Wirtschaftskrise Spät rein, früh raus

Lange hatte die deutsche Wirtschaft im Vorjahr dem globalen Abwärtsdrall widerstanden, um dann umso heftiger in die Rezession zu rutschen. Jetzt scheint der Moment für die Aufwärtswende gekommen zu sein: Experten schrauben ihre Wachstumsprognosen auf einen Schlag in die Höhe. Schafft es die hiesige Wirtschaft weltweit mit als erste aus der Krise?

Hamburg - Der Export galt zuletzt als Achillesferse der deutschen Wirtschaft: Weil die Unternehmen hierzulande traditionell viele Waren an Kunden im Ausland verkaufen, spürten Deutschlands Firmen den gleichzeitigen Wirtschaftsabschwung großer ausländischer Handelsnationen besonders hart. Denn bei den Unternehmen hierzulande blieben die wichtigen Auslandsorders plötzlich aus - und entsprechend tief versank die hiesige Wirtschaft in der Rezession. Jetzt aber gibt es Hinweise, dass deutsche Unternehmen nicht zuletzt durch diese Exportlastigkeit wieder aus der Rezession herausgeführt werden. Und geradezu beispielhaft dafür steht die Entwicklung der hiesigen Industrie.

Nach heutigen Angaben des Statistischen Bundesamtes hat die deutsche Industrie im Juni zwar deutlich weniger Umsatz gemacht als im Vorjahresmonat. Die Erlöse brachen geradezu horrend um 17,7 Prozent gegenüber dem vergangenen Rekordjahr ein. Doch im Vergleich zum Vormonat ergab sich im Juni ein Plus von 1,5 Prozent. Und getragen wurde diese Wende vor allem vom Export: Während das Geschäft mit inländischen Abnehmern im Vergleich zum Vormonat immerhin um 1,2 Prozent zulegte, verzeichnete der Auslandsumsatz schon ein Wachstum von 1,9 Prozent.

Damit profitieren deutsche Unternehmen vergleichsweise schnell von der wirtschaftlichen Belebung im Ausland, die dort nicht zuletzt von den weltweiten Konjunkturprogrammen angefeuert wird. Die Folge: Die deutschen Exporte sprangen zuletzt mit verblüffenden 7 Prozent so stark in die Höhe, wie seit September 2006 nicht mehr, hat jetzt das Statistische Bundesamt mitgeteilt. Und weil die Einfuhren nicht ganz so stark zulegten, hievt der Export die hiesige Wirtschaft zusehends aus der Rezession.

Die Chefvolkswirte mehrerer großer Banken haben ihre Wachstumsprognosen für Deutschland im Jahr 2010 dann auch prompt deutlich angehoben. "Die weltweite Industrieproduktion kommt in Fahrt, und Deutschland wird gut dabei sein", sagte Merrill-Lynch-Europa-Chefökonom Holger Schmieding der "Welt am Sonntag. "Wir erwarten einen starken Anstieg der Wirtschaftsleistung, der nach dem Sommer spürbar wird und zum Jahresende richtig an Fahrt gewinnt", fügte er hinzu.

Schmieding geht davon aus, dass sich die positive Entwicklung auch im kommenden Jahr fortsetzen wird. Er hat daher seine Wachstumsprognose für 2010 kräftig angehoben: von zuvor 1,2 Prozent auf plus 2,0 Prozent.

Auch der Chefökonom von M.M. Warburg, Christian Klude, erwartet für das laufende dritte Quartal "einen Wachstumssprung". Für das kommende Jahr erhöhte der Experte seine Prognose von 0,7 Prozent auf 1,7 Prozent. Und Der Deutschland-Chefökonom von Unicredit , Andreas Rees, hob seine Prognose gar von 0,9 Prozent auf 2,0 Prozent an.

Auch der Frühindikator der Commerzbank , der so genannte "Early Bird", legte weiter auf 1,38 Punkte zu, wie die Bank heute mitteilte. Der erneute Anstieg im Juli zeige immer bessere konjunkturelle Rahmenbedingungen in Deutschland an. "Es zeigt sich, dass die belastenden Faktoren schon äußerst gravierend sein müssen, um eine spürbare Erholung der Wirtschaft zu verhindern", glauben die Commerzbank-Experten.

Im Tal der Rezession

Über den Berg ist die deutsche Wirtschaft nach Expertenmeinung aber bei weitem noch nicht. Die neuen Daten signalisieren ihrer Meinung nach zwar die herbeigesehnte Aufwärtswende. Die aktuelle Lage aber ist unter dem Strich noch immer schlecht: Auf Jahressicht rangieren beispielsweise genau die Hoffnung gebenden Exporte noch immer um horrende 22 Prozent unter den Rekordwerten aus dem Vorjahr. Und - nicht untypisch für wirtschaftliche Wendezeiten - die Unternehmenspleiten steigen.

Nach Angaben des statistischen Bundesamtes wurden von den Amtsgerichten im Mai 2663 Unternehmensinsolvenzen gemeldet. Das sind 14,9 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. "Wir befinden uns derzeit noch in der Abwärtsspirale, die dadurch befeuert wird, dass Insolvenzen oft Folgeinsolvenzen nach sich ziehen", sagte Siegfried Beck, Vorsitzender des Verbandes der Insolvenzverwalter Deutschlands. Und auch die Arbeitslosenzahl wird wohl noch deutlich steigen, bis die Wende nicht nur für Ökonomen erkennbar wird.

So rechnen Wirtschaftsexperten hierzulande wieder mit mehr als vier Millionen Arbeitslosen im kommenden Januar. "Das dicke Ende einer Rezession kommt immer am Arbeitsmarkt. Wir werden ansteigende Arbeitslosenzahlen sehen. Aber bisher hat der Arbeitsmarkt besser als erwartet durchgehalten", sagte der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, den "Ruhr Nachrichten".

manager-magazin.de mit Material von ap, dpa und reuters