Japan Krise zum Quadrat

Während andere Länder sich aus der Krise kämpfen, scheint eine der größten Volkswirtschaften der Welt immer tiefer darin zu versinken. Droht Japans Wirtschaft in eine Art Wachkoma zu fallen - und dem Staat so ein zweites verlorenes Jahrzehnt?
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Sie wirkt unaufgeregt und nüchtern. Aufgeräumt und schematisch ist sie, die Internetpräsenz der japanischen Zentralbank, der Nippon Ginko. Dabei böte die aktuelle Situation des Landes durchaus Anlass zur Hektik. Ihm droht die dauerhafte Deflation, jenes schwer zu bekämpfende Spiegelbild der Inflation. Eine Situation, die Japan nur allzu gut kennt.

Bereits zwischen 1990 und 2000 verharrte die nationale Wirtschaft in einer Art Wachkoma, aus dem sich das Land nur sehr langsam befreien konnte. Nun droht die Neuauflage. "Das Land ist wieder bei der Deflation angelangt, und der starke Yen erschwert den Export", sagt Christian Zima, Fondsmanager von Raiffeisen Capital Management. Droht tatsächlich ein neues verlorenes Jahrzehnt?

"Dieses Eindrucks kann man sich nicht erwehren", sagt Fondsmanager Zima. Und auch sein Kollege Michiel van Voorst warnt: "Japan steht an einer Weggabelung", sagt der Manager des Robeco Manager Asia Pacific Equities. "Wenn man den Zustand der öffentlichen Finanzen betrachtet, kann Japans Regierung die Politik der vergangenen 15 Jahre nicht fortsetzen. Japan muss die deflationäre Spirale durchbrechen, aber der Nationalbank, der Bank of Japan, scheinen die Werkzeuge dazu oder der Wille zu fehlen, dieses Problem anzugehen." Ein hilfloser Staat - dabei würde jetzt gerade ein starker gebraucht.

Denn neben einer genesenden Weltwirtschaft bleibt der Staat vermutlich die letzte Hoffnung, die Mr. Watanabe - Japans Otto Normalverbraucher - noch bleibt. "Japans Wirtschaft ging es immer dann gut, wenn entweder die globale Wirtschaft boomte, wie zum Beispiel von 2004 bis 2007". Sagt Zima. "Oder wenn sie fiskalisch stimuliert wurde."

Und genau dazu ist der Spielraum eng geworden. Sich aus eigener Kraft zu befreien, sei für Japan schwierig, urteilt Zima. "Ganz offensichtlich haben Japans Währungshüter mit ihren Zinsen von null ihr Zinsarsenal erschöpft", so van Voorst. Daher sollte die Zentralbank "ebenso wie die US-amerikanische Zentralbank zum Quantitative Easing greifen, um so Liquidität ins System zu pumpen, indem sie zum Beispiel Anleihen zurückkauft." Denn die Wirtschaft "braucht eine ganz lockere Geldpolitik. Das dürfte den deflationären Druck senken und eine wirtschaftliche Erholung ermöglichen." So könnte es gehen. Doch ob Japan auch mitzieht?

Wenig Spielraum

Es muss. Denn die Lage ist ernster als vor dem Beginn des ersten Krisenjahrzehnts. "Der Verlust internationaler Wettbewerbsfähigkeit, die schrumpfende Bevölkerung und eine Regierung in Not, das ist deutlich schlimmer als damals", so van Voorst.

Nun ruht die Hoffnung vorerst auf dem Yen - ausgerechnet auf jener Währung, die lange so schwach gegenüber dem Euro aussah und so zur Spekulationsdevise wurde. "Unter anderem die Auflösung jener Carry-Trades, Geschäften, bei denen die internationalen Zinsdifferenzen ausgenutzt werden, haben den Yen aber erst so stark werden lassen", erklärt Arne Tölsner, Asien-Experte bei RCM, der Aktienplattform von Allianz Global Investors. "Genauer, die Verträge liefen aus, die Unternehmen mussten Yen kaufen und haben den Kurs der Währung damit getrieben."

