Lebensversicherer Bafin bändigt das Raubtier der Einmalpolicen

Das Kerngeschäft der Lebensversicherer bricht ein, Profit garantierten zuletzt vor allem ungewöhnliche Abschlüsse mit wohlhabenden Kunden. Zum Nachteil der Altkunden, sagen Kritiker. Jetzt schlägt die Finanzaufsicht dazwischen.
Gier nach Umsatz: Kritiker unterstellen Lebensversicherungsunternehmen genau diese Eigenschaft, weil sie zuletzt vor allem von dem umstrittenen Geschäft mit hohen Einmalbeiträgen lebten. Mit der Regulierung dieser Policen vor allem für wohlhabende Kunden würde die Finanzaufsicht jetzt ein "ausgebrochenes Raubtier" bändigen und Gefahr von Altkunden abwenden, sagen sie.

Gier nach Umsatz: Kritiker unterstellen Lebensversicherungsunternehmen genau diese Eigenschaft, weil sie zuletzt vor allem von dem umstrittenen Geschäft mit hohen Einmalbeiträgen lebten. Mit der Regulierung dieser Policen vor allem für wohlhabende Kunden würde die Finanzaufsicht jetzt ein "ausgebrochenes Raubtier" bändigen und Gefahr von Altkunden abwenden, sagen sie.

Foto: Corbis

Hamburg - Für die deutschen Lebensversicherer und ihre Kunden sind die fetten Jahre vorbei. Der Wegfall des Steuerprivilegs im Jahr 2005 hatte der Branche ein zentrales Marketinginstrument und den Kunden ein wichtiges Kaufargument genommen. Zugleich mussten und müssen die Kunden mit ansehen, wie unter dem Diktat einer seit mehr als zehn Jahre währenden Niedrigzinspolitik der Notenbanken die Renditen ihrer Verträge fortlaufend zusammenschmelzen.

Die kapitalbildende Lebensversicherung hat an Attraktivität verloren, räumen jetzt vereinzelt sogar Versicherungsvorstände ein. Und die Unternehmen bekommen das empfindlich zu spüren. Das Kerngeschäft der Branche, der Verkauf von Lebensversicherungen gegen laufenden Monatsbeitrag, ist im vergangenen Jahr eingebrochen. Das stark gestiegene und umstrittene Geschäft mit reichen Kunden gegen Zahlung eines hohen Einmalbetrags hat den Rückgang der Bestände dagegen nicht aufhalten können, wie die jüngste Bilanzanalyse des Branchendienstes Map-Report zeigt.

Demnach konnten im vergangenen Jahr lediglich 20 von 86 untersuchten Unternehmen ihren Vertragsbestand gegen laufenden Beitrag steigern. 66 Lebensversicherer verzeichneten Bestandsverluste. Bei acht von ihnen lag das Volumen jeweils um mehr als 100 Millionen Euro hinter dem Vorjahr. Der Marktführer Allianz Leben büßte gar mehr als 253 Millionen Euro laufenden Beitrag ein. Unter dem Strich fiel der laufende Beitrag der Branche um mehr als 2,3 Milliarden Euro auf 60,6 Milliarden Euro oder 3,69 Prozent zurück, was sich in etwa mit der Statistik des Branchenverbandes GDV deckt.

Deutlich schlechter sieht die Bilanz im Neugeschäft aus. Der laufende Beitrag für ein Jahr im Neugeschäft 2009 erreichte rund 5,8 Milliarden Euro und rutschte damit gegenüber dem Vorjahr um 15,4 Prozent ab. Ihr Geschäft gegen einen hohen Einmalbeitrag mit wohlhabenden Kunden dagegen konnte die Branche zum Jahresende 2009 kräftig ausbauen. Um rund 60 Prozent oder 7,4 Milliarden Euro auf 19,7 Milliarden Euro wuchsen die Einmalbeiträge gegenüber dem Vorjahr. "Nur noch die Reichenpolicen füllen die Kassen der Lebensversicherer", sagt Map-Report-Chef Manfred Poweleit.

