Osteuropa "Die Zeit der flexiblen Kredite ist vorbei"

Teile Osteuropas haben den wirtschaftlichen Dauerfrost hinter sich gelassen, viele Länder verbuchen wieder Wachstum. Nachhaltig ist dieser Aufschwung noch lange nicht. Greet Vander Roost, Osteuropa-Analystin der KBC Bank, spricht im Interview über Sorgenkinder, politische Unruhen und Termine für die Euro-Einführung in Polen und Tschechien.
Von Grit Beecken

mm.de: Diese Woche stehen in vielen osteuropäischen Notenbanken Sitzungen an. Erwarten Sie Überraschungen?

Vander Roost: Die ungarische Zentralbank hat ihren Leitzins am Montag um 50 Basispunkte auf 6,5 Prozent gesenkt. Sie hält somit an ihrer Niedrigzinspolitik fest. Die schlechte Wirtschaftsentwicklung und der günstige Inflationsausblick bieten in den kommenden Monaten Spielraum für weitere Zinssenkungen.

Nichtsdestotrotz ist sich die Bank darüber im Klaren, dass stabile Finanzmärkte unabdingbar sind, weil sich sehr viele Privathaushalte in Fremdwährungen wie dem Euro verschuldet haben. Der Kurs des Forint darf daher nicht zu stark steigen. Wir erwarten, dass der ungarische Leitzins bis auf 6 Prozent sinken wird.

mm.de: Wie ist die Lage im Euro-Anwärterland Polen?

Vander Roost: Die polnische Nationalbank hält ihren Leitzins seit Juni auf 3,5 Prozent. Ich gehe davon aus, dass die Inflationsaussichten dieses Zinsniveaus bis zum Herbst kommenden Jahres erlauben.

mm.de: Lange Zeit schienen Osteuropas Volkswirtschaften im Dauerfrost festzustecken. Bessert sich die Lage jetzt angesichts des leichten Aufschwungs in Deutschland und anderen Industrienationen?

Vander Roost: Die wirtschaftliche Entwicklung Polens, Tschechiens und selbst diejenige des Euro-Lands Slowakei folgen der Konjunktur der Euro-Länder etwas zeitverzögert. Diese drei Länder haben ihr Konjunkturtief im ersten Quartal gesehen. Der Abwärtstrend in den drei grundsätzlich solventen Ländern ist hauptsächlich zyklisch bedingt. Anders als im Baltikum haben sie nicht unter den primären Folgen einer exzessiven Kreditvergabe zu leiden, weil es hier nicht zu ausufernden Blasen kam.

mm.de: Was bedeutet das in Zahlen?

Vander Roost: Im ersten Halbjahr hat Polens Wirtschaft die tschechische klar geschlagen: Polen verbucht beim Bruttoinlandsprodukt eine Zunahme von 1,2 Prozent, Tschechien muss ein Minus von 5 Prozent hinnehmen. Dass den Polen dies gelungen ist, liegt an den gestiegenen Nettoexportzahlen.

"Die Lage muss sich bessern"

mm.de: Halten Sie diese Entwicklung für nachhaltig?

Vander Roost: In den kommenden Quartalen werden diese Länder von den Effekten der staatlichen Konjunkturprogramme und der wirtschaftlichen Erholung in der Euro-Zone profitieren. Die Bruttoinlandsprodukte Tschechiens und der Slowakei bestätigen diesen Trend im dritten Quartal bereits mit einem Wachstum von mehr als 3 Prozent in Tschechien und mehr als 6 Prozent in der Slowakei.

Nach dieser ersten Erholungsphase wird die Entwicklung langsamer. Die Zeit der flexiblen Kreditkonditionen ist vorbei, und der Arbeitsmarkt wird am Boden bleiben. Daher können die privaten Haushalte nicht mit steigenden Einkommen rechnen.

mm.de: Ungarn gilt neben dem Baltikum als eins der großen Sorgenkinder. Wie ist die dortige Entwicklung?

Vander Roost: Ungarn steckt in einer sehr tiefen Rezession. Das ungarische Bruttoinlandsprodukt ist im dritten Quartal noch einmal um 7 Prozent eingebrochen. Die strikten Budgetauflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) sorgen dafür, dass die Regierung nicht mit Konjunkturpaketen gegensteuern kann. Tatsächlich wurde sie gezwungen, die öffentlichen Ausgaben weiter zu reduzieren, um die IWF-Auflagen erfüllen zu können. Der ungarische Binnenkonsum wird weiter unter Druck geraten, wenn die Arbeitslosigkeit steigt. Auch im kommenden Jahr dürfte die wirtschaftliche Tätigkeit schrumpfen, weil die Regierung weiter an die IWF-Bedingungen gebunden ist.

mm.de: Das sind keine guten Nachrichten. Wird sich die politische Lage in Ungarn dadurch verschärfen? Es gab ja bereits Demonstrationen und Ausschreitungen.

Vander Roost: Die Wirtschaftspolitik ist eine der großen Herausforderungen, die Lage muss sich bessern. Regierungen, auch die polnische und die slowakische, sind im Verlauf der Krise eingeschritten, um die Wirtschaft zu stimulieren. Dadurch sind die Haushaltsdefizite explodiert. Sobald die Erholung nachhaltig ist, werden sich die Regierungen den großen Strukturdefiziten widmen müssen. Die hohen Arbeitslosenraten komplizieren diese Aufgabe massiv.

mm.de: Wie ist es um den Euro-Beitritt Polens und Tschechiens bestellt? Vertreter der Europäischen Zentralbank halten dies vor 2014 für sehr unwahrscheinlich.

Vander Roost: Vor 2014 wird der Beitritt schwierig. In den Jahren 2014 bis 2016 ist er aber sicher möglich. Die größte Herausforderung ist die wirtschaftspolitische. Aber die wirtschaftliche Erholung sollte Polen und Tschechien befähigen, die Defizitquote auf 3 Prozent zu senken. Daneben ist es wichtig, Fortschritte im Konvergenzprozess zu machen. Die Krise hat die Bedeutung erfüllter Konvergenzkriterien noch einmal sehr deutlich werden lassen.

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