Für die exportanhängige Wirtschaftsnation Japan ist die starke Landeswährung ein großes Problem, weil ihre Produkte gegenüber der internationalen Konkurrenz teurer werden. Unternehmen wie Toyota  haben bereits Alarm geschlagen und vor einem weiteren Erstarken des Yen gewarnt - und ihre eigene Gewinnschätzung zusammenstutzen müssen. "Dazu kommt noch, dass Japans regionaler Hauptkonkurrent Korea vom schwachen Won profitiert", so Tölsner. Eine Abwertung müsste also her.

"Ein schwächerer Yen ist der effektivste Weg, um den steigenden deflationären Druck zu bekämpfen. Insofern muss Japan hoffen, dass die USA erfolgreich dabei sein werden, eine Erholung hinzulegen. Dann könnte der Yen wieder zur Carry-Währung werden", glaubt Tölsner.

Zima nickt: "Irgendwann wird der Yen vermutlich auch wieder die Carry-Währung werden, wie es aktuell der Dollar ist. Denn ewig werden die USA ihre Leitzinsen nicht so niedrig lassen." Ein schwacher Yen "gäbe der japanischen Wirtschaft eine Atempause und Zeit, sich wirklich um das zugrunde liegende Problem zu kümmern - die deflationäre Geisteshaltung der Japaner zu brechen", sagt van Voorst.

Für Konsumenten hat eine Deflation durchaus ihren Charme. Die Dinge werden immer billiger. Wer wartet, wird also belohnt. Diese Wahrnehmung muss die Regierung durchbrechen. Ideen gibt es schon.

Zaudernde Politiker

"Die neue DPJ-Regierung hat die Wahl gewonnen mit dem Versprechen, den heimischen Konsum zu stimulieren. Das war im Vergleich zu den 50 Jahren, in denen die LDP regierte, eine Revolution", sagt van Voorst. "In der Theorie sollte das gegen die Deflation helfen. Doch leider hat die Regierung bislang noch keine überzeugenden Maßnahmen präsentiert. Außerdem hat sie bereits erklärt, sie wolle keine Politik, die die Wirtschaft weiter liberalisiere. Und damit die Politik des vorherigen Regierungschefs Junichiro Koizumis umgedreht. Uns fehlt es da einfach am Gefühl der Dringlichkeit bei dem japanischen politischen Establishment."

Über die Gründe lässt sich trefflich räsonieren. "Es ist vermutlich auch das Problem der alternden Gesellschaft", meint Fondsmanager Zima. "So eine Konstellation macht es nicht gerade einfacher, deutliche Schritte gegen die Krise zu ergreifen. Und es hilft auch nicht, dass die Krise beim Durchschnittsjapaner noch nicht angekommen ist; real ist zum Beispiel deren Einkommen über die vergangenen Jahre kaum gesunken. Auch die japanische Konsensmentalität spielt da eine Rolle. Die amerikanische Mentalität war in der Krise vielleicht konstruktiver."

Und noch etwas anderes stößt den Experten übel auf. "Die Regierung versucht zwar den Privatkonsum zum Beispiel durch die Einführung eines Kindergelds zu befeuern, so etwas gab es noch nicht", sagt Tölsner. "Doch bevor solche Maßnahmen greifen, vergeht mindestens ein Jahr."

Vielleicht ist der Leidensdruck für die Regierung noch nicht hoch genug. "Japans Verschuldung ist zwar hoch, doch das Land hat eine ganze Reihe Assets außerhalb des Landes, sodass stetig Geld ins Land strömt. Die mit den Stimuli einhergehende Verschwendung konnte das Land also recht gut verkraften. Wie man in Österreich sagt, könnte man dort also noch eine ganze Zeit weiterwursteln."

Klug wäre das vermutlich nicht. Dass einzelne Unternehmen in diesem Umfeld dennoch prosperieren können, ändert an der Gesamtwertung nichts. Das Fazit des Fondsmanagers Zima zu japanischen Aktien spricht Bände: "Untergewichten."

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