Dax-Geflüster Buffet der Beliebigkeiten

Erst haussieren, dann pausieren; dem Dax schien vor einigen Tagen die Puste auszugehen. Wie geht es weiter? Wer Antworten sucht, tut sich schwer. Denn die Prognosen pendeln von Hui bis Pfui. Einziger Vorteil dieses Spagats - für jeden ist etwas dabei.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Mit Studien und Einschätzungen ist es wie mit einem kalten Buffet - jeder kann sich etwas heraussuchen und am Ende bleibt die Frage, ob man sich tatsächlich an der richtigen Stelle bedient hat. So ist es auch mit Analysen und Einschätzungen der aktuellen Lage an den Börsen.

"Gut ist nicht gut genug, heißt die Schlussfolgerung, die man aus den vergangenen zwei Handelstagen ziehen kann, nachdem Konzerne mit besser als erwartet ausgefallenen Zahlen aufgewartet haben", schrieben zum Beispiel die Experten von Close Brothers Seydler Research in ihrem Morgenkommentar vom Donnerstag. Tatsächlich war der Dax  nach Wochen des Höhenflugs in dieser Woche mehrere Tage wieder gefallen. Obwohl die Unternehmen in diesem Zeitraum teilweise gute Zahlen vorgelegt haben. Gut, aber nicht gut genug? "Die Investoren erkennen zunehmend", schreibt das Unternehmen weiter, "dass die berichteten Verbesserungen in den Einnahmen in erster Linie durch Sparmaßnahmen und nicht durch substanzielle Verbesserungen der Geschäftsbedingungen befeuert wurden." Droht in der kommenden Woche, in der unter anderem Merck  oder Bayer  ihre Quartalszahlen vorlegen, der deutliche Rücksetzer? Gründe dafür gibt es genügend. "Jede große Krise braucht Zeit zur Verarbeitung", sagt zum Beispiel der Vermögensverwalter Hendrik Leber. "Eine Krise in dieser Größenordnung kann nicht nach einem Jahr vorbei sein." Eine deutliche Warnung. Doch man kann sich aber auch an einer anderen Stelle des Buffets bedienen.

Aus London bietet zum Beispiel Fidelitys Grandseigneur der Aktienanlage, Sir Anthony Bolton, deutlich bekömmlichere Kost. Er erwartet, dass die internationale Aktienrally noch eine Zeit weiter laufen werde. Die niedrigen Zinsen seien es, die die Anleger bewegen würden, in Aktien zu investieren. Es darf also weiter geschlemmt werden - oder droht nun doch Schonkost?

Der Anleger zuckt angesichts der Auswahl mit den Schultern. Dabei scheint sein Appetit zurückgekehrt. So verzeichnet das Finanzhaus JP Morgan Asset Management in seinem Investmentbarometer, das die Anlagelust der Privatanleger misst, ein erhebliches Maß an Börsenoptimismus. Den Magen verderben kann man sich aber dennoch. Denn das Barometer überzeichnet die Realität. In der Phase vor dem Herbst 2007 war der Privatinvestor zuversichtlich. So sehr, dass sein Optimismus, grafisch aufgeschlüsselt, dem Börsenverlauf stets vorauseilte. Das änderte sich mit der Krise, mit deren wuchtiger Entfaltung die Anleger die Lage deutlich skeptischer beurteilten als es der Verlauf des Dax widerspiegelte. Erst im Frühjahr 2009 zeigte sich wieder das gewohnte Bild; die Anlegerlaune enteilte der Börse.

Planvolle Pessimisten?

Dieses Mal wollen die Anleger tatsächlich zugreifen. Das lässt sich zum Beispiel in einer aktuellen Erhebung der Fondsgesellschaft Schroders nachlesen. Ihr zufolge sollen die Privatinvestoren bereits im vierten Quartal 2009 "zu den Aktien zurückkehren". 36 Prozent der Investoren planten den Einstieg in Aktienfonds, heißt es. Vor der Krise waren es allerdings 55 Prozent. Dennoch wertet Achim Küssner, Geschäftsführer von Schroders für Deutschland und Österreich, diese Entwicklung als Erfolg: "Der Risikoappetit nimmt langsam zu."

