Koalitionsverhandlungen Förderland bald abgebrannt?

In den Koalitionsverhandlungen wird deutlich, dass die künftige Bundesregierung die Förderung für Solarunternehmen kürzen will. Die Branche selbst gibt sich trutzig - doch Experten mahnen bereits jetzt vor Umbrüchen. Ein Ausblick.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Der Nabel der Solarbranche lag im September in Hamburg, in den Messehallen. Dort fand die Solarmesse statt, auf der sich jene Unternehmen, die mit Sonnenenergie ihr Geld verdienen, mit ihren potenziellen Kunden trafen. Zischende Fertigungsstraßen am Stand von Festo, meterhohe Schrauben bei Krinner, alles in Weiß wie bei Q-Cells  - und dazwischen drängelnde Anzugträger und fotografierende Asiaten. Doch hinter den Kulissen tobt der Wettbewerb. Und der wird durch die Ankündigung der künftigen Regierung, die staatliche Förderung kürzen zu wollen, noch verschärft. Nicht alle Unternehmen werden diese Phase überstehen.

Bislang, so regelt es das Erneuerbare Energiengesetz (EEG), bekommt der Betreiber zum Beispiel einer Solaranlage eine gewisse Zeit einen festen Vergütungssatz für seinen Strom. Und so soll es erst einmal bleiben, so offenbar die Hoffnung von Andreas Hänel. "Maximal sieben Jahre brauchen wir noch", sagt der Vorstand von Phoenix Solar . Er ist überzeugt, dass in dieser Zeit die Kosten weiter sinken werden. Das ist auch Thomas Hartauer. Er ist Vorstand von Lacuna, einer Gesellschaft, die unter anderem in Solarunternehmen investiert. Hartauer blickt also eher mit dem Auge des Bankers auf die Branche. Sein Urteil: "Es gibt ein hohes Maß an Überförderung."

Ein Thema mit Breitenwirkung: "Die staatliche Förderung ist ein Branchenthema, das alle Marktteilnehmer betrifft und somit natürlich indirekt auch uns", sagt zum Beispiel Robert Hartung, Vorstandssprecher von Centrotherm . Der Ruf nach der Reduktion der Förderung ruft in der Branche daher regelmäßig zwei Argumente auf den Plan. Das erste lautet "Spanien". Dort hatte die Regierung die Solarförderung 2008 deutlich gekürzt - in Folge brach der Markt nahezu ein. Das zweite Argument ist "China". Das Land ist inzwischen zu seiner echten Größe geworden, mit der die Branche rechnet. "Die Module aus China sind auch keine schlechte Qualität, sondern teilweise ebenso gut wie jene aus deutscher Fertigung", sagt Hartauer. "Unsere Industrie muss aufpassen, dass sie den Anschluss nicht verliert." China als Vorbild für den Westen? "Nein, sicherlich nicht - aber China als totalitärer Staat kann seine Ziele sehr forciert verfolgen."

Hartauer weiter: "Lange Zeit hatten die Produzenten sensationelle Margen. Doch das ist jetzt vorbei." Tatsächlich hat auch die Investmentbank Goldman Sachs bereits vor Monaten die Kosten zum entscheidenden Kriterium zur Bewertung von Solarunternehmen erhoben und damit für erhebliche Wellen gesorgt. Auf dem Wellenkamm, um im Bild zu bleiben, könnten jene Unternehmen surfen, die ihre Produktion ins asiatische Ausland verlagert hatten. Im Wellental dümpelten jene vor sich hin, die das bislang verabsäumt hatten. Längst nicht alle Experten teilen die Argumentation der Banker. "So einfach finde ich es nicht. 70 Prozent der Kosten der Zellenproduktion sind die Kosten für das Silizium. Das sind Weltmarktpreise, die auch die Chinesen zahlen müssen. Dazu kommen etwas Glas und etwas Aluminium für den Rahmen; in der Summe sind das also 80 Prozent, die zu Weltmarktpreisen beschafft werden und damit genau so teuer sind wie die Produktion in Deutschland."

