Dax-Geflüster Trichet, der Kurskiller?

Seit Monaten wird die Aktienhausse mit der Liquiditätsschwemme begründet, die die Notenbanken über die Märkte gebracht haben. Jetzt deutet mit der EZB erstmals eine der großen Zentralbanken ein Ende der lockeren Geldpolitik an. Ist das schon das Signal zum Ausstieg aus dem Aktienmarkt?

Die Zahlen wurden viel zitiert: Im März stand der Dax  auf dem Tiefpunkt bei 3666 Punkten. Inzwischen umkreist er wieder die Marke von 5800 Punkten. Der Anstieg in den vergangenen Monaten beträgt also beinahe 60 Prozent.

Auch die Gründe dafür wurden oft genannt: Nicht zuletzt dank milliardenschwerer staatlicher Konjunkturstützen hat die Finanz- und Wirtschaftskrise ihr Tief durchschritten und die Unternehmen stehen - auch aufgrund massiver Sparmaßnahmen - einigermaßen stabil da.

Vielen Experten zufolge ist der wichtigste Antrieb der Aktienhausse aber, dass die Notenbanken die Märkte mit Liquidität geradezu geflutet haben. Ein Großteil dieses billigen Geldes strebe an die Börsen, so die übliche Erklärung. Denn vor allem dort seien derzeit ansehnliche Renditen zu erwarten.

Umgekehrt heißt das: Jeder Hinweis auf ein absehbares Ende der lockeren Geldpolitik könnte die Kurse ins Purzeln bringen. Ohnehin werden Äußerungen von Notenbankchefs an der Börse stets aufmerksam verfolgt. Momentan herrscht unter Anlegern aber besondere Nervosität, eben weil der Aufwärtstrend angesichts der sensiblen Wirtschaftslage schon so lange hält. Und weil viele befürchten: Eher früher als später könnten Fed und EZB die Zügel wieder anziehen und das viele Geld zurückholen. Im Aufschwung wäre die Gefahr einer Inflation ansonsten zu groß.

Wie nervös die Börse zurzeit reagiert, zeigte sich erst vergangene Woche, als der Staatsfonds Dubai World mit der Bitte um Zahlungsaufschub für seine Milliardenschulden die Weltbörsen erzittern ließ.

In dieser fragilen Situation setzte sich am Donnerstag Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), in Frankfurt vor die Presse und tat genau, worauf viele seit langem warten: Er kündigte ein Ende der Geldschwemme an.

"Im kommenden Jahr werden nicht mehr so weitreichende Liquiditätsmaßnahmen nötig sein wie zuletzt", sagte der EZB-Chef. Zwar bleibe der Leitzins vorerst unangetastet bei 1 Prozent. Die flankierenden Maßnahmen der EZB zur Geldversorgung würden jedoch schrittweise reduziert. So erhalten die Geschäftsbanken im Dezember zum dritten und letzten Mal für ein ganzes Jahr billiges Geld - allerdings schon nicht mehr zum festen Satz von 1 Prozent.

Die Wahrheit liegt auf dem Parkett

Was bedeutet dies also für den Aktienmarkt? Ist der Startschuss zur Massenflucht gefallen? Heißt es für die Anleger, wie so oft, sich lieber zu früh als zu spät aus dem Markt zu verabschieden?

Eine erste Antwort haben die Börsianer schon gegeben: Der Dax schloss am Donnerstag leicht im Minus und stand auch am heutigen Freitag lange unter Druck.

"Die erste Handlung der EZB, die Zügel der Geldpolitik wieder etwas straffer zu ziehen , ist ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen", sagt Markus Zschaber, Portfoliomanager der V.M.Z. Vermögensverwaltung in Köln.

Seiner Ansicht nach bedeuten die Maßnahmen, dass wenn die EZB die Zinsen bis Dezember 2010 anheben sollte, wovon auszugehen sei, sich die Kreditkosten der Banken verteuern. Die Konsequenz daraus werde sein, dass die Banken ihre generelle Zurückhaltung in puncto Kreditvergabe an Unternehmen mit Sicherheit noch weiter einschränken werden. Daher komme dieser erste Schritt der EZB zuf früh.

