Britischer Bonus-Streit Totentanz oder nur Tamtam?

Mit Bonussteuer und strafferer Regulierung will die britische Regierung allzu vorwitzige Geschäfte der Finanzindustrie unterbinden. Und bewirkt möglicherweise etwas ganz anders - das Ausbluten der City of London. Nur eine Drohkulisse der betroffenen Unternehmen mitten im britischen Wahlkampf?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es rumort, es grummelt in der City of London, der europäischen Hauptstadt der Finanzindustrie. Denn dort empfindet man die Einführung einer Bonussteuer als Affront und denkt laut über Abwanderung nach. Schließlich empfange man die Abwanderungswilligen in Zürich mit offenen Armen. Nur ein Gespenst, das durch den britischen Wahlkampf flattert?

Zumindest eines mit deutlichen Konturen. Die Bank JP Morgan zum Beispiel dachte noch im Dezember über ein neues europäisches Hauptquartier nach, in der Londoner Canary Wharf. Doch eine Bonussteuer, selbst nur einer bislang nur einmalig erhobenen, passte offensichtlich nicht ins Kalkül des Unternehmens. Die vergleichbaren Überlegungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) ebensowenig. Die Financial Times zumindest zitiert einen Senior-Bankmitarbeiter: "Es wird ein Faktor in der Entscheidung sein." Auch von Goldman Sachs ist ähnliches zu lesen. Eine Nachfrage von manager magazin wollte das Unternehmen allerdings nicht beantworten.

Reiseziel Schweiz? Mit einem Wettbewerb der Kantone um die niedrigste Einkommensteuer, einer bankenfreundlichen Regierung sowie dem Vorteil, nicht dem Regelungsraum der EU anzugehören? Das klingt tatsächlich wie das ideale Bankenbiotop. Thomas Hartauer, Vorstand der Fondsboutique Lacuna berichtet von einem Vermögensverwalter, der bereits anziehende Immobilienpreise in Zürich registriert haben will.

Deutlich indes haben die Sensoren der lokalen Immobilienexperten noch nicht ausgeschlagen. "Die Nachfrage nach Büroflächen wird 2010 relativ schwach sein", prognostiziert das Schweizer Maklerhaus Kuoni Mueller & Partner. Konkurrent Schofield & Partners erwartet, dass die Mieten 2010 stabil bleiben werden. Doch das könnte sich schnell ändern.

Vor allem in der heißen Phase des britischen Wahlkampfs - es dürfte die beste Zeit sein, Druck aufzubauen. "Wegen der Wahlen und der geschwächten Labour-Partei wird derzeit mit markigen Sprüchen gegen die Banken geschossen, obwohl das Land weiß, dass die Banken einen Grossteil des Bruttoinlandsprodukts ausmachen und für den Londoner Finanzplatz essentiell sind", sagt ein deutscher Banker, der namentlich nicht genannt werden möchte. Die Finanzbranche dürfte sich inzwischen von der konservativen Partei mehr Zuspruch erhoffen. Von der regierenden Labour-Partei sind sie enttäuscht.

"Gipfel der Verantwortungslosigkeit"

Denn längst geht es um mehr als eine Bonussteuer. Es geht um das Klima, in dem die Finanzbranche ihren Geschäften nachgeht. Denn auch der regulatorische Rahmen verengt sich. So will die Finanzaufsicht, die Financial Services Authority (FSA) noch in diesem Jahr die Stresstests für Banken strengeren Vorgaben unterwerfen. Kein Wunder also, wenn die Finanzindustrie aufheult. Zum Beispiel die Hedgefonds; London ist auch Europas Hochburg dieser Sparte.

"Legt man den internationalen Konsens zugrunde, dass Hedgefonds nicht der Hauptauslöser der Krise waren und dass sie kein oder nur ein geringes systemisches Risiko für die finanzielle Stabilität sind, wäre es nicht fair, Hedgefonds deswegen dieser Steuer zu unterwerfen", sagt Andrew Baker, Vorstand des Branchenverbands AIMA. "Und sollte der Vorschlag darauf zielen, für künftige Stützungsaktionen der Regierung für die Finanzbranche vorzusorgen, dann sollten auch nur jene Unternehmen eine Steuer zahlen, die tatsächlich unterstützt werden würden." Hedgefonds, das allerdings sagt Baker nicht, gehören offenbar nicht in die Reihe jener Institutionen, die Steuergelder erhalten.

Und für den britischen Bankenverband (BBA) sagt deren Vorsteherin Angela Knight: "Großbritannien hält einen Rekord, großartige Industrien aufzubauen so wie Stahl oder Schiffbau. Es wäre der Gipfel der Verantwortungslosigkeit, diese Industrie zu verlieren, so wie wir es mit anderen gemacht haben."

Die Schlussfolgerung aus dieser Gemengelage liegt zumindest für Jeanne Branthover von der Unternehmensberatung Boyden auf der Hand. "Wenn Goldman Sachs und JP Morgan so schnell mit einer Einschätzung bei der Hand sind, glaube ich nicht, dass es lange dauert, dass Andere dazu stoßen". Und weiter: "London wird leiden, wenn das so weitergeht." Einen Exodus, so nennt sie es.

Etwas vorsichtiger ist der anonyme deutsche Banker: "Grundsätzlich glaube ich nicht, dass der Bankenplatz durch die einmalige Abgabe stark beeinträchtigt wird, da die Abwanderungskosten von hochbezahlten Investment Bankern als Trade Off, im Austausch also, zu hoch sind. Sollte die Abgabe allerdings auf Dauer eingeführt werden, könnte das schon zu größerem Schaden führen.

Bisher ist es so, dass viele Banken die Tax sozialisiert haben und alle Banker weltweit vom Bonuspool her betroffen waren, nicht nur UK-Banker." Und weiter: "Wichtig wird in Zukunft die generelle Haltung der Politik und Regulatoren bezüglich Banken, aber auch Hedgefonds sein, die zunehmend in die Schweiz abwandern." Die Politik hat es also in der Hand. Und dürfte das auch genau wissen.

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