Bankmanager HRE-Pleite hätte Chaos ausgelöst

Der damalige Chef der HypoVereinsbank, Wolfgang Sprißler, hat Deutschland vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss als das "Epizentrum" der HRE-Pleite bezeichnet. Auch Commerzbank-Chef Martin Blessing nannte die möglichen Konsequenzen verheerend. Unterdessen wurde bekannt, dass eine neue Schadensersatzklage in Rekordhöhe auf die HRE zukommt.

Berlin/München - "Auf den internationalen Märkten hätte sich ein absolutes Chaos breitgemacht", sagte Wolfgang Sprißler, der damalige Vorstandsvorsitzende der HypoVereinsbank , am Mittwoch vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages in Berlin.

Die HRE sei von ihrer Größe her mit dem US-Institut Lehman Brothers vergleichbar. Zudem wäre das "Epizentrum" der HRE-Pleite in Deutschland gewesen, sagte er. Eine HRE-Insolvenz hätte laut Sprißler unkontrollierbare Risiken für die Finanzindustrie und die Realwirtschaft bedeutet.

Die Teilnehmer der HRE-Rettungsgespräche am letzten Septemberwochenende 2008 seien sich daher einig gewesen, dass es nicht zu einer HRE-Insolvenz kommen dürfe. Damals schnürten Privatbanken, Bundesbank, Finanzaufsicht und Bundesregierung nach langen Verhandlungen ein Rettungspaket für den Immobilienfinanzierer in Höhe von 35 Milliarden Euro. Es erwies sich später als nicht ausreichend. Zur Rettung der HRE wurden inzwischen mehr als 100 Milliarden Euro eingesetzt.

Auch Commerzbank-Chef Martin Blessing äußerte sich am Mittwoch vor dem HRE-Untersuchungsausschuss zur Pleite der Immobilienbank. Die Bundesregierung habe nach seinen Worten professionell mit den Privatbanken über die Rettung der Immobilienbank HRE verhandelt. Die Verhandlungsstrategie der Regierung habe die Bankvertreter unter Druck gesetzt, "Das war eine mutige Strategie, da habe ich viel von gelernt", sagte Blessing. Die Opposition wirft dem Finanzministerium dagegen vor, es sei unvorbereitet in die Verhandlungen am letzten Septemberwochenende 2008 gegangen und habe sich von den Banken über den Tisch ziehen lassen.

Die HRE war nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers ins Schlingern geraten, weil einander die misstrauisch gewordenen Banken im Anschluss kaum noch kurzfristige Kredite gaben. Die irische HRE-Tochter Depfa plc war für langfristige Projekte auf kurzfristige Darlehen von anderen Banken stark angewiesen.

Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen war erst am Sonntag gegen 17 Uhr zu den Verhandlungen dazugestoßen. Die Vertreter von Banken und Bankenaufsicht hatte bereits seit dem Samstagmorgen über Liquiditätshilfen für die HRE verhandelt. Blessing widersprach der Darstellung, Asmussen sei nicht vorbereitet gewesen: "Der war voll im Film, der wusste genau, um welche Dimension es geht." Das Ministerium habe auf die Taktik gesetzt, erst spät zu den Verhandlungen zu erscheinen, was wegen der Zeitnot bei den Beteiligten zu erhöhtem Blutdruck geführt habe.

"Da hat niemand vor niemand kapituliert"

"Ich habe nicht den Eindruck, dass Herr Asmussen da in die Verhandlungen reingestolpert ist", sagte Blessing. Damit widersprach er einem zentralem Vorwurf vor allem der FDP. Am Vortag hatte bereits Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gesagt, die Strategie der Regierung sei zwar gefährlich gewesen, habe den Banken aber 1,5 Milliarden Euro zusätzlich abgepresst.

"Wir haben eine schwierige und tragfähige Verhandlungslösung hinbekommen, da hat niemand vor niemand kapituliert", antwortet Blessing auf die Frage, ob die Bundesregierung vor den Banken eingeknickt sei. Wie Ackermann schilderte Blessing die möglichen Folgen einer HRE-Pleite als verheerend für die Finanzmärkte. Es habe ein gemeinsames Interesse zu einer Lösung gegeben.

Unterdessen wurde bekannt, dass neue Schadensersatzforderungen auf die HRE zukommen. Mehrere institutionelle Anleger wollen in einem Musterprozess rund 200 Millionen Euro Schadensersatz einklagen, wie eine Sprecherin des Landgerichts München I am Mittwoch bestätigte.

Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" (SZ, Mittwochausgabe) werfen sie dem Unternehmen vor, sie systematisch über die wahre Situation der HRE getäuscht zu haben. Am Donnerstag kommender Woche soll über ihren Schadensersatzantrag vor dem Landgericht München I verhandelt werden. Die Anleger hätten ihre Ansprüche an einen Juristen abgetreten, sagte die Gerichtssprecherin. Es handele sich um das bisher größte Verfahren in Sachen HRE, das zur Verhandlung anstehe.

Laut "SZ" verlangt der Jurist Christian Wefers aus Nordrhein-Westfalen für mehrere Kapitalanlagefonds aus Deutschland und anderen Ländern, die HRE-Aktien besitzen, in einem ersten Schritt mehr als 200 Millionen Euro Schadenersatz. Eine Aufstockung der Klage um mehrere Hundert Millionen Euro sei absehbar. Zu den Fonds zählten auch Pensionsgesellschaften, die Vermögen von Anlegern verwalten, das als Altersvorsorge gedacht sei.

manager-magazin.de mit Material von dpa-afx