Euro-Rettungsplan "Kampf gegen Spekulanten gewonnen"

Notenbanken, Politik und Währungshüter haben das von Euro-Spekulanten angefachte Feuer erstickt. Der Flächenbrand ist abgewendet und die Spekulanten nachhaltig besiegt, sagt Folker Hellmeyer. Der Chefanalyst der Bremer Landesbank erklärt, warum die Inflationsgefahr klein bleibt und bestimmte Finanzinstrumente jetzt reguliert werden sollten.

mm: Herr Hellmeyer, Spekulanten attackieren seit Wochen verstärkt den Euro. Wer verbirgt sich hinter den Angriffen, die die Währung so in die Tiefe getrieben haben?

Klares Signal an die Märkte: Notenbanken, Politik und Internationaler Währungsfonds haben ein umfassendes Paket zur Verteidigung des Euro gegen Spekulanten geschnürt. Die Märkte reagieren am Montag prompt: Der Euro steigt und die Risikoaufschläge für Staatsanleihen europäischer Krisenländern fallen kräftig

Klares Signal an die Märkte: Notenbanken, Politik und Internationaler Währungsfonds haben ein umfassendes Paket zur Verteidigung des Euro gegen Spekulanten geschnürt. Die Märkte reagieren am Montag prompt: Der Euro steigt und die Risikoaufschläge für Staatsanleihen europäischer Krisenländern fallen kräftig

Foto: DPA

Hellmeyer: Hier handelt es sich nicht mehr um einen maßgeblich dominierenden Einzelgänger wie George Soros, der 1992 das britische Pfund in die Knie zwang. Hier wettet sehr wahrscheinlich ein gutes Dutzend größerer Akteure an den Devisenmärkten gegen den Euro. In erster Linie sind es Hedgefonds aber auch die Handelsabteilungen großer Investmentbanken, die über London und New York Druck auf die Gemeinschaftswährung aufbauen. Das Fatale: Je erfolgversprechender sie agieren, desto mehr Spieler schließen sich ihnen an.

mm: Lässt sich ein gemeinsames Vorgehen der Spekulanten ausmachen und könnte dies kartellrechtliche Konsequenzen haben?

Hellmeyer: Ich würde das nicht ausschließen. Dabei darf nicht nur, nein, es muss untersucht werden, ob es hier kartellrechtlich zu Gesetzesverstößen gekommen ist.

mm: Nun haben einige Euro-Länder in der Tat ja erhebliche Schuldenprobleme. Rechtfertigt dies das Ausmaß und die Intensität der Attacken gegen den Euro?

Hellmeyer: Nein, auf keinen Fall. Nehmen wir zum Beispiel Portugal oder Spanien - die Refinanzierungsprobleme dieser aber auch anderer Euro-Länder haben sich durch die Spekulationen gegen den Euro massiv verschärft. Dabei stehen die Angriffe in keinem Verhältnis zu den Fundamentaldaten. Die spanische Staatsverschuldung liegt bei etwa 60 Prozent des BIP, die Portugals bei rund 80 Prozent und die Deutschlands ebenfalls bei rund 80 Prozent - das Ausmaß der Spekulationen können wir nur als übertrieben und wenig stichhaltig bezeichnen.

mm: EU, IWF und EZB haben einen 750-Milliarden-Euro-Schirm zur Rettung der Gemeinschaftswährung aufgespannt. Der Euro steigt, die Risikoaufschläge für Anleihen europäischer Krisenstaaten sinken kräftig. Haben die Euro-Retter jetzt nur eine Runde oder tatsächlich die Ringschlacht gegen die Spekulanten gewonnen?

Hellmeyer: Aus meiner Sicht hat man den Kampf gegen die Spekulanten gewonnen. Das aufgesetzte Programm und die dahinter stehenden Institutionen sind stark genug, um die Euro-Zone aus dem Schussfeld der Spekulanten zu nehmen. Hinter der konzertierten Aktion, die wir als Teil eines globalen Programms der G30-Staaten verstehen sollten, steht eine klare Botschaft. Sie lautet: Das Scheitern ist keine Option! Mit anderen Worten: Notenbanken, Internationaler Währungsfonds und die Regierungen weltweit werden eine weitere Destabilisierung des Finanzsystems und der Weltwirtschaft nicht zulassen. Der Ausrutscher, den sich Bundeskanzlerin Angela Merkel geleistet hat, ist teuer, wird aber durch die angekündigten Maßnahmen korrigiert.

mm: Starke Kursausschläge bei Anleihen und Euro haben wir in der Vergangenheit mehrfach gesehen. Halten Sie das in der Nacht vereinbarte EU-Rettungspaket wirklich für nachhaltig?

