Commerzbank-Kursrally Der kühne Flug des Martin Blessing

Die Aktie der Commerzbank hebt ab - in sechs Monaten hat sich der Wert mehr als verdreifacht. Bankchef Martin Blessing hat die Rally mit einer optimistischen Prognose angeheizt. Das Institut ist eine Wette auf rasche Erholung der Konjunktur und der Finanzmärkte - mit allen Chancen und Absturzrisiken, die damit einhergehen.

Hamburg - So sieht Kaufpanik aus. Um mehr als 30 Prozent hat die Aktie der Commerzbank  seit Donnerstag zugelegt. Tägliche Kurssprünge von mindestens 5 Prozent scheinen derzeit die Regel.

Die These, dass das seit der Übernahme der Dresdner Bank tief gestürzte Finanzinstitut zu den größten Gewinnern einer wirtschaftlichen Erholung zählen könnte, findet unter Anlegern offenbar immer mehr Freunde: Seit ihrem Tiefstand Anfang März hat sich die Aktie mehr als verdreifacht und mit ihrer Halbjahresperformance sogar den Branchenprimus Deutsche Bank  hinter sich gelassen.

Steht das Finanzinstitut, das 2008 6,3 Milliarden Euro Verlust schrieb und erst Anfang dieses Jahres durch eine Teilverstaatlichung gerettet werden musste, bereits wieder vor einer hochprofitablen Zukunft? Bankchef Martin Blessing hat die Kursrally in der vergangenen Woche persönlich angeheizt, als er in einem Zeitungsinterview in Aussicht stellte, die Commerzbank könnte möglicherweise bereits im Jahr 2010 wieder Gewinne erzielen.

"Solche optimistischen Aussagen wirken doppelt stark, wenn die Mehrzahl der Beobachter negativ für das Unternehmen eingestellt war und einige nun eventuell ihre Bewertung überdenken", sagt Analyst Philipp Häßler vom Frankfurter Investmenthaus Equinet. "Momentum" entsteht: Anleger kaufen, weil andere kaufen. Der Kurs schießt empor wie Pflanzen nach einem Regen in der Wüste.

Dreifache Wette auf Erholung der Märkte

Keine deutsche Bank hat aktuell so viele Kredite an die deutsche Wirtschaft vergeben wie die Commerzbank. Keine andere deutsche Bank will ihre Bilanzsumme in Zukunft derart stark reduzieren und Geschäfte abstoßen. Außerdem hat die Commerzbank noch immer reichlich toxische Wertpapiere (ABS Portfolio) im Volumen von rund 50 Milliarden Euro in den Büchern, überwiegend als Erbe der Dresdner Bank. Auf Grund dieser Struktur ist das Institut in der Tat eine Wette auf die Erholung der Konjunktur, der Kapitalmärkte und des M&A-Marktes - mit allen Chancen und Risiken, die damit einhergehen.

Beispiel Kreditbuch: "Wenn sich die Konjunktur in Deutschland rasch und deutlich erholt, ist das positiv für die Commerzbank als aktuell größter Kreditgeber der deutschen Wirtschaft", sagt Häßler. Doch wenn die Erholung ins Stocken gerate, drohen dem Institut zusätzliche massive Kreditausfälle: "Das würde sich negativ auf die Risikovorsorge auswirken."

Beispiel faule Kredite: Abschreibungen auf toxische Wertpapiere haben den Banken im vergangenen Jahr regelmäßig die Bilanzen verhagelt. Die Commerzbank fährt mit kritischen Wertpapieren in Milliardenhöhe weiterhin ein hohes Risiko - kann bei einer Entspannung der Finanzmärkte und im Falle einer Aufwertung der lange Zeit nicht handelbaren strukturierten Produkte aber auch profitieren. "Für Außenstehende ist dies eine black box - doch wenn Commerzbank-Chef Blessing von möglichen Aufwertungen bei den strukturierten Papieren spricht, hoffen viele auf einen positiven Effekt", sagt Häßler.