Diese Entwicklung an sich wäre unbedenklich, wenn die Bürger privat ausreichend vorsorgten. Doch die Masse tut dies nicht oder kann es sich nicht mehr leisten, ist Poweleit überzeugt. Riester sei schön und gut, aber letztlich ein "Tropfen auf den heißen Stein". Im Schnitt betrage die vereinbarte Monatsrente der privaten Vorsorger in Deutschland 238 Euro. Angesichts der zu erwartenden Einbußen in der gesetzlichen Rentenversicherung und eines Mindestbedarfs von 1200 Euro monatlich im Alter ließe sich damit noch nicht einmal die reformbedingte klassische Einkommenslücke schließen. Der schleichende Renditeverlust der Lebensversicherung in der Vergangenheit und die "neue Rentenlücke", von der Wissenschaftler sprechen, sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Die Masse der Deutschen wird bei dieser Entwicklung im Alter ihren gewohnten Lebensstandard also nicht halten können. Ein Gutteil der Schuld daran trügen auch die Lebensversicherer: "Wer nichts tut, um dem Zusammenbruch des Massengeschäfts entgegenzuwirken, könnte bald in Legitimationsprobleme kommen", ermahnt Poweileit die Vorstände der deutschen Lebensversicherer.

Dabei steht das drastisch steigende Geschäft mit hohen Einmalbeiträgen auch aus anderen Gründen und schon länger in der Kritik. Im Zuge der Finanzkrise und angesichts des niedrigen Zinsniveaus legten und legen wohlhabende Kunden immer noch zumeist sechsstellige Summen bei Lebensversicherern an. Die Produktpalette reicht dabei von der sofort beginnenden Rente über eine Art Sparkonto im Versicherungsmantel bis hin zum Kapitalisierungsprodukt. Allen Produkten gemeinsam ist, dass sie überdurchschnittliche Zinsen und zumindest auch noch in der Form des Sparkontos die Sicherheit einer Rentenversicherung bieten.

"Sie plündern das eigene Versichertenkollektiv"

Die Kritik entzündet sich vor allem an den sehr kurzfristig orientierten, höher verzinsten Produkten, die biometrische Risiken kaum oder gar nicht einbinden, oft aber gleichwohl gebührenfrei und ohne die gängigen Stornoabzüge zu kündigen sind. Die Kritiker unterstellen im Kern, dass diese Produkte die Policen der Altkunden benachteiligen. Und sie befürchten Liquiditätsengpässe der grundsätzlich langfristig investierenden Versicherer, sollten die wohlhabenden Kunden ihre Verträge massenhaft kündigen, sobald der Kapitalmarkt ihnen eine lukrativere Geldanlage bietet.

"Damit plündern die Unternehmen das eigene Versichertenkollektiv", kritisierte Karsten Zielke, Analyst und Bilanzexperte der Société Générale, bereits im März diese Entwicklung gegenüber manager magazin. Das Prämienwachstum der Lebensversicherer über kurzfristige Kapitalisierungsprodukte sei nicht nachhaltig, mahnte die Ratingagentur Fitch. Durch seinen großen Anteil am Neugeschäft berge es die Gefahr erheblicher Schwankungen in den Kapitalanlagevolumnia. Im Zusammenspiel mit anderen Faktoren, etwa steigenden Stornoquoten und hohen Ablaufleistungen des regulären Bestandes erhöhe sich für den Versicherer zugleich das Liquiditätsrisiko.

Finanzaufsicht will Altkunden besser schützen

Maximilian Zimmerer, Chef des Marktführers Allianz Leben und Funktionär des Branchenverbandes GDV teilt die Vorwürfe und Befürchtungen nicht. Die Furcht vor den Einmalbeiträgen sei unbegründet. Die Altkunden würden nicht benachteiligt. Und den Lebensversicherern drohe aus diesem Geschäft "weder eine Verwässerung der Erträge ihrer Kapitalanlagen noch ein Liquiditätsengpass bei einem etwaigen kurzfristigen Abfluss dieser Kundengelder", schrieb der Manager in der "Börsen-Zeitung".

Die Finanzaufsicht Bafin sieht das offenbar anders. Sie hat nach Monaten der Diskussion für das Geschäft der Lebensversicherer gegen hohen Einmalbetrag jetzt verschärfte Regeln angeordnet. Ziel der Sammelverfügung und eines Rundschreibens ist es, die Interessen der Altkunden zu schützen und der Gefahr von möglichen Liquiditätsengpässen bei Lebensversicherern vorzubeugen.

