Dienstag, 26. Mai 2020

Dax-Geflüster Angstsparen wird riskant

Flucht in Bundesanleihen: Die Angst vor einem Double Dip sorgt dafür, dass der Bund viel Geld zu Minizinsen einsammelt. Analysten sehen derzeit eine Blase eher am Anleihen- als am Aktienmarkt.

Die Furcht vor einer neuen Rezession hat die Kurse von Anleihen in die Höhe und Bundrenditen auf ein Rekordtief getrieben. Kursverluste drohen mittelfristig eher am Anleihen- als am Aktienmarkt, meinen Analysten. Angstsparen wird riskant, da Notenbanken weiter Geld drucken und Rohstoffpreise anziehen.

Aktiensparer hatten zuletzt wenig Spaß. Die Angst vor einem Double Dip, also dem Rückfall der US-Wirtschaft in eine Rezession, hat nicht nur im Dax Börsen-Chart zeigen für Kursverluste gesorgt. Trotz der jüngsten Erholung seit Mitte der Woche bleiben Investoren nervös: Was, wenn die Konjunktur einen neuen Schwächeanfall erleidet und sich die aktuellen Bewertungen als zu hoch erweisen?

Von einer Blasenbildung am Aktienmarkt kann nach der jüngsten Welle der Skepsis jedoch keine Rede sein. Eine Blase droht eher am Anleihenmarkt, dem klassischen Gegenspieler der Aktienmärkte. Die starke Nachfrage nach Anleihen bester Bonität, die den Anlegern hohe Sicherheit bieten, haben die Kurse von AAA-Anleihen wie etwa der deutschen Bundesanleihe in die Höhe und ihre Rendite in den Keller getrieben. "Anfangs haben Euro-Krise und Sorgen um Staaten wie Griechenland für eine Flucht in Bundesanleihen gesorgt", sagt Birgit Figge, Zinsexpertin bei der DZ Bank. "Dann mussten Investoren ihre optimistischen Erwartungen an das globale Wachstum korrigieren - das sorgte für Aktienverkäufe und eine weitere Nachfrage nach Anleihen."

Das Ergebnis: Wer eine zehnjährige Bundesanleihe kauft und damit der Bundesrepublik für die nächsten zehn Jahre Geld leiht, muss sich mit einer jährlichen Rendite von rund 2 Prozent zufriedengeben. Bei fünfjährigen Anleihen waren es Anfang September nur noch 1,2 Prozent. Bei diesen Minizinsen geht es Anlegern vor allem darum, Geld bei einem verlässlichen Schuldner in Sicherheit zu bringen. "Investoren zahlen eine Sichere-Hafen-Prämie für deutsche Staatsanleihen und nehmen niedrige Renditen in Kauf", sagt Rainer Sartoris, Analyst bei HSBC Trinkaus.

So sieht Angstsparen aus. Diese Anlagestrategie geht auf, wenn die befürchtete Rezession kommt, Auftragsbücher sich wieder leeren, die Zahl der Arbeitslosen steigt, und die Preise für Waren und Dienstleistungen mangels Nachfrage fallen. In einem solchen Deflationsszenario haben Anleihenkäufer alles richtig gemacht: Ihr Geld ist im sicheren Hafen, und die Kurse ihrer Papiere dürften weiter in die Höhe klettern. Wer jetzt noch Anleihen kauft, wettet auf Rezession und Deflation.

"Wer Anleihen kauft, setzt auf den falschen Teufel"

Die Angstsparstrategie kann aber auch gründlich schiefgehen. Sollte sich die Konjunktur in den USA stabilisieren, drohen Anleihekäufern herbe Kursverluste. Die US-Notenbank hat bereits Milliarden Dollar in den Wirtschaftskreislauf gepumpt. US-Präsident Obama hat bei seiner jüngsten Rede an die Nation massive Hilfen für die Wirtschaft angekündigt. Die Fed hält die Zinsen nahe null und ist zu weiteren Schritten bereit: Fed-Mitglied James Bullard plädiert dafür, die Bilanz der Fed auszuweiten und weitere Staatspapiere zu kaufen - sprich Geld zu drucken, um eine Deflation, das Horrorszenario aller Notenbanken, zu verhindern.

"Wer jetzt noch Anleihen kauft, setzt auf den falschen Teufel", warnte Joachim Fels, Chefvolkswirt der US-Bank Morgan Stanley, in einem Zeitungsinterview. Nach seiner Ansicht werden die Notenbanken in ihrem Bemühen, durch eine weltweite Geldschwemme eine Deflation zu verhindern, letztlich erfolgreich sein. Der Preis für diesen Sieg sei dann zwar eine höhere Inflation - aber das sei das kleinere Übel, weil steigende Preise durch Zinserhöhungen leichter zu bekämpfen seien.

Dass die extrem laxe Geldpolitik der Notenbanken Inflationsrisiken birgt, lässt sich auch an der jüngsten Entwicklung der Rohstoffpreise ablesen. Diese Risiken nehmen die Herren des Geldes in Kauf: Für Notenbanker wie Bullard ist es daher ratsam, den Teufel Deflation mit dem Beelzebub Inflation auszutreiben.

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