"Noch tritt die EZB nicht wirklich auf die Bremse"

Das Gros der von manager-magazin.de befragten Investmentexperten blickt dagegen noch vergleichsweise entspannt auf die angedeutete Wende in der Geldpolitik. "Noch tritt die EZB nicht wirklich auf die Bremse", sagt etwa Stephan Thomas, Fondsmanager bei Frankfurt Trust. "Zwar wurden im Jahrestender die Zinsen leicht angezogen. Die Banken können aber vorläufig weiter so viel Geld ausleihen wie sie wollen."

Thomas sieht zwar auch die Notwendigkeit der Zentralbanken, in nächster Zeit wieder Liquidität aus den Märkten zu nehmen. "Dabei werden die Institute aber sehr behutsam vorgehen", sagt er. "Mit einer Anhebung des Leitzinses ist vor dem vierten Quartal 2010 kaum zu rechnen."

Der Meinung ist auch Stefan Hofrichter, Senior Strategist und Portfoliomanager bei Allianz Global Investors (AGI). "Die Enscheidung der EZB, zukünftig keinen weiteren 12-Monats-Tender anzubieten, kommt nicht überraschend", sagt er. "Die EZB hat bereits in den letzten Wochen darauf hingewiesen, dass sie langsam und äußerst vorsichtig versuchen wird, die Liquiditätsspritzen wieder zurückzunehmen."

Auch Hofrichter erwartet erste Zinserhöhungen erst für Ende 2010. "Wir gehen auch davon aus, dass sich die Fed dem Beispiel der EZB in den nächsten Wochen anschließen und anfangen wird, weniger Liquidität bereitzustellen", so der Experte. "Auch hier erwarten wir ein äußerst bedächtiges Vorgehen."

Das größere Risiko liegt woanders

Und die Wirkung auf die Börse? "Die Unsicherheit ist zwar etwas gewachsen", sagt Klaus Schrüfer, Chefstratege der SEB Bank. "Es kann daher künftig zu stärkeren Schwankungen kommen, wie etwa am Donnerstag, als vergleichweise stark auf den überraschend schwach ausgefallenen Einkaufsmanagerindex für Dienstleistungen aus den USA reagiert wurde." Grundsätzlich rechnet Schrüfer aber mit einem weiter anhaltenden Aufwärtstrend, wenn auch mit reduziertem Tempo.

"Für Aktienmärkte erwarten wir, dass es aufgrund der etwas weniger expansiven Geldpolitik kurzfristig Irritationen geben könnte", sagt auch AGI-Manager Hofrichter. "In der Vergangenheit führte der Beginn einer Normalisierung in der Geldpolitik oft zu einer seitwärtsgerichteten Marktbewegung."

Dramatische Verwerfungen, so Hofrichter, erwarte bei AGI aber niemand - jedenfalls nicht aufgrund der Geldpolitik. "Ein größeres Risiko für Aktienmärkte sehen wir in einer möglichen Abschwächung von Konjunkturdaten und einer besonders hohen Gewinnrevisionsdynamik", sagt er.

Das sieht auch SEB-Mann Schrüfer so. "Es kommt jetzt vor allem darauf an, dass die Fundamentaldaten gut bleiben und die Unternehmen ihre Gewinne weiter steigern können", so der Aktienexperte.

Auch für Marc-Alexander Kniess, Leiter des Teams globale Aktien bei der DWS, ändert sich nichts am "konstruktiven Ausblick zum Aktienmarkt". Dieser sollte 2010 aufgrund von Schwankungen "insbesondere für den flexiblen Investor attraktive Renditechancen bieten", sagt er.

Fazit: Zum Kurskiller hat sich EZB-Präsident Trichet mit seinen Äußerungen nicht gemacht. Ein wenig die Stimmung getrübt hat er aber schon. Und früher oder später wird er den Börsianern mit der ersten Zinserhöhung wohl richtig in die Suppe spucken. Wohl dem, der den Zeitpunkt dafür am genauesten vorhersieht.

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