Bei Policen gegen Einmalbeitrag, die geeignet sind, als kurzfristige Kapitalanlage zu dienen, haben die Lebensversicherer sicherzustellen, "dass eine Spekulation innerhalb des Bestands ausgeschlossen ist. Darunter ist insbesondere zu verstehen, dass es durch die gezielte Ausnutzung der Vertragsgestaltung zu Leistungen kommt, die zu einer unangemessenen Benachteiligung der übrigen Versichertengemeinschaft führen."

Das sind ungewohnt offene Worte. Und damit die Vorstände der Lebensversicherer es nicht bei Absichtserklärungen belassen, gibt die Bafin verbindliche Hinweise, die spätestens ab dem 1. Januar 2011 einzuhalten sind. So sollen Verträge für eher kurzfristig orientierte Produkte im obigen Sinne folgendes beinhalten:

• "angemessene" Stornoabschläge

• eine gegenüber den anderen Bestandsversicherungen " (zeitweise) geringere laufende Überschussbeteiligung"

• eine "auf längerfristige Bindung des Kunden an das Unternehmen ausgerichtete Gestaltung der Schlussüberschussbeteiligung"

• "die Festlegung von Höchstbeträgen für Einmalbeiträge".

Die Aufsicht greift also zum Schutz der Altkunden indirekt in die Vertragsgestaltung von Policen gegen Einmalbetrag ein - ein bislang einmaliger Vorgang, wie Analyst und Bilanzexperte Zielke im Gespräch mit manager magazin feststellt.

Die Folgen für die Branche

Darüber hinaus müssen die Lebensversicherer für Policen gegen hohen Einmalbeitrag, die als Kurzfristanlage dienen können, ab sofort einen gesonderten Verband innerhalb des Sicherungsvermögens bilden und diesem Verband eigene Kapitalanlagen zuordnen. Die Überschussbeteiligung wird dann davon abhängen, wie sich diese Anlagen rentieren. Die Versicherungsaufseher wollen damit verhindern, dass kurzfristig orientierte Kunden von dem langfristig angelegten Geld der Altkunden profitieren, deren Kapitalanlagen in der Regel noch deutlich höhere Zinsen abwerfen als eine Neuanlage für die Neukunden jetzt bringen würde.

Die Rendite der Turbo-Renten wird leiden - das Neugeschäft auch

Folgt man den Experten, wird allein diese Vorschrift erhebliche Wirkung entfalten. Der Zwang ein gesondertes Sicherungsvermögen zu bilden, bedeutet laut Zielke, "dass der Bestandszins nicht zur Subvention des kurzfristigen Neugeschäfts genutzt werden kann". Damit könnten die Versicherungsunternehmen ihren wohlhabenden Neukunden nur marktübliche Zinsen bieten. "Die Anweisung der Bafin kommt der Bändigung eines ausgebrochenen Raubtieres gleich. Damit ist die Gefahr der Plünderung des Kollektivs eingedämmt", sagt der Analyst der Société Générale. Auch Versicherungsexperte Poweleit glaubt: "Damit ist die größte Bedrohung, dass aus Umsatzgier die Reichenpolicen in der Überschussbeteiligung bevorzugt werden, weitgehend ausgeschlossen."

Die weiteren Folgen liegen für die Experten auf der Hand. Die Zinsen für die sogenannten Reichenpolicen müssten sich künftig stärker an den aktuellen Marktverhältnissen orientieren, ihre Rendite werde darunter leiden und die Produkte unattraktiver machen. "Ich rechne mit einem Einbruch des Neugeschäfts", sagt Zielke. Letzteres habe auch in den vergangenen Monaten vor allem aus dem kurzfristigen Einmalgeschäft bestanden. Um diesen Verlust zu kompensieren, würden die Lebensversicherer ihren Kunden vermutlich verstärkt über Vertriebspartnerschaften eingekaufte Bankprodukte anbieten.

Also wieder alles im Lot in der deutschen Assekuranz?

Mitnichten, sagt Poweleit: "Die Diskriminierung der Massenkunden mag unter Kontrolle sein, das Problem des zu geringen Interesses an den Massenkunden und deren Möglichkeiten wird damit aber nicht behoben." Vorsorge für die Bevölkerungsmassen sei die zentrale "volkswirtschaftliche Aufgabe" der Assekuranz. Diese Aufgabe erfüllten die Lebensversicherer aber nicht hinreichend. "Wer fast nur noch Reichenpolicen verkauft und sich nicht um die Beratung zur Vorsorgefähigkeit kümmert, der macht seinen Job nicht."

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