Dax-Geflüster Jenseits der Zucker-Zocker

Die Rohstoffpreise ziehen an. Das ist nicht nur ein Thema für Spekulanten, sondern auch für Deutschlands Unternehmen. Zumal diese sich teilweise gar nicht gegen Preissteigerungen absichern können. Bayer und BASF etwa bereitet die Entwicklung Sorgen: Dabei geht es um Ölderivate wie auch um steigende Weizenpreise.
Von Arne Gottschalck
Rohstoffbörse Chicago: Welchen Einfluss hat der Rohstoffpreis auf die Industrie?

Rohstoffbörse Chicago: Welchen Einfluss hat der Rohstoffpreis auf die Industrie?

Foto: JOHN GRESS/ REUTERS

Hamburg - Rohstoffe, das ist die große bunte Welt. Brasilien und seine rötlich staubenden Bauxitgruben. China und sein Hunger nach grauem Stahl. Oder Chicago, wo an der Rohstoffbörse noch immer Männer in bunten Jacken schreien. Es ist aber auch Leverkusen oder beispielsweise Ludwigshafen. Denn auch Unternehmen wie Bayer  oder BASF  brauchen eine Menge Rohstoffe.

Öl ist das offenkundigste Beispiel. Zum einen als Energieträger. Wird Öl teurer, versuchen sich die Unternehmen zum Beispiel durch Derivate an den Finanzmärkten dagegen zu wappnen. Oder durch lang laufende Verträge. BASF-Sprecherin Annemie Diefenthal rechnet vor: "Beschaffungsrisiken mindern wir durch ein breites Portfolio, weltweite Einkaufsaktivitäten sowie optimierte Verfahren zum Kauf zusätzlicher Rohstoffe auf den Spotmärkten. Wir vermeiden es, soweit möglich, Rohstoffe von einem einzigen Lieferanten zu beziehen."

Doch Öl ist für viele Unternehmen längst nicht nur als Energielieferant interessant. "Weitaus wichtiger sind für uns die sogenannten Ölderivate als Vorprodukte in der Produktion", sagt Bayer-Sprecher Christian Hartel. "Zum Beispiel Benzol oder Toluol." Das sind Produkte, die sich aus Öl gewinnen lassen und etwa bei der Herstellung bestimmter Kunststoffe notwendig sind.

Preis für Ölderivate läuft nicht im Gleichschritt mit dem Ölpreis

Bayer oder BAF sind keine Einzelfälle. 18,5 Millionen Tonnen fossiler Rohstoffe verbrauchte die deutsche chemische Industrie allein 2008, rechnet der Verband der chemischen Industrie (VCI) unter Berufung auf Zahlen der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) vor. Und 72 Prozent der 2008 genutzten organischen Stoffe sind Erdölderivate.

Und bei genau diesen Produkten ist es mit dem Absichern gegen Preisschwankungen schon schwieriger. "Die Finanzbranche bietet nur teilweise entsprechende Produkte an", sagt Bayer-Mann Hartel. Hinzu kommt, dass der Preis der Ölderivate, anders als man erwarten könnte, nicht automatisch im Gleichschritt mit dem Ölpreis marschiert. Er kann sogar in die entgegengesetzte Richtung laufen - je nach Angebot und Nachfrage für diese spezifischen Vorprodukte. Dies kann auch auf die Gewinnspannen der Unternehmen durchschlagen.

BASF bleibt vorsichtig

"Steigende Energiepreise sind für börsennotierte deutsche Unternehmen, Versorger mal ausgenommen, natürlich tendenziell nachteilig, so wie es steigende Rohstoffpreise oder steigende Personalkosten auch sind", sagt Roger Peeters aus dem Vorstand von Close Brothers Seydler Research. Wie weit das auf die Aktienkurse durchschlägt, oder ob der Anleger das im derzeit optimistischen Börsenumfeld erkennt, dürfte fraglich sein. Aber eines Tages wird er es erkennen - spätestens wenn die Stimmung kippt.

In seinem Halbjahresbericht für 2010 baut der Dax-Konzern BASF  schon einmal vor. Weitere Risiken für die angepeilten Ziele ergäben sich unter anderem aus den volatilen Rohstoffmärkten, heißt es da.

Brände in Russland: Weizen ist Deutschlands wichtigster Stärkelieferant

Und der Hunger nach Rohstoffen bleibt immens. Auch abseits von Öl und Gas.

Weizen zum Beispiel. Das Getreide ist deutschlandweit der wichtigste Stärkelieferant. Stärke wiederum wird benötigt, um daraus bestimmte Umhüllung von Tabletten zu machen oder auch zur Produktion von Papier. Deutschland selbst kann da nur begrenzt liefern. Dass die landeseigene Produktion deutlich steigt, dagegen spricht schon die Geschichte. Denn der Anteil nachwachsender Rohstoffe ist in der deutschen Chemiebranche zwischen 1998 und 2008 kaum gestiegen. Damals waren es 11 Prozent, aktuell 13 Prozent. Die Unternehmen müssen sich also auch durch Importe eindecken.

Wie eben im Fall des Weizens. Dessen Preise sind in den zurückliegenden sechs Wochen um 50 Prozent gestiegen. Zuerst wegen der Hitzewelle, nun kommt noch der Steppenbrand in Russland hinzu. Experten wie der Blackrock-Fondsmanager Desmond Cheung schlussfolgern daher schon jetzt, man solle den Weizenpreis als langfristiges Investment im Auge halten.

Gut für Anleger, aber schlecht für jene, die das Getreide tatsächlich brauchen. Die Entwicklung wiegt umso schwerer, als dass sich die Höhe der Produktion nicht so einfach erhöhen lässt. "Dem breiten Einsatz sind Grenzen gesetzt", schreibt zumindest der VCI in einer Broschüre. Unter anderem deshalb, weil die Preise nicht wettbewerbsfähig seien.

Der Verband weist noch auf einen möglichen Preistreiber hin. Bei einem steigenden Einsatz nachwachsender Rohstoffe "dürfte sich die Konkurrenz zwischen dem stofflichen Einsatz in der Chemie und den ungleich größeren Sektoren Energieerzeugung und Treibstoffe noch verstärken." Bei BASF-Sprecherin Diefenthal klingt das so: "Wir ersetzen bei einigen Anwendungen fossile durch nachwachsende Rohstoffe, wenn sie ökologisch und ökonomisch Vorteile bieten."

Jim Rogers, eloquente Rohstofflegende, die ihrem Gegenüber gern ein Tütchen Zucker zusteckt, um auf die Bedeutung der Rohstoffe hinzuweisen, dürfte einer der wenigen sein, der diese Einschätzung gern hört.

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