Dax-Geflüster Das Methusalem-Projekt

Der demografische Wandel fordert die Wirtschaft heraus. Nicht genug, dass sich in Unternehmen die Mitarbeiterstrukturen ändern. Vor allem die Absatzmärkte wandeln sich, Produkte und Dienstleistungen müssen angepasst werden. Manch ein Dax-Konzern könnte davon profitieren.
Zielgruppe 50 Plus: Die Wirtschaft muss sich in Deutschland auf eine immer älter werdende Kundschaft einstellen

Zielgruppe 50 Plus: Die Wirtschaft muss sich in Deutschland auf eine immer älter werdende Kundschaft einstellen

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Hamburg - Herzlichen Glückwunsch, falls Sie heute Geburtstag haben. Statistisch gesehen erreichen an diesem Freitag mehr als 200.000 Menschen in Deutschland ein neues Lebensjahr. Für viele ist das ja ein Grund zum Feiern.

Erfreulich ist auch, dass die Menschen hierzulande generell immer älter werden. In den vergangenen 140 Jahren hat sich die Lebenserwartung mehr als verdoppelt, bei den Männern von rund 36 Jahren auf etwa 76 Jahre, bei den Frauen von weniger als 40 Jahren auf über 80.

Das Problem ist jedoch: Seit 1972 werden in Deutschland weniger Menschen geboren als im gleichen Jahr sterben. Die jeweilige Kindergeneration ersetzt die Elterngeneration also schon lange nicht mehr - im Schnitt bekommt eine Frau in Deutschland zurzeit etwa 1,4 Kinder. Ohne Zuwanderung, so das Zentrum für Demografischen Wandel in Rostock, kann Deutschland seine Bevölkerungszahl nicht mehr halten, ebensowenig wie übrigens praktisch jedes andere Land in Europa.

Studie: Der Weltwirtschaft droht ein Schock

Dieser demografische Wandel hat für die Wirtschaft und die Konzerne im Dax  weitreichende Folgen - auf der Arbeitnehmerseite ebenso wie auf den Absatzmärkten. Und in Zeiten der Globalisierung macht auch dieses Thema an den deutschen Grenzen nicht Halt.

"Der Weltwirtschaft droht ein demografischer Schock", heißt es in einer Studie des World Economic Forum (WEF) und der Boston Consulting Group (BCG). Schon in wenigen Jahren werde die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte in vielen Ländern sinken. Allein um ihr Wirtschaftswachstum halten zu können, so die Analyse, fehlen den Ländern Westeuropas 2030 rund 46 Millionen Arbeitskräfte. In den USA seien es rund 26 Millionen, lautet die Prognose.

Welche Entwicklung in Deutschland zu erwarten ist, stellte zudem jüngst die Bertelsmann Stiftung in einer Studie fest. Demnach wird die Zahl jüngerer Arbeitskräfte vor allem im Osten der Republik schon in den kommenden Jahren dramatisch sinken. Besonders in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, aber auch in Thüringen, Sachsen und Brandenburg werde die Altersgruppe der 19- bis 25-Jährigen bis 2025 um beinahe 50 Prozent schrumpfen, so die Stiftung.

"Humankapital wird wird in vielen Unternehmen schon bald das finanzielle Kapital als limitierender Faktor ersetzen", schreiben passend dazu die Autoren von WEF und BCG. Lediglich Brasilien, Südafrika, Indien und Ägypten werden demnach nach 2020 noch über mehr Arbeitskräfte verfügen, als der Arbeitsmarkt nachfragt.

Der Rat von WEF und BCG: Bildungseinrichtungen, Unternehmen und Regierungen sowie Nicht-Regierungsorganisationen müssen mit einer geeigneten Bildungs- und Migrationspolitik auf die drohende Expertenlücke in vielen Volkswirtschaften - inklusive Deutschlands - reagieren.

Senioren konsumieren anders

Schon heute ist der Fachkräftemangel in vielen Branchen hierzulande evident. Erst vor wenigen Tagen sprach sich Klaus Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), für eine deutlich offensivere Einwanderungspolitik aus. Um die deutsche Wirtschaftskraft dauerhaft zu sichern, müssten pro Jahr netto mindestens 500.000 mehr Ausländer und Zuwanderer nach Deutschland kommen als gegenwärtig, so Zimmermann im "Hamburger Abendblatt".

Ausreichend Mitarbeiter - noch dazu mit der erforderlichen Qualifikation - zu finden, ist für viele Unternehmen aber nur das eine Problem. Das andere ist die Frage, wie sich die Märkte verändern, wie Produkte und Dienstleistungen dem demografischen Wandel angepasst werden müssen. Unternehmen, die darauf die richtige Antwort finden, könnten letztlich zu den Gewinnern im demografischen Wandel werden.

"In Deutschland und Europa werden wir auf jeden Fall eine Änderung der Nachfragestruktur sehen", sagt Demografieexperte Sven Hallscheidt vom Deutschen Industrie und Handelskammertag (DIHK). "Senioren konsumieren schlicht anders als junge Leute." Zu den Branchen, die bei einer alternden Bevölkerung mit steigenden Umsätzen rechnen können, zählt Hallscheidt neben den Bereichen Gesundheit, Pharma und Pflege vor allem die Freizeit- und Tourismusindustrie. Zudem werden von älteren Menschen viele Dienstleistungen stärker in Anspruch genommen, so der Experte. Als Beispiele nennt er die Unterstützung bei Einkäufen oder bei der Gartenarbeit.

