Dax-Geflüster Warum den Anlegern noch Hoffnung bleibt

Der Dax geriet zuletzt heftig unter Wasser, enttäuschende Nachrichten lösten verstärkt Verkäufe aus. Ohnehin sei der Markt der Wirtschaft enteilt, heißt es. Die Hausse hat aber noch einen anderen Antreiber - und dem geht längst noch nicht die Puste aus.

Ist das das Ende des Börsenaufschwungs? Oder erleben wir eine überfällige Korrektur? Innerhalb der laufenden Woche hat der Dax  mehrere deutliche Rücksetzer erlebt - trotz des jüngsten Erholungsversuchs in Folge der US-Konjunkturdaten. Von seinem Höchststand am 20. Oktober ist der Dax mittlerweile um mehr als 5 Prozent zurückgefallen. Kursknicks wie diesen hat es zwar in den vergangenen Monaten gleich mehrere gegeben. Und unterm Strich reichte es seit März trotzdem zu einem Plus von gut 50 Prozent.

Bemerkenswert ist allerdings das Verhalten der Anleger. Denen ist die Lust auf Aktien momentan anscheinend vergangen. Hören sie schlechte Nachrichten, etwa von Volkswagen (Kurswerte anzeigen) oder von SAP (Kurswerte anzeigen), oder von der niederländischen ING (Kurswerte anzeigen), der GfK oder der EZB, verkaufen sie.

Hören sie dagegen an sich Erfreuliches - verkaufen sie auch. Meistens jedenfalls. Die Reaktionen auf die Zahlen von Goldman Sachs (Kurswerte anzeigen), JP Morgan und letztlich auch Daimler (Kurswerte anzeigen) belegen das.

Was steckt dahinter? Auf dem Parkett ist derzeit viel von Gewinnmitnahmen die Rede. Aber auch von Nervosität und der Möglichkeit, dass es nun zu jener heftigen Korrektur kommt, von der viele Beobachter schon lange sagen, dass sie ansteht. Sogar vom Ende der Hausse wird hier und da gemunkelt.

Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Börse in den vergangenen Monaten der wirtschaftlichen Entwicklung nicht gerecht geworden ist. Die Kurse sind vielmehr vorausgeeilt - und müssen irgendwann wieder zurückkommen. "Im Laufe des Sommers waren die Märkte geradezu heiß gelaufen", sagt Andreas Hürkamp, Aktienstratege bei der Commerzbank. "Eine Konsolidierung war daher überfällig."

Damit aber nicht genug: Die Anleger sorgen sich offenbar zunehmend darum, ob die Konjunktur ihren ohnehin schon schleppenden Erholungskurs beibehalten kann.

Ohnehin wird der Aufschwung fast ausschließlich der Wirkung der Hilfen von Staat und Notenbank zugeschrieben. Vor allem zwei Faktoren bringen ihn nun in Gefahr. Der erste leitet sich unmittelbar aus den Unternehmensmeldungen ab, die in diesen Tagen veröffentlicht wurden. "Die Quartalsergebnisse waren zum Teil durchwachsen", drückt es Hürkamp vorsichtig aus.

Der Experte spielt darauf an, dass viele der positiven Ergebnisse lediglich erreicht wurden, weil die Firmen erhebliche Sparmaßnahmen ergriffen haben. Das gilt zum Beispiel für Daimler und erklärt auch die abweisende Reaktion der Anleger auf die Zahlen des Autobauers.

"Bei Krediten mangelt es nicht am Angebot"

Sparmaßnahme Nummer eins jedoch ist in der Regel der Stellenabbau - siehe wiederum das Beispiel Daimler, siehe auch SAP, Deutsche Bank und andere. Und das führt direkt zum eigentlichen Kern des Problems: Gerade hat sich die Wirtschaft aus der Rezession befreit, droht auch schon ein neuer Rückschlag (den nicht wenige seit langem vorhersagen). Denn mit der steigenden Arbeitslosigkeit könnte eine Stütze des zaghaften Aufschwungs ins Wanken geraten: der private Konsum. Die Entwicklung des Konsumklimaindex der GfK, der erstmals seit über einem Jahr wieder gesunken ist, deutet genau in diese Richtung. Auch in den USA ergaben Umfragen, dass sich das Verbrauchervertrauen zuletzt wieder eingetrübt hat.

