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Gold: Der magische Mythos

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Gold Wann platzt die Blase?

Gold wird seit Jahren immer teurer. Erst in den vergangenen Wochen kam die stete Wertsteigerung des Edelmetalls zu einem Halt. Nur eine kurze Wachstumspause oder der Anfang vom Ende? Noch hört kaum jemand auf die Mahner. Viele verweisen auf die steigende Bedeutung von "Papiergold".
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Sie kennen sich nicht. Sie haben sich nie kennengelernt. Und John Ronald Reuel Tolkien und Jack London werden sich auch nie kennenlernen. Obwohl beide der Jagd nach Edelmetallen literarische Denkmäler gesetzt haben. London mit "Der Lockruf des Goldes", Tolkien mit "Der Herr der Ringe". Und ähnlich, wie beide ganz unterschiedliche Vorstellungen hatten, wie es mit den Edelmetallen weitergeht, diskutieren darüber auch Finanzexperten. Nimmt es ein böses Ende - wie Tolkien es vorhersah? Zitat: "Zu tief haben wir dort gegraben und das namenlose Grauen geweckt." Oder steigt der Goldpreis wieder an - und lässt den Reichtum der Menschen wie im Falle von Londons Romanfigur Elam Harnish wachsen?

Letzteres glauben viele Experten. Und führen eine Reihe Argumente an. Johanna Keller zum Beispiel, Fondsmanagerin des LO Funds World Gold Expertise. "Investoren schätzen Gold als sicheren Hafen in unsicheren Zeiten, weil es Schutz gegen Inflation und Währungsverfall bietet. Außerdem erlaubt das Goldinvestment Anlegern eine Abkoppelung von den Trends am Aktien- und Anleihenmarkt. Vor diesem Hintergrund dürfte der Goldpreis weiter steigen."

Auch Bradley George ist einer der Gold-Gläubigen. Er verantwortet von London aus das Rohstoffteam der Fondsgesellschaft Investec. "China ist ein Treiber des Goldpreises. Das Land steigerte seine Nachfrage im Schnitt pro Jahr um 13 Prozent pro Jahr, über die vergangenen fünf Jahre gerechnet", so der Co-Manager des Investec Global Gold Fund. Und diese Entwicklung sei kein Einzelfall. "Der Wechsel vom Nettokäufer zum Nettoverkäufer im offiziellen Sektor ist da", sagt er und meint damit das Verhalten der Zentralbanken. "Die haben zum Beispiel in Europa im ersten Quartal kaum Gold verkauft, nur ganz wenig für die Herstellung von Münzen."

Immer mehr Käufer greifen zu ETFs und ETCs

Der steigenden Nachfrage stehe ein bestenfalls stabiles Angebot gegenüber. "Viele Hersteller können den Output nicht steigern", so Fondsmanager George. "Im April zum Beispiel sank die Produktion in Südafrika um 6,2 Prozent im Vergleich zum gleichen Monat des Vorjahres". Georges Schlussfolgerung: "Die Investmentnachfrage wird den Peak in die Nähe von 1400 Dollar treiben." Die Investmentnachfrage scheint zum Zünglein an der Waage geworden zu sein.

Dahinter verbergen sich jene Käufer, die Gold nicht wie in der Industrie verbauen oder als Schmuck nutzen wollen. Sondern an dessen Wertentwicklung interessiert sind. Ihre Bedeutung zeigt eine aktuelle Statistik der Deutschen Bank. Sie verzeichnet die größten Exchange Traded Funds (ETFs) in Deutschland, Wertpapieren, die in der Regel einen bestehenden Index abbilden. Von den sechs größten ETFs bilden drei einen Goldindex nach.