Problemkredite: Aufwertungen bei Giftpapieren möglich

Der Hebel, der im Jahr 2008 die Bilanzen zertrümmerte, könnte bei einem weiteren Auftauen der Finanzmärkte für positive Überraschungen sorgen. Die Erholung des strukturierten Portfolios könne möglicherweise sogar die Ausfälle im klassischen Geschäft mit Firmenkrediten ausgleichen, sagte Blessing im Interview.

Während Beobachter dem Commerzbank-Chef nach der Übernahme der Dresdner Bank noch einen "guten Flug" mit dem erworbenen Problemportfolio wünschten, hat Blessing seinen Kritikern mit den jüngsten Äußerungen sinngemäß geantwortet: "Danke, wir gewinnen an Höhe."

16 Milliarden Euro Staatshilfe, 1,5 Milliarden Euro Zinslast

Neue Phantasien um Eurohypo

Ähnliches gilt für den M&A Markt. Das Geschäft mit Fusionen und Übernahmen zeigt erste Erholungszeichen - jüngstes Beispiel ist die Attacke des Lebensmittelriesen Kraft Foods  auf Cadbury's.

Damit steigt auch die Hoffnung der Anleger, dass die Commerzbank zum Beispiel ihre Tochter Eurohypo zu einem guten Preis verkaufen und ihre Restrukturierung schneller vorantreiben kann. Zudem teilte das Institut am Mittwoch mit, seine Beteiligung an Gea abgstoßen zu haben. Doch auch diese Wette auf rasche Restrukturierung geht nur auf, wenn sich die Erholung im Segment gradlinig fortsetzt.

16 Milliarden Euro Staatshilfe, 1,5 Milliarden Euro Zinsen pro Jahr

"Bei allen aufblühenden Hoffnungen sollte man nicht übersehen, dass die Commerzbank vom Staat gestützt wird, dafür Zinsen zahlen muss und ohne Staats- und Hybridkapital immer noch schwach kapitalisiert ist", sagt Häßler.

Für die rund 16 Milliarden Euro Eigenkapital, die der staatliche Rettungsfonds Soffin der Commerzbank zur Verfügung gestellt hat, werden voraussichtlich ab 2011 rund 9 Prozent Zinsen, also 1,5 Milliarden Euro pro Jahr fällig.

Angesichts dieser Zinslast ist es nicht verwunderlich, dass Blessing das Staatsgeld an seinen 25-Prozent-Eigner Bund so rasch wie möglich zurückzahlen will. "Doch es dürfte noch Jahre dauern, bis diese Belastung abgetragen ist", sagt Häßler.

Verstärkte Diskussion um Eigenkapital

Bund mit Einstiegskurs von 6 Euro, Streit um Eigenkapitalauflagen

Zudem treffen die jüngsten Forderungen aus Brüssel sowie der G20-Finanzminister, die Kapitalanforderungen an Banken zu erhöhen, die Commerzbank an einem besonders kritischen Punkt. Kreditinstitute mit vergleichsweise geringem Kernkapital (Core Tier 1) dürften besonders unter verschärften Auflagen leiden, meint der Experte von Equinet.

Er hält die Commerzbank-Aktie auf dem aktuellen Niveau für "deutlich überbewertet". Kommt die aktuelle Erholung an den Märkten ins Stocken, haben Käufer der Commerzbank-Aktie kurzfristig einiges zu verlieren.

Für den Bund hingegen könnte sich der rettende Einstieg bei der darbenden Commerzbank  langfristig als lohnendes Geschäft erweisen: Von den rund 18 Milliarden Euro, die der staatliche Rettungsfonds Soffin der bedrängten Bank zur Verfügung gestellt hat, flossen rund 16 Milliarden Euro ins Eigenkapital der Bank, die sich der Bund mit 9 Prozent verzinsen lässt.

Für weitere knapp 2 Milliarden Euro sicherte sich der Bund über eine Kapitalerhöhung eine Sperrminorität von 25 Prozent plus einer Aktie an der Commerzbank - zu einem Einstiegskurs von 6 Euro. Diese Kursmarke hat die Aktie inzwischen deutlich übertroffen - und der Bund will nach offiziellen Angaben bei seinem Engagement einen langen Atem zeigen.