Öl Die schwarze Blase

Unternehmen wie BP können mit erfreulichen Zahlen glänzen - denn Öl ist derzeit fast so teuer wie seit einem Jahr nicht mehr. Für die Rohstoff-Hausse sorgen auch Spekulanten. Damit steigt die Gefahr einer weiteren Blase - wenn nicht die Regulierer vorher handeln.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - CL steht auf der Anzeigetafel, daneben 76,75. Für die meisten Menschen sind das unverständliche Daten, die die New Yorker Rohstoffbörse Nymex  dokumentiert. Für Ölhändler ist es eine Freudenbotschaft. Das Barrel Öl der Crude Light steht also bei 76,75 Dollar. Das ist nahe dem Jahreshoch. Und so dürfte es erst einmal weitergehen. Dafür sorgen unter anderem die Finanzmärkte selbst.

Denn Spekulanten - nicht-kommerzielle Händler, wie es in den Statistiken heißt - treiben den Ölpreis vor sich her. Das sagt nicht eine bankenkritische Organisation wie Attac, sondern die Commerzbank in einer Studie vom August. Damit äußert sie freimütig, was andere vor einem Jahr nur hinter vorgehaltener Hand geraunt hatten.

"Vor allem Spekulanten treiben die Preise nach oben", heißt es in einer weiteren Analyse der Bank vom Oktober. Klassische Fundamentaldaten wie Lagerbestände oder die globale Nachfrage verlieren damit schon mal an Bedeutung. "Die Relationen zwischen dem physischen Markt und dem virtuellen Börsenhandel stimmen nicht mehr", so die Studie.

Auch die amerikanischen Aufsichtsbehörden sind hellhörig geworden und wollen dem Treiben der Spekulanten einen Riegel vorschieben. Auf den ersten Blick scheint David Greely von Goldman Sachs aus der Reihe der Kritiker auszuscheren: "Der jüngste Ausreißer spiegelt unseres Erachtens wider, dass die entsprechenden Fundamentaldaten angesichts der Erholung der Schwellenländernachfrage, der gedrosselten Opec-Produktion und der einsetzenden Erholung in den Industriestaaten nun beginnen, nachzuziehen". Doch er sagt auch: "Wir sind jedoch der Meinung, dass es zurzeit schwierig ist, Preisbewegungen auf Spekulationen oder auf reine fundamentale Markteinschätzungen zur zukünftigen Nachfrage zurückzuführen."

Was war geschehen?

Wie die Notenbank die nächste Blase aufpumpt

Die Märkte selbst haben diese Entwicklung ermöglicht. Denn Rohstoffe haben sich in den vergangenen Jahren zu einer unabhängigen Asset-Klasse entwickelt. Und es wurde entsprechend investiert, von Klein- wie vor allem von Großanlegern.

Zwischen 2000 und 2008, so die Studie der Commerzbank, stieg das Vermögen der indexbasierten Rohstoffprodukte von fünf Milliarden auf bis zu 300 Milliarden Dollar. Die rund 72 Milliarden Dollar, die zum Beispiel entsprechend ausgerichtete Zertifikate bündeln, sind noch nicht einmal eingerechnet. Auch Rohstoff-ETFs dürften inzwischen eine erhebliche Rolle spielen.

Eine aktuelle Folge der Krise befeuert diese Entwicklung noch zusätzlich. Amerikanische Investoren sprechen gern davon, dass "viel Geld am Spielfeldrand" sei. Es kommt von den Regierungen und Notenbanken, die damit die Wirtschaft inmitten der Krise vor dem Kollaps bewahren wollten.

Nun strömt es stetig in die Finanzmärkte. Vor allem fließt es in jene Anlageklassen, von denen sich die Investoren vergleichsweise hohe Gewinne bei kalkulierbaren Risiken erhoffen. Denn die Investoren stehen vielfach unter Zugzwang. Beispielsweise Pensionskassen haben Verpflichtungen gegenüber ihren Anlegern. Dazu brauchen sie ertragsstarke Asset-Klassen. Aktien gehören dazu, aber auch Rohstoffe. Öl ist der Rohstoff mit der höchsten Liquidität und damit ein echter Geldmagnet.

