Ölpreis "Übergeschwappt"

Vergangene Woche glitt der Ölpreis deutlich in die Tiefe. Der Rohstoff konnte sich vom allgemeinen Pessimismus nicht lösen, sei es der schwache Euro oder die siechen Weltbörsen. Dabei hieß es noch im März, ein Preis von 150 Dollar je Barrel sei realistisch. Eine Folge des Wirkens von Investoren?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Die Deklination klingt bekannt. Die Märkt erwarten die Schwächung der Weltkonjunktur. Damit geht ein Rückgang der Nachfrage von Öl einher, weswegen die Preise sinken. Ende des Lehrsatzes. Doch was so nüchtern und analytisch klingt, hinterlässt an den Märkten einen ganz anderen Nachhall, wie die vergangene Woche lehrte.

Das Barrel Heizöl hat in den fünf Tagen 9,4 Prozent an Wert verloren. Wer die gleiche Rechnung für Öl der Sorte Crude anstellt, kommt auf ein Minus von 11,3 Prozent. Allein am Donnerstag rutschte der Ölpreis um 3 Prozent ab. "Die Schuldenkrise", so schreibt die Commerzbank  in eine aktuellen Untersuchung, sei für viele Anleger offenbar Anlass, das "Preisniveau von Rohöl kritisch zu hinterfragen". Griechenland, der Euro und der 1000-Punkte-Sturz des US-Index Dow Jones, sie lasten also auch auf dem Ölpreis. "Ich glaube, das ist Folge der Tatsache, dass es inzwischen sehr viele programmierte Trades gibt und der Markt sich mit Öl aufgesogen hatte", vermutet Stephen Schork, Analyst der Schork-Group. "Und dann haben eine ganze Reihe Programme ausschlagen. Dabei gab es gar keine neuen Nachrichten. Aber es gab eine dünne Liquidität, es gab eine echte Panik - das ist einfach übergeschwappt." Das Drama der gesunkenen Ölbohrplattform im Golf von Mexiko, es gerät darüber in Vergessenheit. "Der Ölpreis wurde vergangene Woche primär durch die aktuellen Entwicklungen innerhalb der EU getrieben", bestätigt Stephan Werner, Fondsmanager für Ölinvestments bei der DWS. "Die Sorge um die Zahlungsfähigkeit von einigen mediterranen Staaten bis hin zum Scheitern die Euros als Leitwährung wurde hierbei diskutiert. Ölspezifische Gründe für die Preisbildung traten daher in den Hintergrund."

Auch in dieser Woche werde der Ölpreis im Bann der Finanzmärkte bleiben, sagt die Commerzbank voraus. Etwas Hoffnung macht dagegen Mark Schulz, Chefanalyst von Northstar Commodity: "Harte Ausverkäufe enden regelmäßig nach drei Tagen." Wer hat nun Recht? Eine klare Vorhersage ist offenbar schwierig. Und das könnte auch so bleiben.

"Der Ölpreis wird relativ stark von Spekulation getrieben", sagt Manfred Kastner, Vorstandsvorsitzender des Öl- und Gasfelddienstleisters C.A.T. oil gegenüber manager magazin. "Entsprechend schwer ist es daher auch, den Preis zu prognostizieren." Ein komplexes Thema - es ist zu beobachten, sagt DWS-Mann Werner, "dass mit der Etablierung der Assetklasse Rohstoffe wesentlich mehr Investorengelder in den Sektor fließen als noch vor zehn Jahren. Das Verhältnis der Non-Commercials, der Finanzinvestoren, zu den Commercials, den Rohstoffproduzenten, ist eindeutig höher als damals." Sind Spekulanten also die Preistreiber? So einfach ist es offenbar nicht. Es sei zwar nicht die Ursache für den Kursrutsch, so zurückhaltend formuliert es Société Générale, doch es das hohe Maß an Netto-Long-Positionen nichtkommerzieller Art (…) machten den Ölmarkt anfällig für schnelle Gewinnmitnahmen - wenn die Katalysatoren auftauchten. Und genau das geschah."

Die veränderte Nachfrage

Auch andere Experten geben sich zurückhaltend zu dieser Frage. "Die Rolle der Spekulanten auf dem Ölmarkt ist nicht ganz so eindeutig zu beurteilen", sagt Hannes Loacker, Rohstoff-Analyst bei Raiffeisen Capital Management, gegenüber manager magazin. "Untersuchungen der Commodity Futures Trading Commission, der CFTC, zeigen für gehandeltes Öl an der NYMEX zumindest über den Zeitraum der letzten drei Jahre, vom Juni 2006 bis zum Oktober 2009, keinen allzu exzessiven Einfluss dieser Anlegergruppe. Am signifikantesten scheint der Einfluss Mitte 2008 gewesen zu sein, als der Ölpreis auf fast US-Dollar 150 pro Fass gestiegen ist." Aus der Verantwortung entlassen will Loacker die Spekulanten aber dennoch nicht.

