Umstrukturierung Simson strafft Mischkonzern

Viag startet seine umfassende Neuordnung mit dem Verkauf der kompletten Logistiksparte

München - Hundert Tage Zeit hatte sich Viag-Vorstandschef Wilhelm Simson bei seinem Amtsantritt im Juli erbeten - und eine neue Strategie für den kaum überschaubaren Mischkonzern versprochen. Doch der in Branchenkreisen für denkbar gehaltene Radikalschnitt kommt nicht. Der Konzern trennt sich zwar von der Logistik und speckt in der Sparte Verpackungen ab. Aber hinter den von Simson am Montag verkündeten "zwei Säulen Industrie und Energie/Telekom" verbirgt sich noch immer eine recht bunte Palette von der Chemie, über Aluminum und Spezialglas bis hin zur Stromerzeugung.

Die allerdings klare Vorgabe Simsons heißt: Die Energie-Lastigkeit des Konzerns beim Ertrag muß ein Ende haben. "Gewinn ist bei mir keine Nebensache." Derzeit kommen rund vier Fünftel des Gewinns vom Energieerzeuger Bayernwerk bei einem Anteil von nur gut einem Fünftel an den rund 50 Milliarden Mark Jahresumsatz im Konzern. Angesichts der Atom-Ausstiegspläne in Bonn aber kommt auf den Kraftwerksbetreiber ein rauheres Umfeld zu. In rund fünf Jahren soll darum das Ergebnisverhältnis Industrie/Energie 50:50 betragen. "In den nächsten Monaten liegt da verdammt viel Arbeit vor uns", sagt Simson.

Weitere größere Verkäufe außer der geplanten Abgabe von Klöckner & Co sowie der Kühne & Nagel-Beteiligung sind vorerst nicht geplant. Immerhin trennt sich der Konzern nun erst einmal von Geschäftsfeldern mit insgesamt 15 Milliarden Volumen - weit mehr als ein Viertel des Gesamtumsatzes. Eher sollen Zukäufe die übrigen Industriebereiche Chemie, Aluminium und Verpackung stärken. Eine völlig neue Sparte in die Viag hereinzunehmen, wäre aber derzeit "nicht sehr intelligent", wies Simson Spekulationen über weitere Standbeine zurück.

Hoffnungen setzt die Viag ins Zukunftsgeschäft Telekommunikation. Allerdings werden allein 1998 die Anlaufverluste der Viag Interkom - Partner sind British Telecom und norwegische Telenor - rund 700 Millionen Mark betragen. Schwarze Zahlen werden frühestens ab 2001 erwartet.

Dauerbrenner des einstigen Staatskonzerns ist der verbliebene Anteil des Freistaats Bayern von gut 25 Prozent. Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) will die Restbeteiligung ganz oder teilweise zu Geld machen. Aus den Privatisisierungserlösen sollen bis zu zwei Milliarden Mark in weitere staatliche Medien- und High-Tech-Offensiven fließen. Die Opposition kritisiert, Stoiber verscherbele so das letzte bayerische Tafelsilber und gebe jeden staatlichen Einfluß auf den Viag-Konzern mit seinen weltweit mehr als 100.000 Beschäftigten preis.

Die nächsten strategischen Schritte des Viag-Umbaus könnten schon an diesem Donnerstag bekannt werden, wenn die Chemie-Tochter SKW Trostberg ihre Neun-Monats-Zahlenüber vorlegt. Deren neuer Vorstandschef Utz-Hellmuth Felcht soll über Zukäufe Umsatz und Ertrag steigern und spielt so mit der Chemie eine zentrale Rolle für die Viag-Zukunft. Felcht war als Nachfolger Simsons an der SKW-Spitze auch dessen klarer Wunschkandidat. Sich selbst sieht Simson in idealer Ausganglage für den Umbau: Als 60jähriger müsse er sich keine Gedanken mehr über eine Vertragsverlängerung machen. "Das ist eine gute Position um eine Umstrukturierung des Konzerns anzugehen."

Roland Freund

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