Fragile Finanzierung

Gleichviel, der Preisdruck nimmt zu. "Die chinesischen Solarunternehmen nutzen aktuell staatliche Unterstützung bei Investitionen und auch Finanzierungen und können auf diese Weise die Preise auf Niveaus reduzieren, die teilweise unter den Kosten der europäischen Hersteller liegen", sagt Simon Jäger, Analyst bei der Dekabank. "Die Marktanteile der Asiaten vergrößerten sich beginnend im zweiten Quartal in den attraktiven Märkten wie den USA und Deutschland signifikant. Wir rechnen mit anhaltend starker Staatshilfe bei asiatischen Herstellern bis diese weltweit die größeren Absatzregionen dominieren."

Den Preiskampf nehmen die deutschen Unternehmen auf. Den Preiskampf nehmen die deutschen Unternehmen auf. Doch sie stehen dabei vor Problemen. "Denn die Finanzierung ist derzeit ein Problem", so Hartauer. "Stichwort Kreditklemme. Außerdem kostet Forschung und Entwicklung viel Geld", sagt Zahlenmann Hartauer. Doch die ist notwendig, um zum Beispiel den Wirkungsgrad der Solarmodule zu erhöhen und die Kosten weiter zu senken. "Da sind wir bei weitem noch nicht am Ende", ist sich Hänel sicher. "Deshalb setzen wir sehr stark auf Forschung und Entwicklung", sagt Hartung von Centrotherm.

Kein Wunder, wenn der Phoenix-Solar-Chef fast schon beschwörend sagt, "wir brauchen sinkende Kosten und müssen die Netzparität schnellstens erreichen." Parität, das ist das Shangri-lah der Solarunternehmer, eine Vision, in der Strom aus erneuerbaren Energien ebenso günstig zu produzieren ist aus herkömmlichen Quellen. Auf dem Weg dahin passt es selbstverständlich nicht, dass die Regierung darüber nachdenkt, die Förderungen abzuschmelzen. Die Börse zumindest hat ihr Urteil schon gefällt. "Solar-Aktien wiesen gegenüber den breiten Marktindizes und vor allem dem TecDax  seit Mitte des Jahres eine weniger gute Wertentwicklung aus", sagt Analyst Jäger. "Die Gründe für die relative Schwäche liegen bei weiter fallenden Preisen für Photovoltaikmodule."

Immerhin, eine gute Nachricht gibt es doch. "Eine positive 'Trendwende für europäische Hersteller könnte bei erholender Konjunktur eine einsetzende Preissensitivität bieten", sagt Analyst Jäger. "Die Modulpreise vergünstigten sich innerhalb eines Jahres um bis 40 Prozent. Bei weltweit nahezu unveränderten Einspeisetarifen für Solarstrom erhöhen sich die Renditen für Betreiber der Anlagen deutlich, während das Risiko gering bleibt." Einfacher gesagt - drücken die europäischen Unternehmen die Kosten weiter und dauert die wirtschaftliche Erholung an, dann ist das gut für die Aktionäre der Solarunternehmen.

Wirklich einig sind sich alle nur in einem Punkt. Hartauer fasst ihn in Worte: "Da ist vieles politisch getrieben". Und Hänel springt ihm bei: Das sei "sehr politisch. Ohne geeignete politische Rahmenbedingen hätte die deutsche Solarindustrie nicht diese Spitzenposition erreicht." Das Maß der Bedeutung der Politik wird auch auf der Hamburger Solarmesse deutlich. Auf dem Schild, kurz vor einem der Eingänge aufgestellt, steht "European Photovoltaic Solar Energy Conference and Exhibition". Und etwas darunter - neben dem goldenen Sternenkreis der EU - "gefördert von der Europäischen Union".