Ölunternehmen Elefant oder Dinosaurier?

Der Ölpreis steigt - doch Ölkonzerne wie Exxon enttäuschen mit ihren Zahlen. Zwar dürfte der Ölpreis weiter anziehen, ist sich Rohstoffguru Jim Rogers sicher. Doch nicht alle Unternehmen profitieren gleichermaßen von der neuen Ölhausse.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - David Greely dürfte in letzter Zeit besonders viel zu tun haben. Er ist Ölexperte und arbeitet bei Goldman Sachs . Und im Gegensatz zur Hochzeit der Krise, als das Barrel Öl nur rund 35 Dollar kostete, Ölanalysten wie Greely weniger gefragt waren, dürften sich die Anfragen seiner Kollegen jetzt wieder stapeln.

Vermutlich auch künftig. Greely erzählt: "Wir erwarten nach wie vor, dass der WTI-Preis bis zum Jahresende auf 85 US-Dollar je Barrel und bis Ende 2010 auf 95 Dollar steigen wird." Ein gutes Szenario für Unternehmen, die ihr Geld mit Öl verdienen.

Vor allem BP und Royal Dutch Shell  legten in der abgelaufenen Woche Quartalszahlen vor - alles wie erwartet, so ließe sich der Tenor der Experten vereinfachen. Die vordergründige Argumentation klingt einfach. Wenn die Ölpreise anziehen, ist das auch gut für die Unternehmen.

Oder nicht?

"Ganz so einfach ist es nicht", sagt Pierre Martin, Rohstoffexperte von der DWS. "Aber er gibt eine ungefähre Indikation." In der Tat ist der steigende Ölpreis eine gute Entwicklung für BP und Co., meint auch Steven Thornber. Er ist Leiter des Researchteams für den globalen Ölsektor bei der Fondsgesellschaft Threadneedle. "Die wirtschaftliche Situation des Energiesektors ist derzeit recht attraktiv, wenn auch nicht so sehr wie vor einem Jahr, als Öl über 100 Dollar kostete. Die Gesellschaften sind bei dem derzeitigen Ölpreis hochprofitabel und können notwendige Investitionen in neue Projekte vornehmen und den Anlegern gesunde Dividenden zahlen. während sie ihre Bilanzen bewahren."

Und dass es mit dem Ölpreis so weiter geht, davon ist zumindest Rohstoffnestor Jim Rogers überzeugt. "Ich habe meine Überzeugung nicht geändert", sagt er gegenüber manager-magazin.de. "Wie ich stets gesagt habe, werden sich die Fundamentaldaten weiter verbessern." Die Fundamentaldaten, das sind Angebot und Nachfrage.

Auf Seiten der Nachfrage sehen Experten vor allem China und Indien als die neuen Märkte - auch Rogers wird nicht müde, auf Konferenzen oder in seinen Büchern darauf hinzuweisen. Beide Länder verbrauchen im Zuge der zunehmenden Industrialisierung immer mehr Rohstoffe. Besonders schwierig ist die Situation für China, das selbst kaum über nennenswerte Rohstoffvorkommen verfügt. Kein Wunder also, wenn das Land zum Beispiel in Afrika aktiv wird, um seine Einflusssphäre auf rohstoffreichere Regionen auszudehnen. So stieg der staatliche Konzern China National Offshore Oil Corporation vor einigen Jahren mit 2,3 Milliarden Dollar in das Land ein. Nur ein Beispiel unter vielen.

Knackpunkt Kosten

Dieser Nachfrage steht das Angebot gegenüber. Und es ist kein Geheimnis, dass Öl ein seltener Rohstoff ist. In den vergangenen Jahrzehnten wurde kein großes Ölfeld mehr gefunden, kein "Elefant". Zwar können technische Neuerungen den Aktionsradius der Unternehmen erweitern und ermöglichen zum Beispiel, immer tiefer auf dem Meeresgrund zu bohren. Doch das ist teuer. So teuer, dass es sich für die Firmen erst bei einem Ölpreis oberhalb der Spanne von 60 und 70 Dollar rechnet, nach neuen Ölfeldern zu suchen, erklärt Ölexperte Thornber. Als Experte sagt er es freilich nicht ohne Einschränkungen. "Jedes Projekt hat ganz unterschiedliche Kostenstrukturen, ebenso die Gesellschaften." Und weiter: "Ölbohrungen an Land sind billiger als offshore und Gas und flüssiges Öl ist wertvoller als Ölsande."

