Börse und Politik "Die Feindbilder haben sich abgenutzt"

Kaum kassiert die CDU zwei heftige Wahlschlappen, beginnen Wirtschaftsverbände zu zittern. Reicht es bei der Bundestagswahl doch nicht für die allseits erhoffte schwarz-gelbe Regierung? An der Börse sehen Investoren die Lage gelassener. Alte Horrorszenarien mit viel Rot und Grün haben ihren Schrecken weitgehend verloren.

Hamburg - Die Reaktion kam schnell - und nicht ganz unerwartet. Koalitionen mit der Linkspartei seien bitte zu vermeiden, appellierte BDI-Präsident Hans-Peter Keitel in einer ersten Stellungnahme zu den Landtagswahlen in Thüringen, dem Saarland und Sachsen vom Sonntag, bei denen die CDU durchgehend verloren hatte. "In allen drei Ländern besteht die Möglichkeit der Zusammenarbeit der Parteien, die sich eindeutig zur sozialen Marktwirtschaft bekennen." Genau für diese stellt die Linke aus Keitels Sicht offenbar eine ernste Gefahr dar.

An der Börse sahen Investoren die Situation am Montag dagegen eher gelassen. Gemessen an den lauten Warnungen aus Industrie- und Wirtschaftsverbänden vor möglichen linken Konstellationen nahm sich der Tagesverlust im Dax von einem Prozent bescheiden aus.

Dabei haben sich die Chancen für die von vielen Unternehmern erhoffte schwarz-gelbe Mehrheit bei der Bundestagswahl am 27. September mit dem Ergebnis vom Sonntag nicht eben verbessert. Längere Laufzeiten für Atomkraftwerke, eine unternehmerfreundliche Steuerreform, der Verzicht auf eine Börsenumsatzsteuer und einen lockereren Kündigungsschutz - diese und andere Projekte sehen manche nun in Gefahr.

Doch wo ist an den Börsen der tiefe Schock, ausgelöst beispielsweise von Schreckgespenst Oskar Lafontaine, der mit seinen Linken an der Saar mal eben mehr als 20 Prozent holte?

"Schwarz-Gelb ist am Markt noch nicht eingepreist", sagt Kapitalmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank. Der Wahlsonntag habe das verdeutlicht und auf diese Weise dennoch Wirkung auf dem Parkett entfaltet. "Den Investoren ist noch einmal vor Augen geführt worden, dass eine Regierung aus Union und FDP kein Selbstläufer ist. Außerdem zeigt das Abschneiden der Linkspartei im Saarland, dass sie im Westen hoffähig geworden ist."

"Investoren im Energiesektor sind verängstigt"

Doch welche Unternehmen betrifft das wirklich? SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier hat ein Zusammengehen mit der Linken im Bund kategorisch ausgeschlossen. Noch glauben ihm offenbar die meisten Anleger. Eher beschäftigt sie die Sorge, dass die Große Koalition weitermacht und unternehmensfreundliche Reformprojekte unter einer Regierung Angela Merkel (CDU)/Guido Westerwelle (FDP) entfallen.

Nur in einzelnen Wirtschaftszweigen schauen Anleger wirklich gebannt auf die politische Großwetterlage. "Investoren im Energiesektor sind verängstigt", sagt der auf Energiewerte spezialisierte Analyst Theo Kitz vom Bankhaus Merck Finck. "Der Markt hat auf die Wahlen reagiert."

Für Großversorger wie Eon  und RWE  geht es tatsächlich um viel. Sollte die nächste Bundesregierung die Laufzeit der Atommeiler verlängern, winken ihnen zusätzliche Erträge. "Da steht ein jährlicher hoher dreistelliger Millionengewinn auf dem Spiel", sagt Kitz. Ein solcher möglicher Geldregen lässt Dividendenfantasien blühen - auch wenn Union und FDP bereits angedeutet haben, einzelne Kraftwerke auf ihre Sicherheit zu untersuchen und Extragewinne zu besteuern.

In vielen anderen Branchen schauen Investoren dagegen weit weniger ängstlich auf die Wählermassen. Eine abrupte Konsumflaute ist kaum zu erwarten, weil die Verbraucher ihre Ersparnisse aus Angst vor der Linkspartei unter das Kopfkissen packen. Ebenso wenig erscheint denkbar, dass die Erneruerbare-Energien-Branche einen Bogen um Deutschland macht, weil Schwarz-Gelb die Atomkraftwerke länger laufen lässt.

