Sonntag, 15. September 2019

Oberschichtmilieus Was Deutschlands Reiche unterscheidet

Reichenmilieus: Die Spielfelder der Oberschicht
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Die deutsche Oberschicht hat viele Gesichter: Vom sparsamen Aldi-Gründer bis zum verwöhnten Partygänger. Eine Milieustudie bringt Übersicht in die Lebenswelten der Reichen - wer meint, sie ausschließlich auf Kampens "Whiskymeile" anzutreffen, täuscht sich.

Am Samstagabend war mal wieder mächtig Stimmung auf dem Kampener Strönwai. Schon um neun standen die Gäste in Dreierreihen um die Außenbar von "Gerdas Rauchfang": Lauter tiefbraune, nicht mehr ganz faltenfreie Gesichter unter blonden Wuschelmähnen (die Damen) und graumelierten Schläfen (die Herren). An den Handgelenken baumeln Taschen mit Louis-Vuitton-Logo, viele Gürtelschnallen haben die Form des "H" von Hermès, und man hört Sätze wie diesen: "Eigentlich wollte ich zum Jochen auf seine Jacht, aber dann habe ich gehört, dass Mimi hier auf Sylt ist, da bin ich schnell rübergefahren." Dann müssen alle mal kurz das Gespräch unterbrechen, weil ein schwarzer Bentley lautstark in eine viel zu kleine Parklücke zu rangieren versucht.

Es gibt wenige Orte, an denen die Deutsche Oberschicht so sehr ihrem eigenen Klischee zu entsprechen scheint, wie an Kampens "Whiskymeile": extrovertiert, statusbewusst, konsumfreudig.

Doch wie passt dieses Klischee zur Lebenswirklichkeit von Theo Albrecht, dem verstorbenen Milliardär und Aldi-Gründer, der angeblich selbst mit der Bepflanzung seiner eigenen, im Voraus gebuchten Grabstelle, so lange wartete, bis Aldi die passenden Grünpflanzen im Angebot hatte? Die Brüder Albrecht bilden das andere Klischeebild des deutschen Reichtums: Den verschlossenen Milliardär, dem öffentliche Präsenz ebenso ein Graus ist wie protzige Statussymbole. Theo trug graue Anzüge von der Stange, ließ sich in einer Mercedes-E-Klasse chauffieren und hatte sein Ferienhaus natürlich nicht auf Sylt, sondern auf der ruhigen Nachbarinsel Föhr.

Die beiden Extrembeispiele zeigen: DIE deutsche Oberschicht gibt es nicht. Die Deutschen, die in Sachen Einkommen und Vermögen ganz am oberen Rand unserer Gesellschaft stehen, unterscheiden sich in ihren Werthaltungen und Lebensstilen untereinander ebenso stark wie die Angehörigen der Mittelschicht oder der unteren Einkommensgruppen.

Insgesamt sechs verschiedene Milieus hat das Sozialforschungsinstitut Sinus Sociovision ausgemacht, als es vor drei Jahren in einer umfangreichen empirischen Studie die deutsche Oberschicht unter die Lupe nahm. Auftraggeber war damals die HypoVereinsbank, die sich Erkenntnisse für ihre eigene Vermögensverwaltungssparte erhoffte.

Ergebnis: Die Angehörigen der sechs Oberschichtmilieus unterscheiden sich nicht so sehr in ihrem Reichtum - sie verfügen alle über ein Nettovermögen von mindestens einer Million Euro. Wohl aber in ihrem Habitus und ihrer Wertorientierung.

Die konservativen Vermögenden: Hier treffen wir auf die Welt der Albrecht-Brüder. Geld ist in diesem Milieu nicht in erster Linie zum Ausgeben da. Es dient vor allem dazu, das eigene Unternehmen stark und unabhängig zu machen und für die nächste Generation zu bewahren. Modische Kleidung, erst recht mit teuren Markenlogos darauf, ist dem konservativen Vermögenden ebenso ein Graus wie moderne Computertechnik. Auf die Zumutungen der Moderne reagiert der konservative Vermögende, indem er sich hinter die Mauern seiner Villa zurückzieht und vor allem im Netzwerk seiner Familie und alter Vertrauter verkehrt. Gleichzeitig fühlt sich dieses Milieu durchaus für die Gesellschaft verantwortlich: Man spendet viel, achtet aber sehr darauf, dass dieses Engagement im Verborgenen bleibt.