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass das so bleibt. Denn Nervosität an den Aktienmärkten schlägt den Anlegern erfahrungsgemäß aufs Gemüt - sodass sie Gold kaufen. Genau das schreibt zum Beispiel die Commerzbank in ihrem Bulletin. Genauer, die Aussetzung der Gespräche zwischen Ungarn und dem internationalen Währungsfonds (IWF) könnte die Nachfrage nach Gold erneut befeuern. Sie schreibt aber auch, dass "die Investmentnachfrage zuletzt keine Impulse mehr geliefert hat."

Die Lehren aus dem Goldrausch

Geht man also davon aus, dass die steigende Nachfrage nach goldorientierten ETFs, Papiergold also, die Kurse wieder nach oben treiben kann - was geschieht dann, wenn keiner mehr etwas von Gold wissen will? Handelt es sich also um eine papierne Blase?

Nein, wehren die meisten Experten ab. Experten wie die Royal Bank of Scotland. Dort heißt es, immerhin seien derzeit weltweit nur knapp 0,8 Prozent des weltweiten Finanzvermögens in Gold, Goldaktien und börsennotierten Goldfonds investiert. "In früheren Zeiten waren es schon einmal 20 Prozent und mehr." Und Philip Knüppel, der bei der Deutschen Bank das Produktmanagement der Exchange Traded Commodities (ETCs) als Vizepräsident verantwortet, ergänzt: "Die asiatischen Zentralbanken beginnen Gold aufzubauen. 1960 lag deren Anteil an den Goldreserven der G10-Staaten bei 1,5 Prozent, 2009 waren es bereits 9,9 Prozent". Viel Luft also, vor allem wenn sich diese aufstrebenden Länder von Teilen ihrer Dollar-Reserven trennen wollen.

Das Angebot der Finanzbranche steigt weiter

Die Finanzindustrie macht es ihnen einfach. Denn das Angebot an Papiergold steigt weiter. Die Deutsche Bank zum Beispiel bringt eine Reihe ETCs auf den Markt, die mit echtem Gold hinterlegt sind. "Mehr Sicherheit für den Anleger", meint Knüppel. Doch das Hauptproblem lösen auch solche Produkte nicht - die Vorhersage der Entwicklung des Goldpreises. Und damit die Frage nach der Existenz einer Blase.

Auch wenn viele Experten noch abwinken, die Kritiker sind da. Immerhin hat Anlagealtmeister George Soros Gold bereits im März dieses Jahres als "ultimative Vermögensblase" bezeichnet. Und Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, sagt gegenüber manager magazin: "Wichtigster Punkt ist das Anlageinteresse, das den Goldpreis so stark getrieben hat. Es ist eine Blase, die sich hier aufbaut, allerdings kann die Preisbewegung beim Gold noch einige Zeit nach oben laufen." Es sei nur nicht klar, wann die Blase platze, denn auch das neue Jahr stecke voller Unsicherheiten.

Seine Schlussfolgerung: "Strategien, das eigene Vermögen nun durch eine Übertragung in Gold zu 'retten', können sich als fatal erweisen. Das Problem mit diesen Strategien ist folgendes: Sie machen nur Sinn, wenn die befürchtete Entwicklung auch wirklich eintritt - wie Hyperinflation oder Währungszerrüttung. Geschieht das jedoch nicht, dann können diese Anlagen zu einer Falle werden, denn der Goldpreis oder der Kurs der Fluchtwährung können dann schnell fallen - und mit ihm der Wert des Vermögens."

Die Unsicherheit über die künftige Entwicklung des Goldpreises lässt sich mit Händen greifen. Denn es ist gerade das Kennzeichen einer Blase, dass niemand ihr leises Aufblähen bemerkt, erst ihr knallendes Bersten. Hätten die Banken nicht mit den Folgen einer der schwersten Krisen seit Langem zu kämpfen, man könnte auf die Idee kommen, statt für Gold eine Empfehlung für die Aktien von Finanzhäusern auszusprechen. Wie seinerzeit im Goldrausch in Alaska - nicht mitbuddeln, sondern Schaufeln verkaufen.

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