Umschuldung für Griechenland "Das wäre Enteignung"

Die Gläubiger Griechenlands sollen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten: Im Bundestag sammeln sich Anhänger dieser Lösung, die nicht nur den Steuerzahler, sondern auch die Gläubigerbanken an der Hilfe beteiligen würde. Kreditinstitute warnen - eine Umschuldung käme an den Märkten einer Staatspleite gleich. Griechenland würde den Zugang zum Kapitalmarkt verlieren.

Hamburg - Je entschiedener Georgios Papakonstantinou klingt, desto weniger wird er ernst genommen. Spekulanten, die auf eine Pleite seines Landes wetten, "werden ihre Hemden verlieren", sagte der griechische Finanzminister in Washington. Griechenland werde seine Schulden jederzeit voll bedienen, eine Umschuldung komme nicht infrage. Die Antwort der Märkte: Sie wetteten umso mehr auf die Pleite.

Die Risikoaufschläge griechischer Staatsanleihen im Vergleich zu deutschen Bundesanleihen stiegen auf ein Rekordhoch. Zehnjährige Bonds erreichten eine Rendite von 9,5 Prozent, während das deutsche Pendant bei 3 Prozent verharrte.

Für die zweijährige Anleihe verlangen die Gläubiger sogar mehr als 10 Prozent - ein Zeichen, dass sie einen Zahlungsausfall in dieser Zeit für besonders wahrscheinlich halten, obwohl dann die zugesagte Rettungsmission von Euro-Ländern und Internationalem Währungsfonds (IWF) laufen soll.

"Die zögerliche Haltung der Bundesregierung hat die Spekulationen gegen Griechenland und den Euro beflügelt", sagt Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, zu manager magazin. Der griechische Hilferuf wäre gar nicht nötig gewesen, behauptet Hellmeyer, hätte Berlin die Spekulation rechtzeitig mit einem öffentlichen Bekenntnis gestoppt - so, wie es im Herbst 2008 mit der Garantie für Bankeinlagen gelungen war. Am Wochenende forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erneut härtere Bedingungen, bevor das bereits vereinbarte Hilfspaket geschnürt wird.

Nicht nur die Opposition fordert den "Haircut"

Die Anleger sorgen sich weniger, die Hilfe könnte ganz ausbleiben, als dass von ihnen selbst Opfer verlangt würden. Die Oppositionsparteien im Bundestag machen das zur Bedingung für ihre Zustimmung zum Hilfspaket. Auch Unions-Fraktionschef Volker Kauder zeigte sich offen für eine Umschuldung, die einen "Haircut", also einen Forderungsverzicht bedeuten würde.

"Eine geordnete und von den anderen EU-Staaten begleitete Lösung des Problems, bei der die Gläubiger einen Beitrag leisten, fände ich wünschenswert", meint auch Hans Peter Grüner, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim. So entstehe am ehesten ein Anreiz für Haushaltsdisziplin.

"Rein juristisch bedeutet das Pleite"

"Das wäre eine teilweise Enteignung der Gläubiger", entgegnet Jan Holthusen, Leiter der Anleihenanalyse der genossenschaftlichen DZ Bank. "Rein juristisch ist das ein Kreditereignis", in der Sprache der Anleihenmärkte also gleichbedeutend mit der Pleite.

Die Euro-Länder würden also genau den Fall herstellen, den sie eigentlich mit ihrem Hilfskredit vermeiden wollen. Er halte eine Restrukturierung "nach wie vor nicht für das wahrscheinlichste Szenario", könne sie aber nach der jüngsten Diskussion auch "nicht mehr ausschließen".

Möglich sei ein solcher Schnitt durchaus, aber "nicht der Königsweg". Griechenland könnte seine alten Anleihen zum Beispiel erst verspätet zurückzahlen oder eine Zeit lang die Couponzinsen nicht zahlen. Aus der jüngeren Vergangenheit gibt es mehrere Beispiele von Staaten, die einen Forderungsverzicht der Gläubiger durchsetzten.