Viel Geld, hoher Druck und viele Möglichkeiten

Viel Geld, hoher Druck und viele Möglichkeiten - die Folgen dieser Entwicklung sind deutlich. "Unserer Ansicht nach ist die Überschussliquidität ein wesentlicher Treiber der Rally an den Börsen, die die Notenbanken durch Zinssenkungen und den Aufkauf von Wertpapieren ins System gesteckt haben", wurde Joachim Fels, Chefvolkswirt von Morgan Stanley, jüngst zitiert. Mit anderen Worten: So wird der von Anlageguru Jim Rogers propagierte Megazyklus bei Rohstoffen weiter betankt.

Und so könnte es weitergehen. Das zeigt der Blick auf die sogenannten Nettolong-Positionen der nicht-kommerziellen Anleger. Nettolong, das ist der Unterschied zwischen Short- und Long-Positionen. Mit Short-Positionen wetten Investoren auf fallende Kurse, long ist eine Spekulation auf die gegenteilige Preisentwicklung.

Goldman-Analyst Greely rechnet damit, "dass der WTI-Preis bis zum Jahresende auf 85 US-Dollar je Barrel und bis Ende 2010 auf 95 US-Dollar steigen wird."

Bläst sich damit eine weitere Blase auf, schillernd und schwarz? Banker nehmen das Wort ungern in den Mund. "Die Quantifizierung einer Wahrscheinlichkeit ist schwierig", sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte von der Commerzbank. "Zumal man fragen muss, ab wann man von einer 'Blase' spricht. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass der spürbare Preisanstieg bei Rohöl in der ersten Hälfte dieses Jahres unseres Erachtens zu einem beträchtlichen Teil auf wieder zunehmende Investitionen von Finanzanlegern zurückzuführen ist." Ein deutliches Nein klingt anders.

Wie die CFTC Spekulanten bremsen will

Gleichviel, immer öfter regt sich Widerstand gegen die erratischen Kursprünge von Öl und Co. Doch sie zu unterbinden, ist eine Kärrnerarbeit. Denn schon die Begrifflichkeiten sind reichlich unklar. Zwar unterteilt die zuständige US-Aufsichtsbehörde Commodity Futures Trading Commission (CFTC) ihre Kunden in der COT-Statistik in zwei Kategorien, physische und nicht-kommerzielle Händler.

Künftig sind es sogar vier Kategorien. "Dennoch ist es bislang unmöglich, zu sagen, wie viele der an den Warenterminbörsen ausstehenden Kontrakte von den nicht-kommerziellen Händlern gehalten werden", sagt Rohstoffkenner Weinberg.

Dennoch machen sich viele Menschen bereits jetzt Gedanken, wie sich so eine Blase verhindern lassen könnte. Gary Gensler zum Beispiel. Er ist der neue Chef der CFTC und deswegen oberster Aufseher über den Futures-Handel in den USA - und hat den Spekulanten den Kampf angesagt. Damit hat er sich einiges vorgenommen. So will er unter anderem die New Yorker Rohstoffbörse Nymex dazu zwingen, Transaktionen umfänglich zu dokumentieren, um so Transparenz herzustellen. Außerdem sollen nur noch "standardisierte Produkte" Terminkontrakte nutzen dürfen, die "offen und nachvollziehbar an regulierten und überwachten Börsen verkauft und gekauft werden". Auf die Nachfrage, was genau damit gemeint ist, steht die Antwort noch aus.

Auch Banker Weinberg hat sich Gedanken gemacht. "Man kann zum Beispiel die übermäßige Spekulation eindämmen, indem man die Anzahl der gehandelten und gehaltenen Positionen begrenzt beziehungsweise die sogenannten Positions-Limits einführt. Und man könnte die Anzahl der nächstfälligen Futures, die Terminkontrakte sowie die Gesamthöhe aller Kontrakte begrenzen, die von einem Kontrahenten gehalten werden dürfen."

Ob das klappt? Die künftige Preisentwicklung von Öl und Co. wird es zeigen.

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