Kreditnotstand Das Milliardenproblem der Schiffsbanken

Branchentreff der Schiffsfinanzierer in einem Hotel in Hamburg. Der Markt liegt am Boden, Reeder, Banken und Fondsmacher stecken im Schlamassel. Die drängende Frage: Wer bezahlt die Milliarden für die mehr als tausend Schiffe, die bei Werften bestellt sind. Auf dem Podium schaut man sich an - und zuckt mit den Schultern.

Hamburg - Ist das wirklich Gelächter im großen Saal des Elysee Hotels in Hamburg? Tatsächlich, auf dem Podium wurde ein Witz gemacht und etwa 800 Zuhörer lachen herzlich. Das ist bemerkenswert, denn eigentlich gibt es in dem Markt, dessen Vertreter sich vor wenigen Tagen zum 13. Hansa-Forum, dem wichtigsten Branchentreff des Jahres, zusammengefunden haben, zurzeit wenig zu Lachen. Reeder, Schiffsfondsemittenten, Banken und Berater sind versammelt - gemeinsam befinden sie sich in einer der tiefsten Krisen der letzten Jahrzehnte.

Das Bonmot, das die Heiterkeit auslöst, bringt denn auch das größte Problem dieses Wirtschaftszweiges auf den Punkt. Ein Zuhörer hat den Hansa-Forum-Organisator und Schifffahrtsexperten Jürgen Dobert gedrängt, eine Summe zu nennen. Der Frager will wissen, welcher Betrag insgesamt bei Werften rund um den Globus in den kommenden Jahren für neu bestellte und abzunehmende Schiffe zu bezahlen sei.

Etwa 1200 von deutschen Adressen bestellte Frachtschiffe, so hat Dobert zuvor berichtet, stehen derzeit weltweit in den Bestellbüchern der Werften. Insgesamt müssen die Schiffbauer einen Auftragsbestand von rund 930 Containerschiffen abarbeiten, wovon wiederum etwa 400 deutschen Bestellern zuzuordnen seien.

Ein gigantisches Bestellvolumen also. Und eine Frage kristallisierte sich im Laufe der Veranstaltung als zentrales Problem des Marktes heraus: Wer soll das bezahlen? Wie sind all die Schiffe zu finanzieren?

Ohnehin kommen die Frachter zu einem Zeitpunkt auf den Markt, in dem sie vermutlich kaum gebraucht werden - zumindest nicht in dieser großen Zahl.

Jahrelang hatte die Schifffahrt geboomt. Fondsemittenten hatten bei Anlegern Milliarden eingesammelt, Reeder hatten im Glauben an allzu optimistische Prognosen zur künftigen Marktentwicklung im großen Stil immer neue Schiffsbestellungen aufgegeben, Banken hatten alles fleißig finanziert und dabei ebenfalls ihren Schnitt gemacht.

Seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise jedoch leben die Schiffsfinanzierer in einer anderen Welt: Kaum noch ein Anleger zeichnet Schiffsfonds, der Welthandel ist eingebrochen, den Schiffen fehlt es an Beschäftigung, und wenn sie welche haben, dann oft zu einer Charterrate (Tagessatz der Schiffsmiete), die kaum die Betriebskosten deckt. Und die Banken, die den Boom jahrelang großzügig begleitet haben, sind plötzlich äußerst zurückhaltend, wenn es um die Gewährung von Krediten geht.

Schon jetzt gibt es also deutlich zu viele Containerschiffe auf den Weltmeeren - der Auslieferung der bestellten Neubauten blicken daher viele im Markt alles andere als optimistisch entgegen. Denn das zusätzliche Angebot an Frachttonnage dürfte dazu führen, dass das Ende der Krise noch länger auf sich warten lässt, als ohnehin schon.

Das ist aber nur die eine Seite des Problems. Die andere ist die der Finanzierung. Die Schiffe sind bestellt und vielfach schon angezahlt. Jetzt stellt sich die Frage, woher das Geld zur vollständigen Finanzierung kommen soll.

"Eine gigantische Summe, die nicht machbar ist"

Auf dem Podium des Hansa-Forums weiß darauf niemand eine Antwort. Schulterzucken zum Beispiel bei den Reedern, denen bereits die schwächelnde fahrenden Flotte zunehmend zum Zuschussgeschäft gerät.

Und die Fonds? Axel Schröder, Chef des Emissionshauses MPC Capital , gibt zu verstehen, dass an die Platzierung von Schiffsbeteiligungen im nennenswerten Umfang auf absehbare Zeit nicht zu denken sei (was allerdings von einigen seiner Kollegen zumindest zum Teil relativiert wird).

Bleibt der Blick zu den Banken. Größte schiffsfinanzierende Bank der vergangenen Jahre war die HSH Nordbank, gefolgt von Instituten wie der Commerzbank-Tochter Deutsche Schiffsbank oder der Nord LB. Stellvertretend für diese Fraktion gibt Werner Weimann, Vorstandssprecher der Deutschen Schiffsbank, ein klares Statement ab: "Die Banken können nicht das komplette Orderbuch finanzieren."

Wer zahlt am Ende?

Wer also zahlt am Ende? Am dringendsten stellt sich die Frage letztlich wohl den Banken, die bereits mit Vorfinanzierungen in Milliardenhöhe engagiert sind. Schreiben sie dieses Geld ab? Beispielsweise im Falle der ohnehin kriselnden HSH Nordbank wohl eine besonders unangenehme Vorstellung. Oder gelingt es, anderweitig die erforderlichen Mittel zur Finanzierung aufzubringen? Angesprochen wird auf dem Podium des Hansa-Forums an dem Punkt beispielsweise die Staatsbank KfW mit ihrem Stützungsprogramm zur Konjunkturhilfe.

Aus dieser Richtung ist allerdings bislang offenbar nicht viel Geld in den Markt geflossen. Durch die Medien gingen die Anträge auf KfW-Hilfe von den Reedern Jochen Döhle und Claus-Peter Offen - zumindest letzterer wurde bereits abschlägig beschieden.

Ausreichend Stoff für hitzige Debatten also beim 13. Hansa-Forum. Und die Branche diskutiert ihre Probleme tatsächlich in teils entwaffnender Offenheit. Schuldzuweisungen werden ausgetauscht wie Ping-Pong-Bälle und mögliche Lösungen kritisch beäugt.

Aber - wie gesagt - gelacht wird auch. Als der Frager, der sich so sehr für den Gesamtpreis der bestellten Schiffe interessiert, gar nicht locker lässt, verliert Experte Dobert für einen Moment die Contenance: "Ist doch egal", sagte er da. "Es ist sowieso eine gigantische Summe, die nicht machbar ist."

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.