ESMT-Forum Globalisierung bremst Regulierung

Die Banken haben die Finanzkrise abgehakt und bereiten sich auf die Zeit danach vor. Eine wichtige Frage dabei: Wie lässt sich ein erneuter Kollaps der Märkte verhindern? Gar nicht, sagt Experte Avinash Persaud - weil die Globalisierung für die totale Vernetzung sorgt.

Berlin - Ausufernde Bonussysteme, gierige Banker, nachlässige Kontrolleure: Auf die Frage nach den Ursachen der Finanzkrise liegen die Antworten auf der Hand - selbst wenn sie je nach Perspektive sehr unterschiedlich ausfallen. Die einen geben die Schuld den Bankern, die den Hals nicht vollkriegen konnten und Kredite ohne jede Sicherheit austeilten.

Andere weiten den Vorwurf auf Aktionäre und Pensionsfonds aus, die mit übergroßen Renditeerwartungen an die Geldhäuser herangetreten sind.

Die Dritten wiederum geben Regierungen und Zentralbankern die Schuld, weil sie die Märkte mit billigem Geld überschwemmt haben.

Ebenso vielfältig wie die Erklärungen für die Ursachen der Krise fallen die Vorschläge aus, welche Konsequenzen aus der Krise zu ziehen sind. Die einen wollen die üppigen Bonuszahlungen für Banker kappen, die anderen fordern strengere Regeln für die Vergabe von Krediten und wollen die Banken zwingen, mehr Eigenkapital zur Absicherung von Kreditausfällen vorzuhalten. Die Dritten schließlich mahnen zur Rückbesinnung auf die Regeln des Marktes und wollen Staatsinterventionen zurückdrängen.

Nicht die Schärfe der Regulierung zählt, sondern ihre Qualität

Doch all das ist nach Überzeugung des Finanzexperten Avinash Persaud nicht geeignet, um eine Bankenkrise für die Zukunft zu verhindern. Selbst wenn die Verwerfungen diesmal so groß ausfallen: Der Abschwung folgt seiner Einschätzung nach den gleichen Regeln wie in den vielen Fällen der Vergangenheit auch.

"Wenn man so will, haben wir bereits mehr als 85 Bankenkrisen erlebt", sagte der Wirtschaftsprofessor während eines Vortrags an der Berliner European School of Management and Technology (ESMT). Die Beteiligten an den Pranger zu stellen, führe deshalb nicht zum Ziel. Vielmehr gelte es, ein Regulatorium zu formulieren, das geeignet sei, die zwangsläufige Wiederkehr eines Abschwungs zu verhindern.

Entscheidend sei dabei allerdings nicht die Schärfe der Regeln, sondern ihre Qualität. Die Sanktionen, die derzeit zur Debatte stünden, zwängten die Banken eher in ein zu enges Korsett. Das aber hätte zur Folge, dass sich das Kapitalangebot über Gebühr verknappen könnte. Die Konsequenzen bekämen besonders Unternehmen und private Haushalte zu spüren.

Kontraproduktiv sei es auch, Bonuszahlungen zu begrenzen. Vielmehr müsse man darauf Einfluss nehmen, welche Leistung belohnt werde, um die Energie der Banker in die richtige Richtung zu lenken. Auch gelte es, die sozialen Folgekosten eines Bankenzusammenbruchs durch entsprechendes Eigenkapital abzusichern.

Darüber hinaus hält Persaud das Verbot einzelner Finanzprodukte für falsch: "Es gibt keine guten oder schlechten Finanzdienstleistungen - man kann sie nur sinnvoll oder schädlich einsetzen." Gleichzeitig macht er damit aber auch auf den Schwachpunkt seiner Empfehlungen aufmerksam: Wie kann man Banker oder Investoren davon abhalten, rechtmäßige Finanzinstrumente so einzusetzen, dass sie am Ende Schaden anrichten?

Weltweite Vernetzung sorgte für Flächenbrand

Weltweite Vernetzung sorgte für Flächenbrand

So nutzen US-Banken bis 2007 die überbordende Liquidität im Markt, um Familien den Kauf eines Hauses zu finanzieren, das sich diese eigentlich nicht leisten konnten. Andere nutzten ihr Haus, dessen Wert aufgrund der großen Nachfrage ständig im Wert stieg, gleichsam als Geldautomat und nahmen immer neue Hypotheken auf, wenn das normale Einkommen für die ein oder andere Anschaffung nicht reichte. Alles regelkonform, wenn man von dem - nach Expertenüberzeugung verkraftbaren - Anteil der Kredite einmal absieht, bei denen Einkommen und Kredit in einen eklatanten Missverhältnis standen.

Womöglich wäre der Flächenbrand gar nicht entstanden, wenn sich der Wind nicht so plötzlich gedreht hätte: Die Zinsen stiegen, ebenso wie die Lebenshaltungskosten, Kredite platzten, das Angebot an Häusern, die schnell verkauft werden mussten, wurde größer und größer. In der Folge gerieten die Banken in die Krise, die den massenhaften Ausfall der Kredite zu verkraften hatten. Als die US-Regierung schließlich die Investmentbank Lehman Brothers fallen ließ, war die Katastrophe perfekt - das Vertrauen der Banken untereinander war zerstört, kein Institut lieh den anderen mehr Geld, der Finanzmarkt erstarrte.

Dass sich der negative Trend so schnell ausbreiten konnte, führt Persaud auf die globalisierten Finanzmärkte zurück. Dank der weltweiten Vernetzung sei inzwischen jeder an jedem Ende der Welt in der Lage, die Entwicklungen auf den Finanzmärkten zu verfolgen. "Die meisten beobachten, was ihre Vorbilder tun und eifern ihnen nach. Die Konsequenz: Alle folgen zur gleichen Zeit bestimmten Strömungen und verstärken sie dadurch".

Gerade dieser "Lemming"-Effekt macht es aber besonders schwierig, Regulierungen für die Finanzmärkte zu entwerfen. Denn dass die Mehrheit einigen Vordenkern blind folgt, ist vielleicht Blödheit - ungesetzlich ist es nicht.

Bliebe zuletzt die Möglichkeit, die Bankmanager auf eine besonders ethische Verhaltensweise zu verpflichten. Ein Gedanke, der Persaud nur ein freundliches Lächeln entlockt. "Ich habe mit einem Kollegen John Plender zusammen ein Buch über Ethik für die Finanzmärkte geschrieben ("Ethics and Public Finance" - die Red.). Es wurde das aufwendigste und dickste Buch, an dem ich je beteiligt war." Es sei zweifellos eines seiner wichtigsten Werke, fügt der Gelehrte hinzu. "Doch es war das Buch, das sich am schlechtesten verkauft hat."

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