Hedgefonds Geburtstag eines Schmuddelkinds

60 Jahre gibt es Hedgefonds inzwischen. Doch von dem Bild eines milden Jubilars ist die Branche weit entfernt. Und auch die deutsche Politik hilft nicht gerade, das Bild der Branche zu ändern.
Von Arne Gottschalck

Hamburg - Es war einmal ein Journalist, so beginnt die Geschichte der Hedgefonds. Alfred Winslow Jones arbeitete eine Zeit beim Magazin "Fortune" und rechnete offenbar gern. Er fand heraus, dass ein Geldmanager idealerweise von steigenden und fallenden Kursen profitieren sollte. Irgendwann wagte er den Sprung und gründete mit vier Freunden eine Gesellschaft, die diese Erkenntnis in die Praxis umsetzte. Damit hatte er den ersten Hedgefonds der Welt aus der Taufe gehoben. Genau 60 Jahre ist das jetzt her.

Bei Winslows Erben ist man sich der Geschichte durchaus bewusst. Entsprechend elegant und erwachsen wird sie auf der Homepage von A. W. Jones präsentiert, jener Stammgesellschaft des Gründers.

Erwachsen ist die Branche inzwischen tatsächlich geworden. Rund zwei Billionen Dollar bündelt sie mittlerweile. Weg von der "Nischenindustrie" habe sich die Branche entwickelt, sagt auch Henning von Issendorff von Tungsten Capital Management. Nur "leider ist diese Entwicklung an Deutschland vollkommen vorbeigegangen." Und so bleibt es ein eher stiller Geburtstag.Auch wenn man sich ostentativ um gute Stimmung bemüht.

"Geburtstage sind immer etwas Erfreuliches. Der Ursprungsgedanke von Alfred Winslow Jones, auch auf fallende Kurse zu setzen, ist heute aktueller denn je. Gerade die Krise zeigt doch, wie wichtig es ist, ein stabiles, breit diversifiziertes Portfolio aufzubauen", sagt zum Beispiel Markus Sievers, Geschäftsführer von Apano. Das Unternehmen bündelt die Hedgefonds aus dem Hause Man Investments in Zertifikaten. In der Tat gab es nur wenige Investments, die im Krisenjahr 2008 an Wert hatten gewinnen können. Strategien wie "managed futures" gehörten dazu. Das ist die Habenseite.

Auf der anderen Seite haben bestimmte Strategien auch gelitten - "besonders jene, bei denen zum Beispiel kurzfristige Finanzmittel in langfristige und illiquide Anlagen investiert wurden", ergänzt von Issendorff. Außerdem ist das intellektuelle Gerüst der Hedgefonds für viele schlicht zu kompliziert. Strategien wie "merger arbitrage" oder "equity long/short" sind nicht nur vom Namen her wenig eingängig - sie sind auch nicht leicht zu verstehen.

Noch schwieriger wird es, wenn Fondsanbieter all diese Strategien in einem Produkt bündeln oder es dem Anleger überlassen, welche Strategie in welchen Zeiten die angemessene wäre. Abgesehen davon waren sie ursprünglich ein elitäres Investment, für das der Anleger einen fünfstelligen Betrag hinlegen musste. Und trotz der positiven Ausnahmen haben Hedgefonds im Jahr 2008 teilweise keine besonders gute Figur gemacht - Anleger, die ihr Geld wiederhaben wollten, zwangen die Manager zum Ausverkauf, was den generellen Kursverfall noch beschleunigt haben dürfte.

Andere Großinvestoren reagieren inzwischen schon einmal verschnupft. So hatte der Hedgefonds Efficient Capital Structures (ECS) mit seiner Beteiligung von 210.000 Aktien an Vodafone  2007 gefordert, der Mobilfunker möge unter anderem seine Verschuldung verdoppeln. Der Vorstand winkte ab. Und andere Profianleger witterten dahinter den Versuch, Kurse in die gewünschte Richtung zu treiben. Warren Buffett, Nestor der Geldanlage, verglich sie daher mit einem Rattenfänger.