Unter dem Strich sei der Einfluss von Wahlen auf Dax-Konzerne eher zu vernachlässigen, sagt Folker Hellmeyer, Ökonom und Chefanalyst Bremer Landesbank. "Diese Unternehmen hängen primär von der Entwicklung internationaler Märkte ab." Themen wie die Deregulierung des Arbeitsmarkts oder eine neue Börsenumsatzsteuer ließen die Investoren nicht kalt, übten aber eher mittel- bis langfristig einen Einfluss auf das Investorenverhalten aus.

Zudem schwinden die Möglichkeiten einer Bundesregierung, entscheidend Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung zu nehmen, wie Aktienstrategen beobachten. "Im Vergleich zu Zeiträumen vor 20 bis 30 Jahren sind nationale Regierungen in ihren Gestaltungsspielräumen heute sehr viel stärker eingeschränkt als zuvor", sagt Hellmeyer.

Rot-Grün unter Schröder hat viele Ängste beseitigt

Das ist der Tribut, den die nationale Politik an die wachsende Macht internationaler politischer Akteure wie die Europäische Kommission und Vereinigungen wie G7 bis G10 zahle, sagt Hellmeyer. "Hier werden zum Beispiel maßgeblich die Bedingungen für Subventionsprogramme für die Finanzwirtschaft oder andere wichtige Segmente nationaler Volkswirtschaften festgelegt."

Daher würde eine auf die Wirtschaft zugeschnittene Rote-Socken-Kampagne auch immer weniger Unternehmer begeistern. "Die alten Feindbilder haben sich abgenutzt", sagt Aktienstratege Halver. Mitverantwortlich dafür ist nicht zuletzt die rot-grüne Regierungszeit unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD). "Die Agenda 2010 hat vielen vor Augen geführt, dass niemand an bestimmten Grundelementen der Wirtschaftspolitik vorbeikommt."

Doch wird die Bundestagswahl Ende September deshalb gänzlich an den Marktteilnehmern vorbeiziehen? Verbinden sich mit einzelnen Parteien doch auch unterschiedliche Lösungsansätze, wie etwa auf die Krise zu reagieren ist.

Da sind die marktfreundlichen Ansätze der FDP zu Arbeitsmarkt, Erbschaftsteuern oder Gesundheitssystem. In eine ähnliche Richtung zielte das nach dem Bundeswirtschaftsminister benannte "Guttenberg-Papier", dessen Bedeutung die Union aus Angst vor einem Lagerwahlkampf allerdings schleunigst relativierte.

Da sind andererseits die unterschiedlichen Konzepte zum Umgang mit der immensen Staatsverschuldung: Sollen die Sozialleistungen abgebaut werden, um das Defizit in den Griff zu bekommen, wie es die Liberalen postulieren? Oder sollen die Gutverdiener und Vermögenden über zusätzliche Abgaben die Zeche zahlen, wozu das linke Lager tendiert? Verabreicht eine Große Koalition oder gar eine linke Regierung den Banken besonders dicke Giftpillen? Erschwert sie die Arzneimittelforschung?

Investoren verfolgen solche Fragen durchaus mit Interesse, sagt Gianni Hirschmüller, Direktor und Gesellschafter von Cognitrend. Dennoch habe der Markt derzeit andere Probleme: "Zum einen hat der Gesamtmarkt die Finanzkrise noch längst nicht vollständig verarbeitet. Zum anderen stellen wir fest, dass viele mittelfristig orientierte Investoren noch nicht die Kurve bekommen haben, den Aufschwung am Aktienmarkt überhaupt mitzugehen."

Große Überraschungen von der Bundestagswahl erwarteten die meisten Investoren ohnehin nicht. Die Reaktionen der Märkte dürften sich deshalb in Grenzen halten.

Und was, wenn sich nach dem 27. September wider Erwarten doch die politische Regierungskonstellation Rot-Rot-Grün abzeichnen sollte? "Das wäre wirklich eine faustdicke Überraschung", sagt Hellmeyer. "Dann werden wir sicherlich in einigen Segmenten und Branchen Kursreaktionen sehen. Aber auch das dürfte nicht lange anhalten."

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