Studie: Gesundheitssparte auf Expansionskurs

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch DB Research, das sich dem Thema seit Jahren mit Studien und Kommentaren widmet. Auch die Deutsche Bank-Tochter sieht angesichts der demografischen Entwicklung die "Gesundheitssparte auf Expansionskurs", wie es im Titel einer schon etwas älteren Studie heißt. Zudem erwarten die Analysten bis 2030 einen merklichen Anstieg der Ausgaben für Wohnen, Verkehr, Gesundheit und Unterhaltung. Segmente also, in die die Deutschen schon heute einen Großteil ihres Geldes fließen lassen.

Insgesamt allerdings, so die Einschränkung der Analysten, zeige sich, dass sich die veränderte Alterstruktur nicht so sehr auf den Gesamtkonsum auswirke, wie vielfach angenommen. Ein großes Gewicht komme vielmehr auch dem weiteren Anstieg des allgemeinen Einkommensniveaus zu, sowie der Veränderung der relativen Preise.

Ohnehin belastet die Verschiebung der Nachfragestruktur in Deutschland nur jene Unternehmen, die darauf nicht reagieren können, sei es durch eine Anpassung ihrer Produkte, sei es durch ein Ausweichen auf Märkte in anderen, prosperierenden Regionen der Welt.

Ein Beispiel: Auf der gerade abgelaufenen Internationalen Funkausstellung (IFA) in Berlin war die Verschmelzung von TV und Internet eines der beherrschenden Themen. Solche Innovationen braucht die Unterhaltungselektronik nicht zuletzt auch, um die Bedürfnisse einer älter werdenden Kundschaft zu befriedigen. Würden die Hersteller dabei künftig zum Beispiel lokale Dienstleistungen wie die Bestellung beim Supermarkt um die Ecke oder Nachrichten aus der Stadt, dem Stadtteil oder der Nachbarschaft mit einbeziehen, so würde das insbesondere von den Senioren unter ihren Kunden wohl ebenfalls begrüßt werden.

Demografie für viele Konzerne ein Wachstumstreiber

Ähnliches gilt für die Autoindustrie. Auch Hersteller wie Volkswagen , Daimler  oder BMW  reagieren schon heute auf das Wachstum der Generation 50-Plus durch die Entwicklung altersgerechter Fahrzeuge. Stichwort VW Golf Plus, Stichwort Mercedes B-Klasse.

Und die Autobauer zählen noch aus einem anderen Grund nicht zu den Verlierern der demografischen Entwicklung hierzulande: Sie können ihr räumlich entfliehen.

Der Beleg dafür steht schon heute in den Bilanzen der Konzerne, in denen sich bereits ein großer Teil von Umsätzen aus Wachstumsmärkten wie China findet. "Es gibt Berufsgruppen, wie etwa Friseure und Fahrlehrer, die können mit ihrem Geschäft räumlich kaum auf demografische Veränderungen reagieren", erläutert Tobias Just, Chefanalyst bei DB Research. "Die großen Unternehmen heutzutage, zum Beispiel aus den Branchen Automobilbau, Maschinenbau und Elektrotechnik, sind jedoch weltweit aktiv. Für diese Konzerne ist das Thema Demografie eher ein Wachstumstreiber."

Eine ähnliche Argumentation verfolgt Guido Lingnau. Der Chef der Berliner Vermögensverwaltung Guliver orientiert sich bei seinen Investitionsentscheidungen seit mehr als zehn Jahren an demografischen Faktoren. Sein Fazit: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der demografischen Entwicklung eines Landes und dem Erfolg einzelner Branchen in diesem Land. Wohl aber ist eine Verknüpfung zwischen der Demografie und der Performance ganzer Volkswirtschaften festzustellen, so Lingnau.

"Je jünger die Arbeitnehmer sind, desto innovationsfreudiger sind sie"

Der Grund: Ausschlaggebend für die Gewinnentwicklung von Unternehmen ist nach Ansicht des Investmentexperten deren Altersstruktur. "Je jünger die Arbeitnehmer sind, desto innovationsfreudiger sind sie", sagt Lingnau. "Und Innovationen verbessern die Gewinnsituation in jedem Unternehmen, gleichgültig in welcher Branche es tätig ist."

Vor dem Hintergrund hat Lingnau die Alterstrukturen verschiedender Länder analysiert. Und er kommt - ähnlich wie WEF und BCG sowie zahlreiche andere Untersuchungen - zu einem ernüchternden Ergebnis: Die Länder, in denen sich die Bevölkerung mehrheitlich auf den Ruhestand vorbereitet, erwirtschaften zurzeit noch 75 Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes. Dazu zählen viele große Wirtschaftsnationen wie die USA ebenso wie Schwellenland Nummer eins, China. Am dramatischsten ist die Situation nach Angaben des Fachmanns in Japan, wo viele Menschen bereits bis zum 70. Lebensjahr arbeiten und zunehmend an ihr Erspartes gehen.

Zu den jüngeren Ländern, in denen sich Lingnaus Theorie zufolge Investments derzeit noch lohnen, zählen dagegen Australien, Südafrika und Brasilien und Indien.

Und Deutschland? Wird auch von Lingnau in einem Atemzug mit den Wirtschaftsmächten USA und China genannt. Sein Urteil daher: Kein Aktieninvestment herzulande, lieber Staatsanleihen. Eine Ausnahme macht der Investmentfachmann allerdings. Er hat sich die Aktie eines bekannten Optikers ins Depot gelegt. Das Unternehmen verfügt über eine junge, dynamische Mitarbeiterstruktur, sagt er - und als Brillenhersteller müsste es per se von der hiesigen demografischen Entwicklung profitieren.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.