Hellmeyer: Ja, das jetzt in Rede stehende Paket versetzt die Euro-Zone in eine vergleichbar mächtige Position wie die US-amerikanische Regierung und die US-Notenbank seinerzeit. Ich bin sicher, dass sich nicht zuletzt durch den Ankauf von Staatsanleihen über die EZB die Attacken gegen das Euro-System abwehren und die Liquiditätsspekulationen beenden lassen.

"Regulierung von Kreditausfallversicherungen sinnvoll"

mm: Erhöht sich nicht gerade mit diesem Beschluss die Inflationsgefahr in der Euro-Zone drastisch? Ist seit gestern Nacht der Weg zur Inflationsgemeinschaft nicht geradewegs vorgezeichnet?

Hellmeyer: Vordergründig mag diese Gefahr bestehen, ich halte sie aber weder für dauerhaft noch für existentiell. Die Beschlüsse zielen darauf ab, die Kapitalmärkte zu stabilisieren. Gleichzeitig wird die EZB das Kapital, das sie dafür aufwendet, über die Geldmärkte wieder abziehen. Unter dem Aspekt der Geldmenge wird das Ganze also ein Nullsummenspiel werden. Ich erwarte daher aus diesen Maßnahmen keinen nachhaltig inflationären Druck.

mm: Was bedeuten die getroffenen Beschlüsse für die Haushalte der Euro-Mitglieder, insbesondere Deutschland?

Hellmeyer: Ich glaube, dass der 750 Milliarden Euro breite Schutzschirm überhaupt nicht in voller Größe zum Einsatz kommen, das Geld in dieser Höhe also nie benötigt werden wird. Das Paket musste aber in dieser Größe geschnürt werden, um die Euro-Spekulanten möglichst nachhaltig in die Schranken zu weisen.

mm: Bundesfinanzminister Schäuble will sich dafür einsetzen, dass Produkte, die an den Märkten zu besonders starken Ausschlägen führen können, streng reguliert oder gar verboten werden. Welche Finanzinstrumente sehen Sie hier im Vordergrund?

Hellmeyer: Neben ungedeckten Leerverkäufen stehen in erster Linie Credit Default Swaps in der Schusslinie der Kritik. Diese Kreditausfallversicherungen sind im Grunde ein sinnvolles Finanzinstrument. In der Anwendung wie wir sie jetzt aber vor allem durch Spekulanten sehen, destabilisieren sie die Märkte für Staatsanleihen. Das kann und darf nicht Ziel solcher Produkte sein. Insofern wäre tatsächlich eine Regulierung oder weiterführende Beschränkung der CDS sinnvoll. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich habe nichts gegen Spekulation, sie darf jedoch die fundamentalen Daten nicht einfach ignorieren. Genau das haben einige große Euro-Spekulanten in der Vergangenheit aber bewusst getan.

mm: Credit Default Swaps dürften sich nur auf internationaler Ebene regulieren lassen. Welche realistische Chance hätte Schäubles Vorstoß dann überhaupt?

Hellmeyer: Ob nun gezielt oder nicht - letztlich haben Spekulanten mit ihren Angriffen auf die Euro-Zone versucht, das Weltfinanzsystem zu destabilisieren. Ich glaube, dass man dieses systemische Risiko nicht nur in der Euro-Zone, sondern auch an den Bankenplätzen in New York und London und vor allem in der Politik erkannt hat. Das dürfte die Bereitschaft zu einer scharfen Regulierung deutlich erhöhen. Alle Verantwortlichen müssen sich letztlich fragen lassen, ob in Krisenzeiten wie diesen das Primat der Politik oder das Primat der Finanzmärkte gelten soll.

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