Kurssturz an der Börse Die Wirtschaft wächst, die Skepsis auch

Die US-Wirtschaft ist wieder gewachsen - doch die Sorgen nehmen zu, dass auf den durch Staatshilfe ausgelösten Schub ein neuer Dämpfer folgt. Beunruhigende Konjunkturdaten haben Dow und Dax in den Keller geschickt. Die Skepsis der Investoren hat viele Gründe.

New York/Frankfurt am Main - Auf das Fest folgte der Katzenjammer. Noch am Donnerstag meldete das US-Handelsministerium, dass die Wirtschaftsleistung der USA im dritten Quartal um 3,5 Prozent gewachsen sei - Börsianer riefen daraufhin das Ende der Rezession aus. Die Wall Street, vom Blick in den Rückspiegel berauscht, feierte.

Nur einen Tag später holten enttäuschende Konjunkturdaten die Investoren jedoch in die graue Gegenwart zurück. Nachdem die staatliche Auto-Abwrackprämie (Cash for Clunkers) im August ausgelaufen war, sind die Ausgaben der US-Verbraucher im September prompt und zum ersten Mal seit 5 Monaten wieder zurückgegangen. Auch die Aussichten für die kommenden Monate sind mau, da das Vertrauen der Verbraucher gesunken ist.

Kann die US-Wirtschaft auch dann noch wachsen, wenn sie nicht mehr am staatlichen Tropf hängt? Bei vielen Investoren wachsen die Zweifel.

Der Dow Jones  gab am Freitag um 2,5 Prozent nach und verbuchte nur 24 Stunden nach der Börsenparty den größten Tagesverlust seit Juli. Der Dax  war zuvor um 3,1 Prozent abgestürzt. Das Wochenminus des deutschen Leitindex beträgt 5,7 Prozent.

Wer seinen Job verliert, kauft weniger ein

Kann der Dow Jones  nachhaltig über die Marke von 10.000 Punkten klettern, wenn gleichzeitig die Erwerbslosenquote bei rund 10 Prozent liegt? Bei der aktuell hohen Arbeitslosigkeit in den USA könnte das nahende Weihnachtsgeschäft in den USA enttäuschend ausfallen, sagte Analyst Ian Morris von HSBC. Die Quote dürfte in Kürze Schätzungen zufolge sogar über die 10-Prozent-Marke steigen.

Denn Unternehmen bauen weiter Jobs ab und versuchen, sich aus der Krise zu sparen - allein in der vergangenen Woche meldeten sich 530.000 US-Bürger arbeitslos. Die steigenden Gewinne vieler Konzerne sind Spareffekte und nicht Anzeichen einer soliden, von steigender Nachfrage getriebenen Erholung.

Hinzu komme die weiterhin hohe Verschuldung, welche die US-Bürger zum Sparen zwinge, ergänzte Analyst Chad Morganlander gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. "Der US-Verbraucher, bislang wichtigste Stütze der Konjunktur, dürfte bis auf weiteres als Konjunkturstütze ausfallen - die Impulse müssen aus anderen Bereichen kommen", ergänzte Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HSBC Trinkaus, gegenüber manager-magazin.de.

Hohe Arbeitslosigkeit, hohe Verschuldung und schwacher Konsum sind nicht einmal die einzigen Sorgen. Auch in weiteren Bereichen droht ein neuer Schwächeanfall, sobald der Staat nicht mehr Milliarden in den Markt pumpt.

Unternehmen sparen, Häusermarkt bleibt anfällig

Unternehmen sparen, Häusermarkt bleibt anfällig

Beispiel US-Häusermarkt: Ohne eine Erholung der US-Immobilienpreise kommen tausende US-Bürger nicht aus der Schuldenfalle, argumentieren Analysten. Zwar wies der maßgebliche Case-Shiller-Index in dieser Woche eine Stabilisierung der Hauspreise in den wichtigsten US-Metropolregionen aus. Doch gleichzeitig warnte das Institut: Sofern die im November auslaufenden Steuererleichterungen für US-Hauskäufer nicht verlängert werden - Erstkäufer bekommen derzeit rund 8000 Dollar Steuernachlass - , dann droht zum Jahresende ein neuer Dämpfer.Im Bereich Gewerbeimmobilien ging die Bautätigkeit zuletzt sogar um 9 Prozent zurück.