Doch "das würde die Refinanzierung des griechischen Staats am Kapitalmarkt nicht unbedingt leichter machen", warnt Holthusen. Denn nach dem Motto "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht" würden die Anleger kaum neue griechische Anleihen zeichnen - Argentinien und Russland sind seit Jahren vom internationalen Neugeschäft ausgeschlossen.

Eine Verlängerung der Laufzeit alter Anleihen mit Zustimmung der Gläubiger würde dem griechischen Staat "nicht genug Ersparnis bringen, damit es sich lohnt", heißt es in einer aktuellen Studie von J. P. Morgan. Ein härterer Schnitt dagegen hätte katastrophale Folgen: Griechenlands Kreditrating würde um mehrere Stufen fallen, der Vertrauensverlust würde auf andere europäische Länder übergreifen, die Euro-Zone könnte auseinanderbrechen, und die Abschreibungen von Griechen-Bonds könnten eine neue Bankenkrise heraufbeschwören.

Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank schätzt, dass Griechenland allein bei deutschen Investoren mit 42 Milliarden Euro verschuldet ist. Das Gros dürften dabei Banken, Versicherer und andere institutionelle Investoren tragen. Laut J. P. Morgan würde ein Ausfall die deutschen Banken um 8 Prozent ihres Kapitals und ihrer Reserven bringen. Für die französischen Kollegen, die Griechenland mit 56 Milliarden Euro die größte Summe geliehen haben, würde der Verlust sogar 12 Prozent bedeuten.

"So geht es in eine Todesspirale"

Ein sanfterer Weg, die Banken an den Kosten der Rettung zu beteiligen, wäre, sie in der Rangfolge der Gläubiger herabzusetzen. So könnten die Euro-Länder, ähnlich wie es für IWF-Hilfen üblich ist, verlangen, dass der griechische Staat ihre Kredite vorrangig bedient.

Erst wenn die europäischen Partner ihre Zinsen kassiert haben, könnten private Gläubiger ihre Ansprüche anmelden. Diese Regel würde erst dann greifen, wenn es in Zukunft zu einem Zahlungsausfall kommt. Doch selbst das wies der niederländische Finanzminister Jan Kees de Jager bereits zurück, weil "bestehende Rechte von Gläubigern beschädigt" würden.

"Eine Beteiligung der Investoren steht für mich so lange nicht zur Debatte, so lange ein Staatsbankrott Griechenlands nicht bereits Fakt ist", urteilt Hellmeyer. Das Land werde als Auflage des Hilfspakets "die stringentesten Sparmaßnahmen eines europäischen Landes seit Gründung der EU aufstellen und auch umsetzen". Doch gerade deshalb sehen sich manche Marktbeobachter in ihrem Pleiteszenario bestätigt. Hedgefondsmilliardär George Soros warnt: "Sie müssen noch mehr sparen, dann sinken die Steuereinnahmen, die Wirtschaft rutscht weiter ab und so geht es in eine Todesspirale."

Volkswirt Christian Jasperneite von der Privatbank M. M. Warburg rät, "die Kriche im Dorf zu lassen". Derzeit gebe Hellas rund 6 Prozent des Staatshaushalts für Zinsen aus, noch Anfang der 90er Jahre seien es mehr als 20 Prozent gewesen. "Das haut Griechenland noch nicht um", sagt Jasperneite. Selbst Zinsen von 13 Prozent könnte das Land verkraften. Ein Problem würde das erst, "wenn auch noch in zwei oder drei Jahren Anleihen mit diesem Renditeniveau emittiert werden müssen".

Doch selbst dann, findet Jasperneite, gäbe es bessere Antworten als einen Staatsbankrott: Die Euro-Zone müsste sich zu "einer Art Länderfinanzausgleich" durchringen. Und wenn das nicht gelinge, seien Griechenland und andere wohl besser beraten, sich aus der Währungsunion zu verabschieden.

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