Die Entwicklung trifft nicht nur die Großen der Welt. Grob unterteilt Thornber zwischen eben jenen Unternehmen und den Ölserviceformen, die den Großen zuarbeiten, indem sie zum Beispiel Bohrausrüstung vermieten. "Es ist eine Frage von Risiko und Ertrag", sagt er und spielt auf den alten Ratschlag an, im Goldrausch Spaten zu verkaufen. "Jene, die das Risiko der Goldsuche auf sich nehmen, werden deutlich reicher als die, die ihnen die Spaten verkauft haben. Dafür haben die Spatenverkäufer das deutlich weniger riskante Leben und haben es auf jeden Fall besser getroffen als jene, die ausgezogen sind und nie Gold gefunden haben. Reine Explorationsunternehmen zum Beispiel haben keine oder nur sehr wenig Ideen, was sie finden, wenn sie überhaupt etwas finden." Entsprechend ausgerichtete Fonds besitzen daher regelmäßig Aktien von beiden Unternehmensarten.

Steigende Nachfrage, sinkendes Angebot - Rogers Mantra des Megazyklusses der Rohstoffe, der auch Öl umfasst, klingt verführerisch. Doch selbst er anerkennt gewisse Fallstricke. "Wer weiß - sagen wir eine große Überraschung wie wenn Großbritannien pleite gehen würde. Das würde den Ölpreis für eine Weile kollabieren lassen - wie alles andere auch." Da nickt auch Thornber beifällig. "Die Volatilität des Ölpreises im vergangenen Jahr zeigt, wie schnell die Bedingungen für eine ganze Industrie vom positiven in den negativen Bereich drehen können und wie wenig die Unternehmen kurzfristig dagegen tun können."

Und tatsächlich sieht vielleicht die Zukunft der Ölfutures - Rogers bevorzugtes Anlagevehikel - möglicherweise blendend aus, doch die der Unternehmen selbst? "Bei den Ölserviceunternehmen sind die Margen unter Druck", sagt Martin. Und bei den Schwergewichten? "Ich sehe den Zugang zu den Ressourcen als kritischen Faktor für die Industrie", sagt Thornber.

"Ebenso die Fähigkeiten, damit umzugehen." In vielen Regionen mit Öl würden die Unternehmen zum Beispiel von den lokalen Regierungen herausgedrängt, weil diese ihre Ressourcen selbst entwickeln wollen. Der Nahe Osten, Russland oder Nigeria seien da Beispiele. Und ein Gegenbeispiel - im brasilianischen Tiefwasserbereich und Westafrika "sind es kleinere westliche Energieunternehmen, die vormarschieren, während die Schwergewichte wenig involviert sind." Das ganze soll bei vertretbaren Kosten geschehen. "Es geht bei den Großen vor allem darum, die Kosten zu senken", sagt Fondsmanager Martin. "Wir sind daher bei den Schwergewichten untergewichtet." Haben die Elefanten gewichtige Problemen? Durch die Bank sicherlich nicht.

Mit Blick auf die jüngst vorgelegten Quartalszahlen sagt der Finanzmann: "Es waren ganz unterschiedliche Ergebnisse, je nachdem, wie das Unternehmen aufgestellt ist. BP zum Beispiel war wie erwartet gut, Eni  dagegen eher enttäuschend. Exxon Mobil  hat leicht enttäuscht."

Dinosaurier sind die Großen der Branche daher also noch lange nicht. Aber sie müssen hart arbeiten, um den geänderten Anforderungen zu genügen. Zwei bis drei Quartalen haben sie dazu Zeit, so heißt es unter Experten. Und wenn der Ölpreis in der Zeit nicht unter 50 Dollar fällt, dürfte es eine machbare Aufgabe sein. Rogers hätte damit Recht behalten - und der Preis des Öls einmal mehr die entscheidende Rolle spielen.