Beispiel Unternehmensinvestitionen: Zwar pumpt die US-Regierung seit Februar knapp 800 Milliarden Dollar in die US-Wirtschaft, um Arbeitsplätze zu schaffen und die Konjunktur anzukurbeln. 640.000 Jobs habe man bislang auf diese Weise geschaffen oder erhalten, stellte Regierungssprecher Robert Gibbs in dieser Woche fest.

Doch diese Bilanz bedeutet auch: Ohne Staatshilfe sähe es am US-Arbeitsmarkt noch viel düsterer aus als derzeit. Unternehmen profitieren zwar von den Milliardenspritzen, haben aber sowohl die Zahl ihrer Beschäftigten als auch ihre eigenen Investitionen im dritten Quartal wieder zurückgefahren.

Und auch in Deutschland droht ein trüber Jahresausklang. Zwar ist der Arbeitsmarkt leidlich robust und das Geschäftsklima laut ifo-Institut wieder im positiven Bereich. Doch viele Industriebetrieben setzen sein Monaten auf Kurzarbeit - nach dem Auslaufen der Kurzarbeit droht auch hier eine Verschärfung der Situation, da Industriebetriebe noch immer unter hohen Überkapazitäten leiden.

Hoffnung auf billiges Geld bleibt

Sorgen um Bankentitel - Citigroup im Blick

Finanzwerte standen am Freitag ganz vorn auf der Verliererliste, nachdem CNBC berichtet hatte, der einflussreiche Analyst Mike Mayo rechne mit einer Zehn-Milliarden-Dollar Abschreibung bei der Citigroup. Die Citi-Papiere gingen um 5,1 Prozent zurück und Goldman-Sachs-Titel verzeichneten einen Abschlag von 4,7 Prozent.

"Finanzwerte waren und sind weiterhin der Blitzableiter für den Aktienmarkt", sagte Analyst Ted Weisberg von Seaport Securities. Ihre Schwäche wirke sich auf den gesamten Markt aus.

Neben den Bankentiteln standen Unternehmen, die Bilanzdaten veröffentlicht hatten, im Mittelpunkt. Der US-Konzern Chevron hat den Ölpreisverfall mit einem Gewinneinbruch zu spüren bekommen.

Unter dem Strich verdiente die Nummer zwei der US-Ölbranche im dritten Quartal 3,83 Milliarden Dollar und damit nur halb soviel wie im Vorjahr. Die Chevron-Aktie sank unterdessen um 1,8 Prozent.

Knapp 6 Prozent Verlust im Dax in einer Woche

Der Dax  hat unterdessen am Freitag im späten Handel seine Talfahrt beschleunigt und in den letzten Handelsminuten hart um die Marke von 5400 Punkten gekämpft.

Der Leitindex ging mit einem Minus von 3,09 Prozent auf 5415 Punkten aus dem Handel und verbuchte damit im Wochenverlauf einen Abschlag von 5,7 Prozent.

Für den MDax  mittelgroßer Werte ging es am Freitag um 2,32 Prozent auf 6732 Punkte nach unten. Der TecDax  sank um 0,68 Prozent auf 727 Zähler.

Der FTSEurofirst 300 Index europäischer Aktien verlor 2,3 Prozent auf 974 Punkte. Der Index gab im Oktober mit 2,3 Prozent so stark nach wie seit acht Monaten nicht mehr.

Geld bleibt billig - Anleger warten auf Einstiegschance

Eine Hoffnung bleibt Anlegern jedoch. Die Schwäche des Aufschwungs und die zuletzt durchwachsenen Konjunktursignale sind ein Argument dafür, dass die Notenbanken die Zinsen weiterhin extrem niedrig halten und so den Kapitalmarkt mit billigem Geld fluten.

Investoren haben also weiterhin günstiges Geld und suchen Anlageziele, da mit festverzinslichen Papieren nicht viel zu holen ist. Die Aktienquoten von institutionellen Investoren wie etwa Lebensversicherern sind noch immer sehr gering.

Damit steigt die Chance, dass der aktuelle Rücksetzer an der Börse schon bald durch neue, liquiditätsgetriebene Nachkäufe gebremst wird. Genug Geld ist da.

manager-magazin.de mit Material von dpa-afx und reuters

Dax-Geflüster: Warum den Anlegern noch Hoffnung bleibt

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