Banken und Eigenkapital "Fatal, wenn der alte Wettbewerb zurückkehrte"

Die G20-Finanzminister lassen sich mit einer Verschärfung der Eigenkapitalanforderungen Zeit - zudem soll es Sache der einzelnen Länder bleiben, über die Höhe des Risikopuffers zu entscheiden. Bankenexperte Wolfgang Gerke befürchtet die Rückkehr des fatalen, alten Wettbewerbs: Er unterstützt die Idee, dass Banken in guten Zeiten ihre Reserven zwangsweise erhöhen.

mm.de: Die G20-Finanzminister haben sich im Grundsatz auf größere Risikopuffer für Banken geeinigt. Verschärfte Eigenkapitalregeln, die noch erarbeitet werden müssen, sollen vermutlich erst 2012 in Kraft treten. Besteht die Gefahr, dass mit einer anziehenden Weltkonjunktur und stabileren Bankbilanzen am Ende nicht mehr als die Absichtserklärung übrig bleibt?

Gerke: Die Gefahr ist gegeben, auf der anderen Seite aber besteht die latente Angst, dass sich so eine Krise wiederholen könnte. Ich hoffe, dass diese Angst die Politiker dazu bewegt, Basel II zu überarbeiten und zum Beispiel die Ausschüttungen an Aktionäre und Mitarbeiter nach strengeren Kriterien zu regeln, um so schon auf diesem Wege die Eigenkapitalbasis der Banken zu stärken.

mm.de: Wie sinnvoll erscheint es Ihnen, nationale Aufsichtsbehörden über die Angemessenheit der Eigenkapitalausstattung der Banken in letzter Instanz entscheiden zu lassen. Droht hier womöglich ein Dumping-Wettstreit der Nationen?

Gerke: Wir leben in einer internationalen Finanzwelt mit einer starken Bankenkonzentration, wo die großen Institute weltweit aktiv sind. Da macht es keinerlei Sinn, ihnen mit nationalen Aufsichtskriterien zu begegnen. Es wäre fatal, wenn der alte Wettbewerb zurückkehrte und Finanzplätze wie Dublin oder Cayman Islands es mit einer schwächeren Aufsicht und laxeren Anforderungen wieder schafften, zweifelhafte Finanzgeschäfte an sich zu ziehen.

Es gilt, eine Lektion aus der Finanzkrise zu lernen. Sie lautet: Es müssen überall gleiche Aufsichtskriterien und gleiche Regularien herrschen. Und es muss eine Institution geben, die die Einhaltung der weltweit geltenden Kriterien kontrolliert.

mm.de: Welche Institution könnte diese Aufgabe übernehmen?

Gerke: Es sollte dafür am besten eine weltweit unabhängige Institution geschaffen werden. Man könnte diese Aufgaben aber auch bei den Vereinten Nationen oder der Weltbank ansiedeln.

mm.de: Offenbar haben die G20 vor allem sogenannte systemrelevante Banken im Blick. Diskutiert wird, dass diese bis zur Hälfte ihres Gewinns zur Stärkung der Eigenkapitalquote verwenden sollen. Ist eine mögliche Beschränkung auf systemrelevante Banken angezeigt?

Gerke: Ich halte die Idee für richtig, dass Banken in guten Zeiten ihre Reserven zwangsweise zu bedienen haben. Sonst besteht die Gefahr, dass Gewinne wieder privatisiert und Verluste sozialisiert werden, in dem der Steuerzahler in Not geratenen Instituten helfen muss. Hohe Gewinne gehen häufig mit langfristig höheren Risiken einher. Deshalb ist es sachgerecht, einen Teil dieser Gewinne zwangsweise zur Eigenkapitalausstattung vorzusehen.

mm.de: So weit zum möglichen Zwang der Gewinnverwendung. Doch sollte dies nur für systemrelevante Banken gelten?

Gerke: Es dürfte noch einige Schwierigkeiten bereiten, genau abzugrenzen, welches Institut systemrelevant ist und welches nicht. Eine einzelne Sparkasse oder Genossenschaftsbank ist es sicherlich nicht. Wir dürfen uns dabei allerdings nicht auf ein paar wenige internationale Adressen beschränken. Wenn wir auf die Fälle IKB, Hypo Real Estate oder HSH Nordbank blicken, stellen wir fest, dass im internationalen Vergleich noch verhältnismäßig kleine Institute auch eine Systemrelevanz besitzen können.

mm.de: Also definitiv gleiche Regeln für alle?

Gerke: Die Regeln sollten schon abgestimmt sein. Es macht wie gesagt keinen Sinn, eine einzelne Genossenschaftsbank mit gleichen Regeln zu überziehen wie eine große Investmentbank, wenn Erstere in einem Einlagensicherungssystem einbezogen ist, sodass ihr Zusammenbruch zu keinerlei Konsequenzen für das Finanzsystem führen würde.

mm.de: Stichwort "too big to fail". Lässt sich mit verschärften Eigenkapitalregeln die Größe einer Bank eindämmen?

Gerke: Nein, das glaube ich nicht. Ich halte es indes auch für problematisch, eine Bank bei einer bestimmten Größe zerschlagen zu wollen oder Größe zu verbieten, wie dies zeitweilig diskutiert wird. Die Größe einer Bank kann ja auch daraus resultieren, dass sie schlicht eine bessere Geschäftspolitik betrieben hat als die Mitbewerber.

Gleichwohl kann Größe eine Gefahr für das System und insbesondere für den Wettbewerb darstellen. Ich sehe im internationalen Investmentbanking in Zukunft weniger Wettbewerb als in der Vergangenheit. Das kann sich niederschlagen in höheren Spreads. Insofern müssen die Kartellbehörden die Größe eines Finanzkonzerns zweifelsohne im Auge behalten. Mit Blick auf die Systemrelevanz sind wir aber noch nicht so weit, dass wir Größe verbieten müssen.