegt. Die Investoren fragten sich, ob sie die Wall Street verlassen hatten und auf das Deck der Titanic gestiegen waren", sagte Lynn Reaser von der Bank of America Capital Management.

Nach Darstellung von Merrill Lynch, der größten Wall Street- Brokerfirma, könnten sich die globalen Schwankungen in naher Zukunft fortsetzen. Merrill Lynch warnte die Anleger allerdings vor Überreaktionen auf die gegenwärtigen Marktbedingungen. "Die wirtschaftlichen US-Grunddaten sind stark, und die globalen Wachstumsaussichten positiv", betonte die New Yorker Brokerfirma.

Die Optimisten an der Wall Street hoffen auch, dass gute Gewinnausweise der US-Firmen für das erste Quartal 2000 dem Markt in den nächsten Tagen eine Stütze bieten könnten. Andere Wall Street- Gurus befürchten hingegen, dass sich die Talfahrt weiter fortsetzen wird.

Tokio wird dem "Sell-Off" nicht folgen

Japanische Händler hielten die Gefahr direkter Auswirkungen auf die Börse in Tokio für eher gering. Sie begründeten das mit der großen Nachfrage nach Aktien und mit den auf Rekordtief liegenden Zinsen. Ausländische Händler in Tokio meinten dagegen, die japanische Börse könne sich den negativen Auswirkungen eines derart großen Sturzes nicht entziehen.

Nach Einschätzung der britischen Presse ist der Aktiensturz diesmal in mancher Hinsicht dramatischer, weil es viele Millionen Aktionäre mehr gibt als 1987. "Die Wirkung wird um so größer gewesen sein für all jene, die es noch nie miterlebt haben, dass Aktien wie Steine in die Tiefe fallen", kommentierte der "Guardian".

Der Deutsche Aktienindex Dax war am Freitag in Reaktion auf die Eröffnung der Wall Street um 3,14 Prozent auf 7 214,83 Zähler gefallen. Der Nemax-50 rutschte um 4,95 Prozent auf 6 418,21 Punkte, der EuroStoxx-50 verlor 2,84 Prozent auf 5 034,25 Punkte.

In Paris sackte der Index CAC 40 am Freitag um 3,17 Prozent auf 6 065,71 Punkte. An Lateinamerikas größter Börse in Sao Paulo sackte der Bovespa um 706,48 Punkte (4,56 Prozent) auf 14 794 Punkten. Der IPC in Mexiko brach um 544,35 Punkte (7,93 Prozent) ein und landete bei 6 315,91 Punkten.

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