Die etablierten Vermögenden: Willkommen in der geistigen Heimat der Topmanager, Investmentbanker und Unternehmensberater! Die etablierten Vermögenden betrachten sich ganz selbstverständlich als Leistungselite, dazu bestimmt andere Menschen zu führen. Anders als die konservativen bejahen die etablierten Vermögenden Fortschritt, Globalisierung und moderne Technik. Sie mögen Statussymbole, aber zugleich hegen diese Machertypen eine tiefe Verachtung für alles, was sie als "oberflächliche Bussi-Gesellschaft" empfinden.

Die liberal-intellektuellen Vermögenden: Als erfolgreicher freiberuflicher Architekt noch Zeit finden für den Yogakurs - das ist das wahre Statussymbol der liberal-intellektuellen Vermögenden. Götz Werner, milliardenschwerer Gründer der DM-Drogeriemärkte, gehört zum Beispiel in diese Kategorie. Der überzeugte Anthroposoph lässt seine Auszubildenden Goethes "Faust" aufführen, kämpft öffentlich für ein bedingungsloses Grundeinkommen und druckt auf seine Einkaufstüten: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein."

Die statusorientierten Vermögenden: Nicht-Soziologen nennen diese Gruppe schlicht "Neureiche". Es handelt sich um soziale Aufsteiger, die ihr neuerworbenes Geld gerne zur Schau stellen und um die Anerkennung von anderen Oberschichtangehörigen ringen - kurz: um das typische Publikum der Kampener Whiskymeile. Alles ist hier ein bisschen zu schrill, ein bisschen zu protzig, ein bisschen zu laut. Doch hinter der Statushuberei der Neureichen versteckt sich zumeist ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl, weil man den Habitus der wirklich feinen Gesellschaft nicht beherrscht.

Die konventionellen Vermögenden: Sie bilden das exakte Gegenstück zu den lauten Neureichen. Den konventionellen Vermögenden merkt man ihren Wohlstand gar nicht an. Häufig handelt es sich häufig um erfolgreiche Handwerksunternehmer in der Provinz, die ihren Reichtum auf der Bank bunkern und ihren bodenständigen Lebensstil fortführen. Oder um die Erben reicher Familien, die vollständig inkognito leben.

Der neue vermögende Nachwuchs: "Work hard, play hard" - nach diesem Motto lebt das sechste und letzte der Sinus-Oberschichtmilieus. Es handelt sich um die Kinder reicher Eltern, die es auf ihren Internaten und Privathochschulen beim Feiern richtig krachen lassen - die aber gleichzeitig ihre Karriere genau im Blick behalten und von einer intakten Familie träumen. Worin sie ihren reichen Eltern wiederum verblüffend ähneln.

Neben allen Unterschieden gibt es auch einige Gemeinsamkeiten, die die Sinus-Forscher in allen Oberschichtmilieus ausgemacht haben. Da wäre zum Beispiel die ungewohnt starke Familienorientierung aller reichen Deutschen. Die Oberschicht denkt in geradezu dynastischen Kriterien: Es gehört zu ihren wichtigsten Anliegen, das Unternehmen, den Immobilienbesitz oder die Kunstsammlung wohlbehalten an die nächste Generation zu übergeben. Eigene, zahlreiche und möglichst wohlgeratene Kinder zählen deshalb zu den wichtigsten Statussymbolen.

Eine weitere Besonderheit: Alle Reichen verkehren am liebsten in Netzwerken mit ihresgleichen oder aber mit alten Freunden. Dieses Netzwerk mag für manche der Golfclub sein, die Nachbarschaft in einem elitären Villenviertel oder aber der Kreis alter Schulkameraden, die einen schon mochten, als man noch kein Geld hatte. Ob bewusst oder unbewusst: So wollen sich viele Reiche davor schützen, dass andere Menschen sie um ihres Geldes willen ausnutzen. Eine Urangst, die bekanntlich schon Dagobert Duck zu schaffen machte.

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