Fondsmanager-Kolumne Politische Börsen haben noch immer kurze Beine

Plauderrunden und schwammige Antworten - selten war ein Wahlkampf von solcher Lethargie bestimmt wie die Kampagne zur Bundestagswahl 2009. Fondsmanager Andre Köttner von Union Investment hat sich seine Gedanken zur anstehenden Wahl gemacht.
Von Andre Köttner

Eigentlich müsste man sich als institutioneller Investor über die anstehenden Wahlen freuen. Nach vier Jahren Großer Koalition stehen die Chancen gut, dass ein schwarz-gelbes Bündnis die Regierungsverantwortung übernimmt.

Traditionell gilt eine solche Verbindung als günstig für die Wirtschaft. Nach der heftigen Schelte, die in den zurückliegenden Monaten auf die Banken niedergeprasselt ist, böte es sich an dieser Stelle an, ein Loblied auf die traditionell finanzmarktfreundliche liberale Partei anzustimmen. Immerhin kann sich die Finanzbranche nicht eines Übermaßes an "Freunden und freundlich Gesinnten" in Politik und Gesellschaft rühmen; jeder zusätzliche "Verbündete" käme also gerade recht.

Doch hält sich auch bei den institutionellen Investoren der Enthusiasmus in Grenzen. Das mag zunächst überraschen, denn eigentlich sind Fondsmanager und Volkswirte schon von Berufs wegen angehalten, über den Tellerrand hinauszuschauen und müssten daher jede politische Veränderung zugunsten des Marktes begrüßen.

Doch warum kommt so wenig Begeisterung auf? Um meinen Standpunkt zu umreißen, möchte ich einen Vergleich zwischen meiner täglichen beruflichen Praxis und der Wahlentscheidung ziehen: Ein Finanzinvestor will das Management eines Unternehmens treffen, in das er investieren möchte. Bei der Vorbereitung auf das Treffen stellt der Finanzinvestor fest, dass sich das Unternehmen trotz führender Marktposition einigen größeren Herausforderungen gegenübersieht: Die Produktionskapitalinvestitionen sind seit Jahren hinter den Abschreibungen zurückgeblieben, und die vormals selbstverständliche Markenbotschaft ist für den Kunden kaum mehr auszumachen.

Die Herangehensweise an diese Fragen entscheidet darüber, ob der Investor dem Management zutraut, die künftigen Herausforderungen zu bewältigen. Enttäuschen würden in einer solchen Situation Allgemeinplätze wie "Wir wollen die Umsätze steigern, wir wollen die Marge steigern, wir wollen den Free Cashflow erhöhen. Danke für Ihr Vertrauen!"

Würde die Unternehmensführung über solche Phrasen hinaus Details zur konkreten Umsetzung missen lassen, sich abschätzig über die Konkurrenz äußern, statt auf eigene Stärken zu verweisen und sich an stabilen Marktanteilen erfreuen, ohne den insgesamt schrumpfenden Markt als Warnsignal wahrzunehmen, würde es schwerfallen, Vertrauen in das Management zu setzen.

Auswirkungen eines Regierungswechsels sind begrenzt

Das Gleiche gilt für die Politik. Anstatt die gewaltigen künftigen Herausforderungen in Angriff zu nehmen, werden Pfründe im Renten-, Bildungs- und Gesundheitswesen reflexartig verteidigt. Die Folgen der geringen Geburtenrate in Deutschland bauen sich derweil weiter auf, und die Integration von Millionen von Immigranten bedarf einer Kraftanstrengung.

Vor diesem Hintergrund lesen sich die Programme der Parteien für das "Unternehmen Deutschland" doch ziemlich bescheiden (frei nach CDU, FDP und SPD): "Wir haben die Kraft für starke Familien, weil Bildung ein Bürgerrecht ist und Arbeit faire Löhne braucht." Wer wolle dies nicht anstreben? Doch an welche Maßnahmen über welchen Zeitraum wird dabei gedacht?

Auch bei anderen wichtigen Fragen herrscht eine auffallende Zurückhaltung: Aussagen zur Mehrwertsteuer oder zu den Zeitplänen der Einführung geplanter Einkommensteuererleichterungen findet man nur vereinzelt. Stattdessen ergehen sich die Parteien lieber in Diffamierungskampagnen über gestohlene Dienstwagen, 15 Jahre alte Gorleben-Berichte und gelben, grünen oder dunkelroten Radikalismus.

Wen wundert da die stetig zurückgehende Wahlbeteiligung, die den Politikern allerdings erschreckend gleichgültig ist, solange sich die Prozentzahlen im erhofften Rahmen bewegen?

Es bleiben vor allem zwei Wirtschaftsbereiche, die sich nach der Bundestagswahl im Falle einer schwarz-gelben Koalition einem deutlich veränderten Umfeld gegenübersehen könnten: zum einen die Energieversorger, zum anderen die Solarindustrie.

Erstere würden in bedeutendem Maße von einer Verlängerung der Laufzeiten ihrer Atommeiler profitieren. Letztere würde sich einer stärkeren Degression der Einspeisevergütungen stellen müssen. Dies dürfte zwar prinzipiell den Druck auf die Industrie zur Kosteneinsparung und Konsolidierung erhöhen: Falls die Änderungen aber erst 2011 eingeführt werden sollten, wäre zunächst sogar ein kurzer Boom im kommenden Jahr möglich, wie sich bereits in 2008 in Spanien gezeigt hat.

Die Veränderungen, die auf den Finanzsektor zukommen, dürften zwar bedeutend sein. Verschärfte Regulierungs- und Kontrollmaßnahmen sind jedoch politischer Konsens und daher vom Wahlausgang unabhängig. Somit dürfte die Bundestagswahl nur begrenzte Auswirkungen auf die Börsenkurse haben und die Kurzlebigkeit politischer Märkte sich einmal mehr erweisen.

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