Finanzexperten raunen bereits hinter vorgehaltener Hand etwas von der zweiten Liquiditätswelle, die bevorstünde, wenn die Privatanleger tatsächlich die Börse stürmten. Bislang profitieren die Aktien unter anderem von dem enormen Maß an Liquidität, dass Notenbanken und Regierungen bereitgestellt haben, um die Weltwirtschaft vor dem Kollaps zu bewahren. Denn dieses Geld fließt auch in die Finanzmärkte. "Bei Aktien ist daher mit weiteren Kursgewinnen zu rechnen", schlussfolgert Léon Cornelissen, Senior-Stratege bei Robeco.

Doch Börsenhunger hin oder her, was ist mit den Zutaten eines bekömmlichen Mahls, dem wirtschaftlichen Umfeld zum Beispiel. Viele Experten wie beispielsweise Robeco gehen von einer langsamen Genesung aus. Andere wiederum heben mahnend den Zeigefinger. Vermögensverwalter Leber zum Beispiel. "Die Immobilienkrise in den USA ist gerade erst zur Hälfte ausgestanden", sagt er. Und dass nach Subprime jetzt auch die qualitativ höherwertigen Segmente wie "Prime" oder Commercial Real Estate erfasst werden würden. "Die Konjunktur in Deutschland stabilisiert sich, aber sie erholt sich nicht auf das alte Niveau."

Gibt es vielleicht bei den Unternehmensdaten ein klareres Bild? Nehmen wir einmal die Aktien der Banken. In den vergangenen sieben Monaten verdoppelten sich die Börsenwerte dieser Unternehmen, hat die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) ausgerechnet. Und die Aktienrendite deutscher Banken habe sich seit einem Jahr um 108 Prozentpunkte gesteigert. "Die Erholung reflektiert, dass das Vertrauen in die Märkte zurückgekehrt ist", sagt Walter Sinn, der als Seniorpartner bei BCG Bankenkenner ist. "Dennoch ist nicht zu erwarten, dass die Banken diesen Aufwärtstrend mit der gleichen Dynamik fortsetzen werden - schließlich bleibt das Umfeld auch weiterhin schwierig." Gut gesprochen. Doch welche Schlüsse können Anleger nun aus diesen Daten ziehen? Vielleicht hilft ihnen ein Blick in die Vergangenheit.

Fragile Balance

Erst im Frühjahr war es, als die Experten Übles an der Börse erwarteten. Und als Banken wie andere Branchen ihre Zahlen vorlegten, waren die Zahlen tatsächlich nicht gut - aber besser als erwartet. Die Rally nahm ihren Anfang. Jetzt, im Herbst des selben Jahres deutet sich ein anderes Bild an.

Die Banken legen teilweise gute Zahlen vor, Goldman Sachs (Kurswerte anzeigen) etwa oder die Deutsche Bank (Kurswerte anzeigen), aber die Anleger reagieren verhalten. Der US-Bank Goldman wird zum Beispiel vorgeworfen, ihre Erträge stammten aus volatilen Geschäften, und das erlaube keine Rückschlüsse auf eine grundsätzliche Gesundung. Und überhaupt seien Aktien inzwischen schon recht teuer, der nächste Rückschlag käme bald. Böse Zungen behaupten, die Mahner hätten bislang nichts vom Börsenkuchen abbekommen. Es ist fast so, als hätten die Anleger ihren ärgsten Hunger bereits am Buffet gestillt und würden nur noch hie und da mit spitzen Fingern nach einer Nascherei greifen.

Stimmung gut, Gewinnsituation passabel und das viele Geld, das müsste doch reichen, um die Börsen weiter laufen zu lassen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Klar bleibt eigentlich nur, dass Aktien bereits gewaltig an Wert gewonnen haben. Soll das so weitergehen, müssen die Unternehmen mit weiterhin guten Zahlen nachlegen - am besten gleich in der kommenden Woche. Und die Stimmung der Anleger sollte hübsch verhalten optimistisch bleiben, ganz ohne Exzesse. Und das wirtschaftliche Umfeld müsste stetig genesen. Alles in allem ein komplexes Gericht, das nur allzu schnell versalzen ist. Wohl bekomm's dennoch.

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