Dax-Geflüster Der Tod des Homo oeconomicus

Das Jahr 2010 hat kaum begonnen, da steigen die Aktienkurse weiter an. Doch einige Experten warnen vor Rückschlägen. Vor allem, weil der Mensch nicht so logisch denkt, wie er es selbst gern sieht. Der Homo oeconomicus ist tot - es lebe der Homunkulus oeconomicus.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Kaum ist der Rausch der Neujahrsnacht verflogen, steht der Dax  schon wieder im Plus. Und es gibt Hinweise darauf, dass es so weitergehen könnte. Doch ist es wirklich so einfach?

Es macht fast den Eindruck. So prognostizieren die Experten der Bank HSBC , dass der Dax Ende des Jahres 2010 bei 6300 Punkten stehen würde. Denn der Index, so die Begründung der Experten, befände sich charttechnisch gesehen "keineswegs in einer Bärenmarktrally. Sondern vielmehr in einer neuen Hausse-Bewegung."

Dafür sprächen etliche Faktoren, so das Bankhaus. Und verweist unter anderem auf die Advance-Decline-Linie. Die bannt das Verhältnis von gestiegenen zu gefallenen Aktien aufs Papier. "Von den 30 Dax-Titeln notierten Mitte Dezember 26 oberhalb der am meisten beobachteten Glättungslinie", so HSBC. Will sagen, es gibt mehr Aktien, die gestiegen sind als solche, die fielen. Dazu komme unter anderem die relative Stärke.

Bei dieser Analyse nach Robert Levy vergleichen die Experten den jüngsten Wochenschlusskurs einer Aktie mit dem der vergangenen 27 Wochen. Liegt die daraus errechnete Kennzahl über dem Wert 1, so ist die Aktie heute relativ stärker als früher. Im Fall des Dax liegen alle 30 Aktien unverändert über dem Schwellenwert von 1, so HSBC. Die Börsenampel stehe also auf Grün. Na, wenn das so ist.

Doch immer mehr Experten rufen "Halt" - übrigens auch HSBC selbst, die in ihrer Vorschau ausdrücklich davon spricht, "ein wenig 'Kaffeesatz'" zu lesen. Relative Stärke oder Buchwert sind offenbar nicht die allein ausschlaggebenden Kriterien, die über Wohl und Wehe eines Aktienkurses entscheiden.

"Das größte Opfer ist eine Kapitalmarkttheorie"

Das Bankhaus Metzler hat bereits im November vergangenen Jahres den Tod des Homo oeconomicus verkündet. Diese Kunstfigur skizziert den Investor als rational planendes Wesen, das sich allein von Kennzahlen in seiner Entscheidungsfindung beeinflussen lässt. "Das größte Opfer der vergangenen zwei Jahre", schreibt Metzler, "ist unseres Erachtens keine Bank, sondern eine Kapitalmarkttheorie".

Die These stets effizienter Kapitalmarkttheorie habe ausgedient. Sie geht sinngemäß davon aus, dass alle Informationen in einem Börsenkurs enthalten sind. Die Welt, bevölkert von Homines oeconomici?

Der Gedanke mag zum Teil der Selbstwahrnehmung geschuldet sein. Immerhin sind effiziente Märkte für aktive Anleger ein denkbar schlechtes Biotop. Denn niemand besitzt darin einen Informationsvorsprung und kann daher mit seinen Finanzprodukten besser sein zum Beispiel als der Dax. Insofern stellt sich eine Bank besser, wenn sie a priori davon ausgeht, Märkte seien nicht effizient. Doch Metzler erhält Unterstützung auch von unabhängiger Stelle.

Nobelpreisträger wider den reinen Zahlenglauben

Reinhard Selten, immerhin der einzige Deutsche, der je mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde, sagte jüngst in einem Zeitungsinterview: "Man kann zeigen, dass die Rationalitätsannahme den Menschen überfordert."

Mit diesem Gedanken hat sich Selten bereits vor 50 Jahren befasst. Er spielte mit rund 25.000 Versuchspersonen soziale Konfliktsituationen durch, um zu ergründen, wie deren rationales Entscheidungsverhalten aussieht.

Ergebnis: Menschen handeln "nichtkonsistent", verzichten zum Beispiel lieber ganz auf einen Gewinn als einen geringeren zu akzeptieren. Seltens Schlussfolgerung: "Wir müssen schauen, wie man von der Figur des Homo oeconomicus wegkommt zu einer realistischeren Theorie."

Die aktuellen Zahlungsströme untermauern seine Kritik. Denn seit die Börsen wieder steigen, steigt auch das Interesse der Anleger, anscheinend kritiklos. Seit Sommer vergangenen Jahres flossen mehr als 1,7 Milliarden Euro in Aktienfonds, vermeldet der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI). Auch das Deutsche Aktieninstitut (DAI) vermeldet mit Blick auf das erste Halbjahr 2009, dass sich die Anzahl der Aktionäre und Fondsbesitzer in Deutschland stabilisiert hat. Und es kann noch besser kommen. Denn zum einen sorgen die Zentralbanken dafür, dass Liquidität im Überfluss vorhanden ist.

Profianlegern steht damit mehr als ausreichend Geld zur Verfügung, das sie investieren können - und müssen. Die Liquidität ist also da. Zum anderen ist auch die Sparquote in Deutschland weiterhin hoch. 11,2 Prozent des verfügbaren Einkommens legen Privatsparer zurück, schreibt Allianz Global Investors in einer aktuellen Untersuchung. Und längst nicht alles davon fließt an die Börsen. Das lässt der Börsenfantasie viel Raum. Der Fantasie, der Psychologie - und eben nicht nur vermeintlich glasklarer Fakten.

Kein Wunder, wenn die Experten daher zweifeln. Conrad Mattern, Vorstand der Conquest Investment Advisory und Experte für Behavioral Finance, einer auf das Anlegerverhalten fokussierten Spielart der Psychologie, fasste es einmal so in Worte: "Die breite Masse ist nicht lernfähig." Und weiter: "Solange Gier und Furcht bei Investoren auftreten, wird die Behavioral Finance auch funktionieren." Vorsicht dürfte aus diesen Überlegungen nicht die schlechteste Lektion sein.

Der Homo oeconomicus wäre damit tot. Es lebe der Homunkulus oeconomicus.

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