Zweites Argument für eine erneute Abschwächung der Konjunktur ist die Kreditsituation in der Wirtschaft. In der seit Monaten währenden Diskussion um eine mögliche Kreditklemme kam der entscheidende Beitrag in dieser Woche von der EZB. Erstmals seit mehr als 16 Jahren ist die Summe der von europäischen Banken ausgegebenen Darlehen gesunken, so die Bank. Die Sorgen um die finanzielle Lage der Unternehmen werden dadurch nicht eben geringer.

Aber bahnen sich die Banken ihren Weg aus der Krise - wie vielfach kritisiert - tatsächlich auf Kosten ihrer Kreditkunden? Klaus Schrüfer, Chefvolkswirt der SEB Bank, glaubt nicht daran. "Der Rückgang des Kreditvolumens ist vor allem eine Folge der Investitionszurückhaltung der Unternehmen", sagt er. "Bei Krediten mangelt es nicht am Angebot, sondern an der Nachfrage."

Damit nicht genug, die gute Nachricht lautet ohnehin: Selbst wenn die Wirtschaft wieder einknickt und die Unternehmen erneut Probleme bekommen - der Börsenhype muss deshalb noch längst nicht beendet sein. Einen erneuten Rückfall in eine Rezession - da ist sich die Fachwelt einig - wird es schließlich kaum geben. "Die weltweiten fiskalischen und monetären Stützungsmaßnahmen für die Wirtschaft sind noch mindestens zwölf Monate wirksam", sagt etwa Volkswirt Schrüfer. "Vieles davon ist noch gar nicht richtig zur Entfaltung gekommen."

Was aber wohl noch wichtiger ist: Die Kursanstiege der vergangenen Monate basierten ohnehin nur zum Teil auf dem Vertrauen der Anleger auf die wirtschaftliche Erholung und die Verbesserung der Unternehmensergebnisse.

"Die Signale sind noch sehr gut"

Zum anderen - vielleicht größeren Teil - sind sie Resultat der Liquiditätsflut, die die Zentralbanken mit ihrer Niedrigzinspolitik ausgelöst haben. Die Investoren hatten günstiges Geld und mussten es anlegen. Vieles floss in sichere Assets wie vor allem Staatsanleihen. Vieles aber auch an die Aktienmärkte.

Solange die Notenbanker also an ihrer Politik des billigen Geldes festhalten, dürfte auch die Kapitalzufuhr für die Aktienmärkte gesichert sein - und mit ihr die Tendenz zu steigenden Kursen. "Momentan sind die Signale in diesem Bereich, vor allem die Entwicklung der Geldmenge also, noch sehr gut", sagt Commerzbank-Stratege Hürkamp.

Erst wenn die ersten Anzeichen auf ein steigendes Zinsniveau erkennbar werden, dürfte sich das ändern. Erste Notenbanken - zum Beispiel in Australien, Israel und Norwegen - haben ihre Zinsen zwar schon wieder angehoben.

Die wichtigen Zentralbanker etwa in Washington, Frankfurt und London aber halten noch still. Nach Ansicht von SEB-Mann Schrüfer wird das auch mindestens ein Jahr lang noch so bleiben.

Erst dann würde es Zeit, sich vom Vertrauen auf eine weitere Hausse zu verabschieden - und vielleicht gleich ganz vom Markt. Für den Augenblick dagegen heißt es: Abwarten und die Korrektur womöglich zum verspäteten Einstieg nutzen. Denn sobald die positiven Meldungen wieder überwiegen, dürfte auch der Aufschwung am Aktienmarkt weiter gehen.

Der Startschuss ertönte vielleicht schon gestern Nachmittag, als in den USA überraschend starke Konjunkturdaten veröffentlicht wurden. Vor allem das wichtigste, das Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent im dritten Quartal, erfreute die Anleger. Damit sind auch die USA offiziell aus der Rezession heraus - an der Börse löste das Kurssprünge aus.

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