Sonntag, 20. Oktober 2019

Pfund-Krise "Die Totenglocke wird geläutet"

2. Teil: "Um Sterling braut sich etwas zusammen"

Für sich genommen sind die Zahlen nicht dramatisch, doch einige Marktbeobachter sehen darin erst den Anfang. "Um Sterling braut sich etwas zusammen", urteilt Nick Beecroft, Londoner Devisenexperte der Saxobank. In dieser Woche seien mehrere für den Wechselkurs bedrohliche Nachrichten zusammengekommen:

  • neue Umfragen für die Parlamentswahl im Mai, denen zufolge keine Partei eine klare Mehrheit erreicht und so ein "hung parliament" entsteht, unfähig zu wesentlichen Beschlüssen;
  • die "Monsterübernahme" der asiatischen AIG-Tochter AIA durch die britische Versicherung Prudential Börsen-Chart zeigen für 35 Milliarden Dollar, wofür der Käufer die entsprechende Summe Pfund auf den Markt werfen müsse;
  • und die am Donnerstag anstehende Sitzung des geldpolitischen Komitees der Bank von England, deren Präsident Mervyn King ebenso wie Komiteemitglied Adam Posen sich zuletzt öffentlich dafür aussprachen, nach der im Februar verordneten Pause wieder die Notenpresse anzuwerfen.

"Das würde den Kollaps des Pfundes beschleunigen", meint Beecroft, "aber der Markt kommt zu dem Schluss, dass genau das der Plan ist." Denn eine Abwertung würde die drückende Schuldenlast der Briten gegenüber dem Ausland erleichtern. Die gesamte Verschuldung (privat und staatlich) ist fast fünfmal so groß wie die jährliche Wirtschaftsleistung.

Die unabhängige Währung ist ein wichtiges Plus für die britische Wirtschaft. "Anders als Griechenland, hat das Vereinigte Königreich mehr als nur die Steuerpolitik in der Hand, um sich im Wettbewerb anzupassen", lobt Mohamed El-Erian, Chef der Fondsgesellschaft Pimco, die zu den weltweit größten Anleihenkäufern zählt.

Wenn das Pfund abwertet, werden britische Waren im Ausland billiger, was die Wirtschaft wettbewerbsfähiger macht. Diese Flexibilität haben die Briten bereits ausgiebig genutzt. Seit Beginn der Finanzkrise hat das Pfund mehr als ein Fünftel gegenüber dem Dollar abgewertet. "Die Bank von England begrüßte das als ein Mittel, um das Wachstum wieder in Balance zu bringen", analysiert Schroders-Chefökonom Keith Wade. "Die Abwertung kurbelte den Handel zu einer Zeit an, als die inländische Wirtschaft schwach war." Erklärtes Ziel des amtierenden Premierministers Gordon Brown ist eine stärkere Industrie, um unabhängiger von der Finanzbranche zu werden.

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