All das macht es der deutschen Politik leicht, Hedgefonds als Watschenmänner zu nutzen. Eine deutsche und ganz generelle Aversion gegen Kapitalanlage? Bei einigen Politikern scheint das der Fall zu sein. Altkanzler Helmut Schmidt zum Beispiel hat bereits 2007 der Aktie die Tauglichkeit zur Altersvorsorge abgesprochen. Und Franz Münteferings Generalabrechnung, in der er 2005 Hedgefonds und Private Equity in Bausch und Bogen als "Heuschrecken" bezeichnete, klingt der Branche noch heute in den Ohren. Politiker, so Sievers Fazit, erklären Hedgefonds in ihrer Gesamtheit eben "zur Wurzel allen Übels", so Sievers.

"Hedgefonds ist ein tolles Imponierwort", findet Kommunikationsexperte Hasso Mansfeld, der auch Apano berät. "Es hört sich exotisch an, die Verwendung soll Kompetenz und tiefes Insiderwissen vermitteln. So können auf Lieschen-Müller-Niveau die Ursachen der Krise erklärt und auch gleichzeitig deren Lösungen präsentiert werden." Die Finanzbranche hätte es selber in der Hand gehabt, das zu ändern.

Die guten Wünsche für die Zukunft

"Die Branche selbst trägt natürlich auch Schuld. Sie hat anfangs geschwiegen und so lange Zeit kaum zu einem differenzierteren Bild beigetragen. Sie war gewohnt, im Verborgenen zu agieren. Die Kommunikation konzentrierte sich auf einige wenige Großinvestoren."

Tatsächlich fußt der Erfolg mancher Strategie eben darauf, im Verborgenen zu agieren. In Amerika ist es durchaus üblich, dass Fondsmanager auch ihren Anlegern nicht genau sagen, was sie mit deren Geldern anstellen. Und solange es gut geht, beschwert sich niemand. Doch was, wenn aus strahlenden Siegergestalten gramgebeugte Sachwalter werden? So wie im Fall von Amaranth, der sich zum Energiefonds und damit zum Problemfall entwickelte. Experten sprechen vom "style-drift", wenn sie so einen schleichenden Wechsel des Anlageschwerpunkts beschreiben.

Doch selbst die Profis reden inzwischen der Transparenz das Wort. "Zu begrüßen wäre es, wenn die Hedgefondsbranche insgesamt transparenter würde, vor allem aus Sicht der Privatanleger. Marktführer setzen dort schon sehr gute Standards", sagt Sievers. "Die vom Hedgefonds Standard Board definierten Transparenzkriterien sind bislang aber nur von knapp 50 Unternehmen unterschrieben worden. Angesichts einer Gesamtzahl von weltweit 6700 Singlefonds ist das noch viel zu wenig." Dieser Katalog ist Anfang 2008 verabschiedet worden und regelt zum Beispiel, dass Hedgefondsmanager in den Werbeunterlagen erklären sollen, dass ihre Politik darauf abziele, Marktmissbrauch zu verhindern.

Wünsche bleiben dennoch offen. "Zunächst einmal empfehle ich den Verantwortlichen, sich darüber zu informieren, wie heterogen die Branche ist", sagt Sievers. "Es gibt nicht den Hedgefonds, auch sind Hedgefonds keine Asset-Klasse im eigentlichen Sinn. Hedgefonds sind eher eine Anlagephilosophie, deren Kerngedanke es ist, sich von alleinigen Aktienaufwärtsbewegungen unabhängig zu machen."

Der wichtigste Schritt dürfte sein, dass die Protagonisten sich selbst beim Wort nehmen. Vielleicht ist die Internetpräsenz des Unternehmens von Alfred Winslow Jones ein gutes Beispiel für ungeschicktes Verhalten. Dort wird viel über die Geschichte geredet, es wird über Risiken räsoniert. Und Presseanfragen werden geflissentlich ignoriert.