"Als Resümee kann gesagt werden, dass Spekulanten zwar nicht die Richtung des Ölpreises bestimmen, sehr wohl aber den Trend etwas verstärken und damit die Preisentwicklungen sowohl nach oben als auch nach unten beschleunigen können", sagt er. Immerhin, die "Spekulanten sind ein praktischer Sündenbock für die Politiker seit dem Jahr 2008", sagt Frances Hudson aus dem Strategieteam von Standard Life Investments. Und sieht die Ursachen für die Preissprünge längst nicht nur in Investmentvehikeln für Superreiche: "Passive Investments wie zum Beispiel Exchange Traded Funds (ETF) können ebenfalls eine Einfluss auf Preisübertreibungen haben - stützend, wenn die Positionen aufgebaut werden und die Preise steigen, belastend, wenn die Preise fallen und und riskante Anlagen verschleudert werden."

Aber auch die Regelwerke, eigentlich zum Schutz der Märkte konzipiert, laufen offenbar teilweise ins Leere. "Das Problematische im Zusammenhang mit den Spekulanten sind Regeln über die Offenlegung von Positionen bei Warenterminkontrakten, die im Laufe der aktuellen Dekade geändert wurden", sagt Felix Pieplow, Geschäftsführer von Staedel Hanseatic. "Terminkontrakte können seit geraumer Zeit über sogenannte 'dark pools' oder andere Wege als 'over the counter' gehandelt werden." Die Transparenz der Transaktionen leidet darunter. Der Spekulant, so viel lässt sich sagen, er bleibt also schwer zu fassen.

Aber auch ein anderer Aspekt wird zusehends wichtiger für den Ölmarkt. Doch während Spekulanten die Preise eher stroboskophaft zucken lassen, dürfte der Einfluss dieses Effekts, den die Internationalen Energieagentur (IEA) als "öl-loses Wachstum" bezeichnet, eher mit gletscherhafter Langsamkeit voranschreiten. Der Effekt beschreibt die von der IEA beobachtete Tendenz, dass die Nachfrage der OECD-Länder nach Öl stagniere. Dafür steige die Nachfrage aus den Entwicklungsländern. 2009 betrug der Anteil der OECD-Länder am Ölverbrauch noch 54 Prozent, 2010 sollen es 53 Prozent sein. In der Summe reicht das noch immer, die Gesamtnachfrage nach Öl nach oben zu treiben - doch wie lange noch? Es komme jetzt auf die Politik vor allem in China oder Indien an. Wie soll zum Beispiel die Mobilität der Menschen in diesen Ländern künftig aussehen? Fragen, die schwierig zu vorherzusagen seien, sagt Harry Tchilinguirian, Analyst von BNP Paribas.

Dem Aktienmarkt hilft diese Unsicherheit nicht weiter. Denn gerade der Ölpreis ist für Aktionäre eine bewährte Peilgröße. Steigt der Ölpreis, so deren Schlussfolgerung, dann wird offenbar mehr Öl gekauft. Das wiederum zeigt, dass Unternehmen mehr verbrauchen, durch den Transport von Gütern zum Beispiel oder die erhöhte Produktion von Kunststoff, bei dem Öl benötigt wird. Und das, so die Schlussfolgerung, sei ein gutes Zeichen für die Gesamtwirtschaft und damit auch für die Börsen. Wird nun diese Peilgröße immer häufiger unterspült, dürfte deren Aussagekraft dauerhaft sinken.

Risiko Politik

Gleichviel, etwas Gutes könnte der jüngste Einbruch des Ölpreises dennoch mit sich bringen. Und zwar für das Wirtschaftswachstum der weniger entwickelten Länder. "Wenn der Ölpreis sich über das gesamte Jahr 2010 auf dem Niveau von 80 bis 85 Dollar bewegen sollte, entspräche das 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der weniger entwickelten Länder", sagt Fatih Birol, Chefökonom der IEA. Und das wäre die "höchste, jemals gemessene Korrelation zwischen Ölpreis und Bruttoinlandsprodukt." Mit anderen Worten - bliebe das Öl zu teuer, ersticke es den wirtschaftliche Aufschwung. Birol wollte noch im März eine Rückkehr zu den Rekordpreisen nahe 150 Dollar je Barrel nicht ausschließen.

Was bleibt? Steigt der Preis für Öl zu sehr, lastet er auf der Weltwirtschaft. Fällt er zu sehr, werden die Aktionäre nervös. "Wären die Währungen stabiil, würde das helfen, den Ölpreis zu stabilisieren", sagt Hudson von Standard Life. "Und es würde auch helfen, wenn auch die politischen Unklarheiten verschwänden." Solange bleibt es bei einer Daumenregel: "Wenn der Ölpreis über 60 US-Dollar liegt, dann ist das vorteilhaft für die Ölfeldindustrie und damit auch für unser Unternehmen", sagt C.A.T. oil-Vorstand Kastner. "Dann steigen die Produktionslevels der Ölproduzenten. Bei einem Preis von über 80 US-Dollar wird zudem vermehrt in die Exploration neuer Quellen investiert." Royal Dutch Shell und Co. könnten sich also freuen. Bis zum nächsten Überschwappen.

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