Geldanlage Zinstief löst Ansturm auf Immobilien aus

Angesichts niedriger Zinsen und wachsender Inflationsängste suchen Anleger ihr Heil zunehmend in Wohnimmobilien. In manchen Großstädten ziehen die Preise für Eigentumswohnungen bereits so stark an wie seit fast 20 Jahren nicht mehr. Erste Experten warnen vor Übertreibungen.

Hamburg - Mit ihrer Erhebung zum örtlichen Immobilienmarkt löst die Hamburger Landesbausparkasse selten große Emotionen aus. Citynahe Stadtteile legten in den vergangenen Jahren beständig etwas zu, in den Randlagen ging es ein wenig bergab. Unterm Strich veränderten sich die Preise meist um 2 oder 3 Prozent - wie in vielen deutschen Städten.

In diesem Jahr rüttelte die Studie die Stadt gehörig aus der allgemeinen Krisenlethargie. Um satte 8,5 Prozent haben sich Eigentumswohnungen aus dem Bestand im Jahresvergleich demnach verteuert. In den zehn dynamischsten Stadtteilen kletterten die Preise um 16 bis 30 Prozent (in der Hafencity). "Einen solchen Anstieg gab es zuletzt Anfang der 90er-Jahre", sagte Marktforscherin Ulrike Stüdemann vom Beratungsunternehmen F+B, das die Daten erhob. Neue Wohnungen wurden im Schnitt demnach 5 Prozent teurer.

Hamburg ist offenbar kein Einzelfall. Auch aus anderen Regionen berichten Immobilienexperten von deutlichen Preissteigerungen im vergangenen Jahr. "Das bildet in etwa die breite Entwicklung in Deutschland ab", sagt Analyst Thomas Beyerle von der Fondsgesellschaft Aberdeen Immobilien mit Blick auf die Ergebnisse aus der Hansestadt. "Es verfestigt sich der Eindruck, dass wir am unteren Wendepunkt angekommen sind und die Preise wieder nach oben gehen", sagt der Verbandsdirektor der Landesbausparkassen, Hartwig Hamm, gegenüber manager magazin.

Einerseits nutzen Investoren jetzt die historisch günstigen Zinskonditionen, die sich ihnen bundesweit bieten. Außerdem lenken sie ihr Geld in das traditionell als sicher geltende Betongold, weil sie Inflation fürchten und alternative Anlageformen nicht mehr die satten Renditen wie vor zwei, drei Jahren bringen.

Offenbar folgen viele Investoren demselben Anlageschema und verstärken so die Tendenz zu steigenden Preisen. "Vermögende Investoren erwarten in den Innenstädte die größte Stabilität", sagt Immobilienexperte Tobias Just von der Deutschen Bank gegenüber manager magazin. Und viele sind offenbar bereit, dafür niedrige Anfangsrenditen von unter 4 Prozent bei Wohnungen und unter 5 Prozent bei Zinshäusern hinzunehmen.

Wohlhabende Privatleute schlagen zu

Außer in Hamburg sehen Marktbeobachter vor allem in München, Frankfurt und Berlin stark anziehende Kaufpreise. "Die Preise steigen besonders in den Großstädten", sagt der Vizepräsident des Maklerverbandes IVD, Jürgen Michael Schick, gegenüber manager magazin. "Je besser die Lage, desto größer der Preisanstieg."

Für den Run auf Wohnhäuser zeichnen zunehmend wohlhabende Privatleute verantwortlich. Während vor drei oder vier Jahren hauptsächlich Finanzinvestoren aus dem angelsächsischen und skandinavischen Raum im großen Stil in Deutschland einsteigen, dominieren jetzt Anleger, die über ein Vermögen von fünf bis zehn Millionen Euro verfügen.

Manche Großinvestoren hatten sich aus der Bundesrepublik zurückgezogen, weil sich ihre hohen Renditeerwartungen nicht erfüllt haben. Doch ihr Engagement hat den Markt offenbar in Bewegung gebracht. Ihre Immobilienpakete, die nun zum Verkauf stehen, stoßen auf reges Interesse.

"Immobilien werden in Deutschland zunehmend zu handelbaren Gütern", sagt Analyst Beyerle. Sonderabschreibungen und sonstige Anreize des Fiskus sind seiner Ansicht nach immer weniger der Grund für ein Investment.

Außer größeren Portfolios oder Zinshäusern rückt aber auch ein lange vergessenes Investment wieder in den Mittelpunkt. "Die vermietete Eigentumswohnung erlebt ein Comeback", sagt IVD-Mann Schick. "Die Nachfrage steigt seit Februar 2009 deutlich." Über Jahre hatte diese Anlageform mit einem verheerenden Image zu kämpfen, weil einige Anbieter massenhaft überteuerte Objekte unters Volk brachten - mit dem Argument, Investoren so beim Steuersparen zu helfen.

"In Hamburg und München ist die Lage schon extrem"

Die Maklerbranche frohlockt angesichts des frischen Windes, den ihr Niedrigzinsen und fehlende Alternativen bringen. "In den zehn Top-Städten erwarten wir in den nächsten zehn Jahren Stabilität oder steigende Preise", sagt Schick. Den Trend wertet er als Abkehr von übertriebenen Gewinnforderungen. "Es kehrt ein neuer Konservatismus bei der Geldanlage zurück."

Angesichts der mancherorts geradezu explodierenden Preise werden jedoch auch kritische Stimmen laut. "In Hamburg und München ist die Lage schon extrem", sagt der Chef der auf deutsche Wohnimmobilien spezialisierten Investmentfirma Estavis, Florian Lanz, gegenüber manager magazin. "Da werden oft nur noch Liebhaberpreise bezahlt."

Einigen Investoren gehe es offenbar nur noch darum, ihr Geld zu erhalten. "Vom Geld verdienen kann man angesichts mancher Kaufpreise nicht mehr sprechen", sagt Lanz. Irgendwann hätten die Mieten auch einmal ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.

"Es gibt Bedenken angesichts der Entwicklung", sagt auch Deutsche-Bank-Mann Just. Einen ungesunden Boom sehe er anhand der derzeit vorliegenden Daten jedoch noch nicht. Nun müsse sich zeigen, ob sich die Tendenz in diesem Jahr fortsetzt.

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